Samstag, 28. Mai 2022

Höhere Löhne in der Inflation
Die Gewerkschaften müssen an ihrer Gestaltungskraft arbeiten

Die Gewerkschaften stehen unter Zugzwang, kommentiert Gerhard Schröder. Trotz schwieriger wirtschaftlicher Lage werde erwartet, dass sie in diesem Jahr kräftige Lohnerhöhungen durchsetzen. Zugleich sinke ihr ihre Schlagkraft - in vielen Branchen könnten sie nicht einmal existenzsichernde Löhne etablieren.

Ein Kommentar von Gerhard Schröder | 01.05.2022

Zahlreiche Teilnehmer auf einer Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zum 1. Mai 2021 in München
Teilnehmer auf einer Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zum 1. Mai 2021 in München (picture alliance/dpa)
Es sind überraschend leise Töne, die die Gewerkschaften zum 1. Mai anschlagen. „Gemeinsam Zukunft gestalten“ heißt das Motto – das klingt nicht gerade nach einem entschlossenen Aufruf zum Kampf. Dabei müssen sich die Gewerkschaften in diesem Jahr auf ziemlich schwierige Auseinandersetzungen einstellen. Tarifverhandlungen für zehn Millionen Beschäftigte stehen an. Und das dürfte eine ziemlich knifflige Sache werden. Viele Beschäftigte hoffen auf kräftige Lohnerhöhungen, als Ausgleich für die hohe Inflation, die die realen Einkommen schrumpfen lässt. Vor allem für Geringverdiener, die schon vorher kaum mit dem Geld auskamen, ist das ein Problem.
Auf der anderen Seite können aber auch die Gewerkschaften die ökonomischen Fakten nicht ganz ignorieren. Die hohen Energiepreise setzen vielen Unternehmen zu, die Lieferketten stocken, Autohersteller müssen die Produktion runterfahren, weil Speicherchips und Kabelbäume fehlen. Der Überfall Russlands auf die Ukraine hat die Aussichten weiter verdüstert – die Bundesregierung hat ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr deutlich nach unten korrigiert. Und es könnte noch schlimmer kommen. Wenn die Gaslieferungen aus Russland demnächst ausbleiben, dann droht eine Rezession. Nicht gerade der beste Zeitpunkt für kraftvolle Lohnerhöhungen.
Was also tun? Da scheinen sich auch die Gewerkschaften nicht ganz einig zu sein. Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie etwa hat die Lohnverhandlungen kurzerhand auf den Herbst vertagt – wohl in der Hoffnung, dass sich die Gesamtlage bis dahin etwas aufhellt. Die Industriegewerkschaft Metall setzt andere Akzente – und fordert für die Beschäftigten der Stahlindustrie über acht Prozent mehr Lohn – allen Krisensymptomen zum Trotz.

Kommt eine Lohn-Preis-Spirale in Gang?

Einige Ökonomen halten das für einen gefährlichen Kurs, weil dann die angeblich so gefährliche Lohn-Preis-Spirale in Gang kommen könnte. Soll heißen: Viele Unternehmen erhöhen dann die Preise, was die Inflation anheizt, was dann wiederum höhere Lohnforderungen nach sich ziehen könnte. Machen die Gewerkschaften also alles noch schlimmer, wenn sie jetzt kräftige Lohnforderungen stellen? Und noch wichtiger: Können die Unternehmen das überhaupt verkraften?
Tatsächlich ist die deutsche Wirtschaft bislang ganz gut durch die Krise gekommen. Selbst in den Corona-Krisenjahren haben die meisten Unternehmen gut verdient, und sie tun es noch immer. Deshalb werden die großen Konzerne in diesem Jahr soviel Geld an die Aktionäre ausschütten wie nie zuvor. Insgesamt 70 Milliarden Euro, doppelt soviel wie im vergangenen Jahr. Ganz so schlimm scheint die Lage also nicht zu sein.

Rekorddividenden für Aktionäre

Dass die Beschäftigten nicht einsehen, dass sie nach zwei mageren Corona-Jahren erneut zurück stehen sollen, während an die Aktionäre Rekorddividenden verteilt werden, ist mehr als verständlich. Warum auch sollten Anleger und Investoren stärker am Erfolg der Unternehmen beteiligt werden als die, die diesen Erfolg mit ihrer Arbeit möglich gemacht haben?
Der Autokonzern BMW zum Beispiel will die Ausschüttung an die Aktionäre in diesem Jahr glatt verdreifachen.* Da wird es schwierig, die Beschäftigten von der Notwendigkeit nur magerer Lohnerhöhungen zu überzeugen. Zumal dadurch eine Schieflage verstärkt würde, die seit vielen Jahren zu beobachten ist: Die Kapitaleinkünfte in Deutschland steigen schneller als die Einkünfte aus Lohnarbeit. Die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößert sich. Und das gefährdet auf lange Sicht den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Dass die Gewerkschaften sich dem entgegen stellen, ist richtig. Ob ihnen das auch gelingt, ist eine ganz andere Frage. Denn ihre Schlagkraft sinkt, die Mitgliederzahlen schrumpfen, die Tarifbindung erodiert. Stark sind sie in erster Linie in den traditionellen Industriebranchen, dort also, wo ohnehin gut bezahlt wird.
In vielen Dienstleistungsbranchen dagegen sind sie nicht einmal in der Lage, existenzsichernde Löhne durchzusetzen. Da muss dann der Staat einspringen, per Mindestlohn. Dass der im kommenden Herbst um über 20 Prozent steigt auf dann zwölf Euro, ist gut für die Arbeitnehmer, erst Recht in Zeiten hoher Inflation. Für die Gewerkschaften ist es eher ein Weckruf: An ihrer Gestaltungskraft müssen sie dringend arbeiten, nicht nur bei Kundgebungen am 1. Mai.
*Wir haben die Höhe der Dividende, die BMW an die Aktionäre ausschütten will, korrigiert.