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StartseiteDeutschland heuteHessen will Netzwerk gegen Radikalisierung im Knast15.01.2015

Gewaltprävention Hessen will Netzwerk gegen Radikalisierung im Knast

Mindestens zwei der islamistischen Attentäter von Paris haben sich anscheinend im Gefängnis radikalisiert. Auch in deutschen Haftanstalten werden künftig mehr Dschihadisten sitzen, befürchtet das hessische Justizministerium und fordert deshalb ein bundesweites Netzwerk zu Gewaltprävention von inhaftierten Fanatikern.

Von Ludger Fittkau

Zwei Gefangene gehen am 18.09.2012 in Betreuung eines Justizangestellten über das Gelände der Untersuchungs- und Jugendhaftanstalt Berlin-Tegel. (dpa picture alliance / Robert Schlesinger)
Die positiven Erfahrungen des "Violence Prevention Network" sollen bundesweit in Haftanstalten als Vorbild zur Gewaltprävention bei religiösen Fanatikern dienen. (dpa picture alliance / Robert Schlesinger)
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Die Attentäter von Paris geben Eva Kühne-Hörmann zu denken. Die hessische CDU-Justizministerin weiß: Auch in deutschen Gefängnissen werden künftig mehr heilige Krieger sitzen. Etwa die, die aus Syrien zurückkommen und denen hierzulande der Prozess gemacht wird. Die ersten Urteile gegen Syrien-Heimkehrer werden zurzeit gesprochen – etwa in Frankfurt am Main. Eva Kühne-Hörmann:

"Bei den Straftätern, die in Haft sind, wissen wir natürlich aus den Urteilen zum Teil genau den Hintergrund."

Wie aber kann man bei Menschen mit islamistischem Hintergrund verhindern, dass sie sich in den Gefängnissen weiter radikalisieren? So wie das offenbar im Fall der Attentäter von Paris geschah. Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann erklärt, wie sie mit den Islamisten im Gefängnis umgehen will:

"Es geht um erfahrene Präventionsinstitutionen. Wir haben eine, die das in Hessen macht, eine Institution. Und die machen das so, dass sie die Menschen damit konfrontieren und Wege aufzeigen, sich davon zu lösen. Und es kommt darauf an, mit diesen jungen Leuten ins Gespräch zu kommen. Es sind ja meistens junge Männer, bei denen das auftritt. Über die Reflexion versucht man, sie zu erreichen. Und die Erfolge, sie davon abzubringen, sind gar nicht so schlecht."

Positive Erfahrungen des "Violence Prevention Network" bundesweit nutzen

Um diese Erfolge zu erzielen, setzt Hessen schon länger auf den Berliner Jugendsozialarbeiter Thomas Mücke und sein Team mit dem Namen "Violence Prevention Network":

"Wir haben viele Jahre im Jugendvollzug gearbeitet, weil der Jugendvollzug immer auch eine Schmiede ist zur Rekrutierung und haben da viele Präventionsangebote gemacht."

Thomas Mücke und sein multikulturelles Team vom "Violence Prevention Network" konfrontieren religiöse Fanatiker in Gefängnissen in Einzel- und Gruppengesprächen ganz bewusst mit Sichtweisen von Menschen anderen Glaubens. Mit Erfolg, beobachtet Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann. Sie schlägt deshalb nach den Pariser Attentaten vor, die positiven Erfahrungen die Hessen mit "Violence Prevention Network" gemacht hat, bundesweit zu nutzen:

"'Violence Prevention Network' arbeitet ja schon länger in Hessen im Vollzug. Wir sind sozusagen die Vorreiter in diesem Bereich. Und da alle Bundesländer ja in Zukunft mehr Straftäter haben werden mit salafistischem und islamistischem Hintergrund, halte ich es für richtig, ein bundesweites Projekt daraus zu machen und ein Netzwerk zu bilden, in dem auch Erfahrungen gesammelt werden können."

Mit dieser Idee will sich die hessische CDU-Justizministerin jetzt an Bundesjustizminister Heiko Maas von der SPD wenden:

"Das Vorbild ist das, was wir unter dem Stichwort 'Kein Täter werden' im Bereich der Kinderpornografie haben. Da gibt es auch ein bundesweites Netzwerk, in dem der Bund die Supportkosten bezahlt und die Bundesländer die Kofinanzierung tragen. Und der Vorteil dieses Netzwerkes ist, die Erfahrung bundesweit zu bündeln und daraus zu lernen für alle. Und deswegen werde ich Herrn Maas jetzt vorschlagen, ein solches Projekt nach dem Vorbild 'Kein Täter werden' für den Bereich Salafismus-Prävention aufzulegen.

Kampf gegen religiösen Fanatismus nicht erst im Gefängnis beginnen

Und im Justizvollzug sind glaube ich die größten Erfolge zu verzeichnen und die meisten Erfahrungen zu sammeln, um in Zukunft mehr davon abzubringen, sich in Zukunft dem Extremismus im Bereich Salafismus und Islamismus zuzuwenden."

Doch Jugendsozialarbeiter Thomas Mücke vom "Violence Prevention Network" mahnt: Es reiche nicht aus, mit dem Kampf gegen religiösen Fanatismus und Gewaltbereitschaft erst zu beginnen, wenn Jugendliche das erste Mal im Gefängnis sitzen. Man müsse schon weit vorher beginnen, fordert Mücke. Und nicht nur Sozialarbeit, Polizei oder Justiz seien gefragt. Die Gesellschaft als ganze dürfe sich von islamistischen sowie von anti-islamistischen und rechtsradikalen Extremisten nicht spalten lassen, so Thomas Mücke:

"Die Extremisten versuchen, Jugendliche zu instrumentalisieren, versuchen Gegenreaktionen der Mehrheitsgesellschaft zu provozieren, dass wir nicht mehr differenzieren zwischen Extremismus und Islam. Wir erkennen das gerade auch bei diesen Aktivitäten 'Hooligans gegen Salafismus'. Das ist das, was sie wollen. Sie wollen, dass diese Gesellschaft polarisiert wird. Damit sie in ihren Reihen ihre Leute mehr radikalisieren. Und da haben wir alle eine Verantwortung dafür zu schauen, dass in diese Gesellschaft kein Keil reingetrieben wird."

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