Dienstag, 29. November 2022

Kommentar zu Kriminalstatistik
Gewalt gegen Frauen ist Gewalt gegen uns alle

Partnerschaftsgewalt trifft überwiegend Frauen, während die Täter meist Männer sind. Die Welle der Gewalt könne nur gestoppt werden, wenn das Umfeld sensibilisiert werde, kommentiert Dirk-Oliver Heckmann.

Von Dirk-Oliver Heckmann | 24.11.2022

    Im Hintergrund (unscharf) streitet sich ein Paar, im Vordergrund steht Alkohol auf einem Tisch, Symbolbild
    Laut der Polizeistatistik von 2021 wurden in Deutschland pro Stunde 13 Frauen Opfer von Gewaltdelikten. (picture alliance / photothek / Ute Grabowsky)
    Jede vierte Frau wird im Laufe ihres Lebens Opfer von Partnerschaftsgewalt – das heißt: Sie wird verletzt, genötigt, missbraucht – oder sogar getötet. Vom eigenen Mann oder Partner; oder vom Ex. Weil der es zum Beispiel nicht ertragen kann, seine Partnerin und damit seine Macht zu verlieren. 13 Frauen pro Stunde wurden Opfer von Gewaltdelikten.
    Davon geht die Bundesregierung jedenfalls aus. Denn: konkrete Zahlen, die das sogenannte Dunkel- wie das Hellfeld umfassen, gibt es bisher nicht. Innenministerin Nancy Faeser und Frauen- und Familienministerin Lisa Paus geben sich Mühe, mehr Licht ins Dunkel zu bringen. Und haben repräsentative Untersuchungen in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse zum Teil bereits vorliegen, teils aber noch auf sich warten lassen.
    Die offiziell vorliegenden Zahlen allerdings sind alarmierend genug. Zwar ist im vergangenen Jahr ein leichter Rückgang zu verzeichnen gewesen. Vergleicht man die aktuellen Zahlen aber mit denen vor fünf Jahren, ist ein signifikanter Anstieg zu beobachten.

    80 Prozent der Opfer sind weiblich

    143.000 Fälle von Partnerschaftsgewalt sind offiziell verzeichnet. Dabei ist die überwältigende Mehrheit der Opfer weiblich gewesen: 80 Prozent. Aber es gibt auch Männer, die zum Ziel von Aggression u Gewalttaten werden: fast 20 Prozent – gut möglich, dass hier das Dunkelfeld noch größer ist – weil Scham verhindert, dass Opfer die Taten öffentlich machen.
    Fest steht allerdings eins: Der Großteil der Täter ist männlich – rund drei Viertel sind es. Die Ursachen, so BKA-Chef Holger Münch: Eigene Gewalterfahrungen in der Kindheit; patriarchalische Strukturen; Alkoholmissbrauch; soziale Probleme.
    Wer jetzt allerdings glaubt, es handele sich um ein Problem im migrantischen Milieu – der täuscht sich. Partnerschaftsgewalt ist überall anzutreffen: In der Mitte der Gesellschaft genauso wie am Rand.

    Regierung will mehr Aufmerksamkeit für das Thema

    Was tun gegen diesen alarmierenden Befund?
    Polizei und Justiz sensibilisieren – wie auch die Öffentlichkeit. Opfer stärken. Täter zur Rechenschaft ziehen. Leichter gesagt als getan. Die Ampel-Koalition bemüht sich, dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu widmen – und mehr Erkenntnisse zu gewinnen. Sie kündigt an, das Netz an Hilfen für Frauen mit Gewalterfahrung bundesweit auszubauen. Und: Die beiden Ministerinnen legen Wert darauf, dass auch Polizei und Behörden Morde an Frauen als das ansehen, was sie sind: Femizide.
    Hier einen Kulturwandel zu erwirken – das ist sicher eine Aufgabe, die länger braucht als eine Legislaturperiode. So wie der Versuch, auch das Umfeld häuslicher Gewalt spürbar zu sensibilisieren. Erst wenn Frauen sicher sein können, dass ihre Meldung nicht ignoriert oder verharmlost und ihnen tatsächlich geholfen wird, kann die Welle der Gewalt gebrochen werden. Dabei ist die gesamte Gesellschaft gefragt. Ob online oder zuhause. Denn Gewalt gegen Frauen – das ist Gewalt gegen uns alle.