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StartseiteHintergrundFußball-Hooligans in Ostdeutschland01.06.2019

Gewalt von rechtsFußball-Hooligans in Ostdeutschland

Seit Jahren plagen sich die Fußballvereine Energie Cottbus und Chemnitzer FC mit Rechtsradikalen, die die anderen Fans dominieren und einschüchtern. Vereine und Städte suchen nach Gegenstrategien. Kritiker bemängeln, dass das längst nicht nachdrücklich genug geschehe.

Von Vanja Budde, Bastian Brandau und Sylvia Belka-Lorenz

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Pyrotechnik im Cottbuser Fanblock (imago images / Picture Point)
Das Problem der Hooligans gehe weit über die Städte und ihre Fußballverein hinaus, betont der Verfassungsschutz (imago images / Picture Point)
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Chemnitz, 9. März. Vor dem Heimspiel des Chemnitzer Fußballclubs rollen Anhänger in der Südkurve ein weißes Kreuz auf schwarzem Hintergrund aus. "Ruhe in Frieden, Tommy" steht auf einem Transparent. Salbungsvoll verliest der Stadionsprecher einen Gedenktext für den Verstorbenen, dessen Gesicht auf der Videoleinwand erscheint. Vermummte Anhänger des Chemnitzer FC entzünden vor schwarzen Transparenten weiß-rote Pyrotechnik.

"Eine Machtdemonstration, in jedem Fall."

Danilo Starosta vom Kulturbüro Sachsen beobachtet die extrem rechte Szene und berät Kommunen im Umgang mit Rechtsextremismus. An diesem Samstag im März gedenken Chemnitzer Fans eines bekannten Neonazis: Thomas Haller. Haller hatte Anfang der 1990er-Jahre die Hooligan-Gruppierung HooNaRa gegründet. Abkürzung für Hooligans, Nazis, Rassisten. Er war im März an Krebs gestorben. 

Hommage an einen verstorbenen Neonazi

"Selbst FußballexpertInnen, die dann dazu befragt wurden hatten schon ihr Erstaunen bekundet, dass das in dem Stadion mittels der offiziellen Möglichkeiten des Vereins möglich war. Also mit Stadiontafel, mit Stadionsprecheransage, mit Reaktion der Fanbeauftragten. Mit Reaktionen aus der Stadt, die für den Fußball verantwortlich sind. Und das hat eine neue Qualität damit gefunden, dass es eine Relativierung bestimmter Gewaltphänomene im Sport durch offizielle Stellen gibt." 

Mit der Kundgebung der Fans in der Südkurve ist es an diesem Nachmittag nicht getan. Nach einem Treffer reicht ein Mannschaftsbetreuer dem Chemnitzer Stürmer Daniel Frahn ein schwarzes T-Shirt. Der hält es jubelnd in die Fankurve. "Support your local hools" ist auf dem Shirt zu lesen. Auch das eine Hommage an den verstorbenen Neonazi Thomas Haller. Später sagt Frahn, er habe nicht gewusst, welche Bedeutung das T-Shirt gehabt habe. Thomas Haller hatte in den 1990er und 2000ern das gewaltaffine Chemnitzer Hooligan-Umfeld geprägt. Als Security-Unternehmer war er lange Jahre auch für den Sicherheitsdienst im Stadion verantwortlich. Bis 2007. Danilo Starosta vom Kulturbüro Sachsen:

"Der Kritikpunkt, der ausgemacht wurde, war nicht etwa, dass 'Haller Security' als besonders schlechte oder ungeeignete Firma auffiel, sondern, dass bekannt war, dass er bis auf den letzten bekannten Grad auch als Unternehmer immer weit verzweigt und vernetzt war in die organisierte Naziszene. Und das war der Stein des Anstoßes. Und ich glaube, dass jeder, der in Chemnitz öffentliche Diskurse verfolgte, davon wusste. Es gibt keine Chance, im gesellschaftspolitischen Diskurs Herrn Haller nicht zu kennen." 

Geschichte beginnt bereits zu DDR-Zeiten

Zumal Haller in der Vergangenheit auch für andere Sicherheitsdienste geleistet hatte: auf dem Stadtfest und auch, wie die Zeitung bekannte, auf Veranstaltungen der Chemnitzer Freien Presse. Die Geschichte extrem rechter Hooligan- Gruppierungen im Umfeld des Chemnitzer FC beginnt bereits zu DDR-Zeiten und setzt sich bis heute fort, sagt Anne Gehrmann vom Kulturbüro Sachsen.

"In den 90er-Jahren gab es HooNaRa, mit Haller. Das hat sich dann so Mitte der 2000er ein bisschen verlaufen. Zumindest offiziell. Dann gab es die "NS-Boys", die New Society Boys, die dann auch recht bald wieder Stadionverbot bekommen haben, 2006 glaube ich. 2008 die Gründung von Kaotic, die dann 2012 diverse Erscheinungsverbote verordert bekommen haben. Und das muss man begreifen als kontinuierliche Linie. Also es gibt so Autoren, die schreiben von Patenschaften, die Haller für anderen Gruppen hatte."

Nach einem Treffer hält Chemnitzer Stürmer Daniel Frahn jubelnd ein schwarzes T-Shirt in die Fankurve: "Support your local hools" ist darauf zu lesen (imago images / HärtelPRESS)Nach einem Treffer hält Chemnitzer Stürmer Daniel Frahn jubelnd ein schwarzes T-Shirt in die Fankurve: "Support your local hools" ist darauf zu lesen (imago images / HärtelPRESS)

Auch wenn sie sich bis auf "Kaotic Chemnitz" alle offiziell aufgelöst haben, sind diese Gruppierungen bis heute aktivierbar. Thomas Haller formulierte das in einem Interview einst so: HooNaRa gebe es zwar nicht mehr, aber wenn es darauf ankomme, sei man in einer halben Stunde wieder da. Ihren hohen Organisationsgrad stellten Chemnitzer Hooligans im August des vergangenen Jahres unter Beweis. Es war die Gruppierung "Kaotic Chemnitz", die nach der Tötung eines Mannes auf dem Chemnitzer Stadtfest zur ersten Demonstration aufgerufen hatte. Wochenlang marschierten Mitglieder der extrem rechten Szene durch Chemnitz. Es kam zu rassistisch motivierten gewalttätigen Übergriffen. Ihnen schlossen sich zahlreiche Chemnitzerinnen und Chemnitzer an, die sich auch nicht vom Zeigen des Hitlergrußes abschrecken ließen. Auch wegen dieser Vorereignisse im vergangenen Sommer war das öffentliche Echo nach der Trauerfeier für den verstorbenen Neonazi Thomas Haller im März groß. Wieder Chemnitz – die vermeintlich braune Stadt im Osten. 

"Für uns als Stadtverwaltung war es nach den Ereignissen im August in Chemnitz wie eine Art, ja medialer Rückfall."

Beschreibt Sven Schulze die Situation. Der SPD-Politiker ist Bürgermeister für Personal, Finanzen und Organisation in Chemnitz. 

"Der Fokus war wieder auf Chemnitz gerichtet. Wir waren insofern schon erschrocken und fassungslos, wie so eine Demonstration rechtsextremistischer Gesinnung im Stadion stattfinden konnte." 

Wie konnte es zu der Huldigung eines Neonazis im Chemnitzer Stadion kommen? Es gibt dazu viele Fragen, die der Deutschlandfunk gern Vertretern des Chemnitzer FC gestellt hätte. Doch trotz mehrerer Anfragen über Wochen hinweg kommt kein Interview zustande. 

Der Chemnitzer FC ist seit 2018 insolvent. Die Mannschaft stieg in die Regionalliga ab. Die Geschäfte führt Insolvenzverwalter Klaus Siemon aus Düsseldorf. Im Verein geht es um das finanzielle und sportliche Überleben. Eine Situation, die, so viele Beobachter, es den Hooligans besonders leicht gemacht habe, das Fan-Umfeld des Chemnitzer FC zu dominieren und ihre Macht zu demonstrieren. 

Ungeprüft zeigen lassen

Das Stadion des FC Energie in Cottbus, der Metropole der Brandenburger Lausitz im Süden des Bundeslandes. Am selben Nachmittag, an dem in Chemnitz die Gedenkfeier für den Neonazi Thomas Haller für einen Skandal sorgt, wird in der Geschäftsstelle von Energie Cottbus ein ähnliches Transparent unmittelbar vor dem Anpfiff genehmigt: "Ruhe in Frieden Tommy". Weiß auf schwarz, wie eben in Chemnitz, gleicher Wortlaut. Um jedes Missverständnis auszuschließen, um welchen Tommy es hier geht, ein großes H in altdeutscher Frakturschrift, wie beiläufig in den Vornamen montiert. Der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch, CDU, ist entsetzt:

"Hier fehlt die Sensibilität. Hätte man jetzt in Chemnitz angerufen, hätte man zur Antwort gekriegt: 'Ja, wir haben auch eine tolle Choreografie, das war einer unserer heißesten Fans.' Aber nicht mal den Versuch hat man unternommen, sprich dass man dem auf den Leim gegangen ist. Nein, man hat es ungeprüft aufhängen lassen, zeigen lassen, und das ist nicht in Ordnung."

Eine Tribüne im Chemnitzer Fußballstadion. Zu sehen ist ein Banner mit der Aufschrift "Ruhe in Frieden, Tommy". Auf der Videoleinwand: das Gesicht von Thomas Haller (imago images / HärtelPRESS)"Ruhe in Frieden, Tommy": Das Banner in Chemnitz ist - im Gegensatz zu dem in Cottbus - ohne das unmissverständliche "H" zu lesen (imago images / HärtelPRESS)

Holger Kelch selbst war an dem Tag nicht im Stadion, aber sein Ordnungsdezernent Thomas Bergner. 

"Er war sprachlos gewesen, als er das gesehen hat. Und das sind solche Sachen, ich glaube, da ist es wichtig, dass man sich auch öffnet und die Öffnung beginnt dann, wenn man eingesteht: Ja, wir haben ein Problem."

Ein Problem mit rechtsextremistischen Hooligans nämlich, wie auch in Chemnitz. Zwar hat sich die berüchtigte Ultra-Gruppierung "Inferno Cottbus 1999" im Sommer 2017 offiziell aufgelöst. Aber nur auf dem Papier, sagt Hooligan-Forscher und Politikberater Robert Claus:

"De facto ist diese Auflösung Unfug. Das ist seinerzeit einfach geschehen, um einer Strafverfolgung zuvorzukommen. Die Gruppe existiert weiter. Die Personen, die Netzwerke sind nicht weg und die Gruppe ist aktiv wie eh und je und dominiert die Cottbuser Fanszene qua ihrer Gewalt und rechten Gesinnung."

Doch der Verein tut sich seit vielen Jahren schwer damit, sich das Ausmaß des Problems einzugestehen. Und mit der Öffnung ist das auch so eine Sache: Energie-Pressesprecher Stefan Scharfenberg-Hecht empört sich. Nicht wegen des Zwischenfalls mit dem Transparent für den Neonazi Thomas Haller, sondern wegen unserer erneuten Anfrage. 

"Ihnen dürfte möglicherweise nicht entgangen sein in welchen Umständen sich der FC Energie Cottbus nach dem Abstieg aus der 3. Liga befindet."  

Vereins-Sprecher Scharfenberg-Hecht schreibt weiter: 

"Nach Absprache mit den Verantwortlichen stand der Genehmigung inhaltlich nichts im Wege. Allen Beteiligten war  zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt, dass es sich bei besagtem "Thommy" um die Person Thomas Haller handeln sollte." 

Problem gehe über die Stadt und ihren Fußballverein weit hinaus

Der lakonische Online-Kommentar eines FCE Fans namens Peter zu  dem vermeintlichen Versehen des Vereins lautet: 

"Wenn man schon nicht fähig ist zu kontrollieren, was man da zulässt, hätte das Spiel abgebrochen werden müssen. Eher sieht es danach aus, dass die FCE Leitung vor den Nazis kuscht."

Der Skandal ums Trauer-Transparent geschah nur fünf Tage nach einem Runden Tisch, zu dem sich am 6. März der Verein, die Stadtspitze, Polizei und Verfassungsschutz getroffen hatten. Man beriet, wie man gegen die rechtsextremistischen Umtriebe im Umfeld des Vereins besser vorgehen kann. Der Brandenburger Verfassungsschutz warnt seit langem, dass die rechtsextreme Szene in Cottbus und Umgebung mit 170 Mitgliedern besonders stark und gut vernetzt ist. Das Problem gehe über die Stadt und ihren Fußballverein weit hinaus, betont Verfassungsschutz-Sprecher Heiko Homburg:

"In Südbrandenburg, besonders im Raum der Lausitz, war der Rechtsextremismus in den letzten 30 Jahren immer stärker ausgeprägt als in anderen Regionen des Landes. Er hat also eine gewisse Geschichte aufzuweisen. Wenn wir dann genau reinschauen, also in diese Region Lausitz, dann sehen wir etwa 400 Rechtsextremisten, die wir als Verfassungsschutz kennen, das ist dann auch die Stadt, aber eben auch die Landkreise drum herum. Davon sind etwa 80 Prozent gewaltorientiert."

Ein Sweatshirt mit der Aufschrift Inferno Cottbus und weitere Fundstücke liegen im Rahmen einer Pressekonferenz im Innenministerium in Potsdam zu Ergebnissen der Razzia in der Hooligan-, Kampfsport- und rechtsextremistischen Szene im Raum Cottbus auf einem Tisch (imago images / Martin Müller)Inferno Cottbus: Fundstücke im Rahmen einer Pressekonferenz im Innenministerium in Potsdam zu Ergebnissen der Razzia in der Hooligan-, Kampfsport- und rechtsextremistischen Szene im Raum Cottbus (imago images / Martin Müller)

Dass die Rechtsextremisten ihre Taktik geändert hätten, mache die Arbeit der Behörden nicht einfacher, erklärt Homburg. 

"Was wir jetzt beobachten in der Lausitz, ist, dass man sich als Rechtsextremist selbst eher aus der Öffentlichkeit rausnimmt. Da ist auch Inferno Cottbus ein schönes Beispiel für: Die erklären sich selbst für aufgelöst. Ihre Propagandaexzesse der Vergangenheit kommen dann also erst mal vorübergehend nicht vor, aber irgendwo sind die Leute ja noch."

Und die Mitglieder des linken Bündnisses "Cottbus Nazifrei" wissen auch wo: Ihr Stammquartier ist in Stadionnähe. Nach Spielen von Energie Cottbus gingen hier alle Rollläden herunter, sagt Sprecher Tobias, der seinen vollen Namen nicht nennen möchte, aus Gründen des Selbstschutzes. Weil rechte Hooligans sich dann vor ihrem Haus versammelten. Nicht ab und zu. Regelmäßig. Eine Drohkulisse, vor der sie niemand schützen könne.

"Also überspitzt könnte man jetzt sagen, das Verhältnis von Cottbus, von der Stadtspitze und dem Verein Energie Cottbus zur Naziszene, ist das Verhältnis, was VW zur Abgasaffäre hat und der Vatikan zum Kindesmissbrauch. Man hat es lange versucht tot zu schweigen und jetzt, wo es nicht mehr zu leugnen ist, versucht man PR-Maßnahmen zu machen. Aber wirklich konkretes Handeln, das eben auch gegen diese Strukturen vorgeht, auf die warten wir vergebens."

Hooligan-Experte Robert Claus sieht das ähnlich und nicht nur in Cottbus, er hat die Szene deutschlandweit im Blick: 

"Das kann man bundesweit, regional, als auch in den einzelnen Szenen sehen: Neonazis machen sich immer dort breit, wo sie wenig Widerstand erfahren. Und auch die Stadt Cottbus und auch der Verein Energie Cottbus haben sich über lange Jahre, man kann sagen Jahrzehnte, nicht durch eine klare Haltung gegen Rechtsextremismus ausgezeichnet und damit natürlich auch ein Vakuum gesellschaftlich gelassen, was Rechtsextreme für sich nutzen."

Wachschutzdienste, Türsteher, Rocker, Kickboxer

Mittlerweile haben die Rechtsextremen in Cottbus weit über die Stadiongrenzen hinaus die Infrastruktur  durchdrungen: Wachschutzdienste, Türsteher, Drogen. Sie sind eng mit der Rocker- und der Kickboxer-Szene vernetzt. Eine "toxische Mischung", nennt das der Verfassungsschutz. Stadtbekannte Hooligans tauchen regelmäßig auch bei fremdenfeindlichen Demonstrationen in Cottbus auf. Hat die Stadt das Problem mit den Rechtsextremisten zu lange ausgeblendet? Nein, meint Oberbürgermeister Holger Kelch:

"Welche Möglichkeiten hat eine Stadt? Welche Möglichkeiten hat ein Oberbürgermeister? A.) muss er erst mal die Information haben, dass es diese Strukturen gibt. Diese Zuständigkeit liegt nun mal beim Verfassungsschutz. Wer ist zuständig für den Verfassungsschutz? In erster Linie der Innenminister des Landes Brandenburg – Punkt Nummer eins."

"Inferno" im Cottbuser Fanblock (imago images / CoverSpot)Inferno Cottbus wurde im Jahr 1999 gegründet: 2017 gab die Gruppe ihre Selbstauflösung bekannt, um möglichen Strafverfolgungen zu entgehen (imago images / CoverSpot)

Ein etwas merkwürdiger Punkt, denn der Verfassungsschutz berichtet ja seit Jahren über die starke rechtsextreme Szene in Cottbus und Umgebung. Im April schlugen die Behörden dann zu: Bei einer Großrazzia wurden Wohnungen und Läden durchsucht. Dabei fanden sich rechtsextremistisches Propagandamaterial und Waffen. Gegen 16 Personen bestehe dringender Tatverdacht wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, sagte Brandenburgs Polizeipräsident Hans-Jürgen Mörke. Seit vergangenem Jahr wird gegen 20 Personen aus der Hooligan-, Kampfsport- und rechtsextremistischen Szene im Raum Cottbus ermittelt, wegen Verdachts auf Körperverletzungen und Verstößen gegen das Waffengesetz. Einige der Verdächtigen gehörten laut Mörke zu der aufgelösten Gruppierung "Inferno Cottbus 99". 

SPD- Innenminister Karl-Heinz Schröter kritisierte die in Cottbus politisch Verantwortlichen: In keiner anderen Stadt im Land gebe es ein derart vernetztes rechtes Milieu. Oberbürgermeister Holger Kelch müsse handeln. Der Gescholtene wehrt sich: Die Stadt tue schon, was sie könne: 

"Gerade die Stadt Cottbus hat in Schulsozialarbeit eine Vorreiterrolle gespielt, denn Schulsozialarbeit ist bis heute im Land Brandenburg eine freiwillige Aufgabe. Und eine Kommune, die immer 300 Million Euro Kassenkreditschulden hat, das nicht streichen zu lassen, zeugt von einem hohen Verantwortungsmaß aller meiner Amtsvorgänger als auch meiner Person, denn wir haben eher noch diese Sozialarbeiter an den Schulen aufgestockt, genau weil wir wissen, welche explosive Mischung dort entstehen könnte, wenn wir dort tatenlos zuschauen."

Hooligan-Forscher Robert Claus warnt davor, sich nun gegenseitig die Schuld zuzuschieben. 

"Arbeit gegen die extreme Rechte ist immer eine Netzwerkaufgabe. Das heißt, Fußballverein, Polizei, Fanprojekt, kommunale Verwaltungen, Jugendamt, vielleicht auch der Deutsche Fußballbund, der Nordostdeutsche Fußballbund, der Brandenburger Fußballverband, auch externe Experten müssen an einen Tisch und ihre Strategien und ihre Ziele und Rollen klären. Denn sonst kommt es dazu, dass einer auf den anderen zeigt und im Endeffekt niemand die Verantwortung haben will."

Strategien zur Problemlösung

Eine gemeinsame, langfristige, fundierte Strategie für Prävention müsse jetzt her, rät Claus, denn die Rechtsextremen rekrutierten fleißig Nachwuchs. 

"Da stellen sich Fragen wie: Wo will denn der Verein mit seiner Fanszene in fünf bis sieben oder zehn Jahren stehen? Welche Bildungsangebote macht der Verein an den positiven Teil seiner Fanszene, um den positiven Teil eben zu unterstützen, zu vernetzen und auch weiter zu sensibilisieren? Und welche Strategie hat der Verein, damit nachwachsende Generation an jugendlichen Fußballfans, insbesondere an jungen Männern, nicht in dieses Milieu reinwachsen? Nur so lässt sich dieses Problem auf die nächsten Jahre lösen."

Eine gemeinsame, fundierte Strategie, die lässt sich auch in Chemnitz nicht erkennen. Beim Chemnitzer FC gab es Rücktritte und Trennungen. Öffentlich hat sich der Verein gegen Rassismus und Rechtsextremismus ausgesprochen. Auch beim ersten Heimspiel nach der Gedenkfeier im März gab es mehrere Aktionen. So trugen die Chemnitzer Spieler beim Aufwärmen Trikots mit der Aufschrift "Toleranz-Weltoffenheit- Fairness". Diese T-Shirts wurden auch an die Fans verteilt. Anne Gehrmann vom Kulturbüro Sachsen:

"Zumindest bei der Banner-Aktion im nächsten Spiel gegen Budissa Bautzen ist ja deutlich geworden, was eigentlich so ein bisschen das Problem ist. Es gibt einerseits so eine Aktion, die der Verein macht, wo er sich zu Weltoffenheit und Toleranz bekennt mit einem Banner, gemeinsam mit dem gegnerischen Verein. Und dann gibt es so eine Protestform von den Fans, die zum Teil diese T-Shirts wieder von den Rängen geworfen haben. Oder mit der Aktion "12 Minuten für den 12. Mann" zwölf Minuten nicht ins Stadion gegangen sind nach Anpfiff, sondern erst danach. Es gibt da kein Zusammengehen würde ich sagen, an keiner Stelle." 

Druck auf Verein erhöht

Vor einigen Wochen hat der Chemnitzer FC einen Anti-Rassismus-Beauftragten eingestellt. Eine Auflage, die der Nord-Ostdeutsche Fußballverband dem Verein gemacht hatte. Außerdem erließ der Verein Stadionverbote gegen einige Mitglieder der Hooligan-Gruppierung Kaotic Chemnitz. Der Rückzug einiger Sponsoren hat den Druck etwas zu ändern vergrößert. Der Unternehmer Lars Fassmann sitzt für das Bündnis VoSi/Piraten im Chemnitzer Stadtrat. Er fordert, dass die Stadtverwaltung ebenfalls den Druck auf den Verein erhöht. Zuletzt hatte der Stadtrat entschieden, die Stadion-Miete auch nach dem nun gelungenen Aufstieg in die Dritte Liga nicht zu erhöhen – trotz deutlich höherer Einnahmen. 

"Wir haben dort diverse Vorschläge gemacht, um das an den Erfolg zu koppeln, um dem CFC auch die Möglichkeit zu geben, den Stadionnamen zu vermieten. Wir hatten dann aber vorgeschlagen, dass zum Beispiel ein Teil dieser Mieteinnahmen in Fanarbeit gesteckt wird. Das ist auch abgelehnt worden."

Chemnitz in Sachsen und Cottbus in Brandenburg und ihre Fußballvereine sehen sich also seit langer Zeit mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Und beide stehen sie noch am Anfang einer Gegenstrategie. Liegt es da nicht nahe zusammen zu arbeiten, damit sich Skandale wie die Trauerveranstaltungen für einen stadtbekannten Neonazi nicht wiederholen.

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