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StartseiteSport am WochenendeDie erste Transgender-Athletin bei Olympischen Spielen?15.05.2021

Gewichtheberin Laurel HubbardDie erste Transgender-Athletin bei Olympischen Spielen?

Das Thema Diversität findet im Sport immer öfter Beachtung. Meistens geht es dabei um Homosexualität oder Rassismus – spätestens zu Beginn der Olympischen Spiele wird aber auch die Transidentität in den Fokus rücken: Die erste offen lebende Transfrau geht in Tokio an den Start.

Von Raphael Späth

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Ausschnitt einer Gewichtheberin, man sieht den Oberkörper mit beiden Armen beim Gewichtheben (picture alliance/AP Photo | Mark Schiefelbein)
Die neuseeländische Transathletin Laurel Hubbard tritt wahrscheinlich bei den Olympischen Spielen in Tokio an (picture alliance/AP Photo | Mark Schiefelbein)
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"Ich bin, wer ich bin. Ich bin nicht hier, um die Welt zu verändern. Ich bin nur hier, um ich zu sein und genau das zu tun, was ich mache." 

Laurel Hubbard ist 43 Jahre alt, startet als Gewichtheberin in der Superschwergewichtsklasse – und wird im Sommer in Tokio wahrscheinlich die erste offen lebendende Transfrau bei Olympischen Spielen werden. Offiziell wird ihre Nominierung zwar erst Anfang Juli bestätigt - der neuseeländische Verband hat aber schon angedeutet, dass sich an den Nominierungslisten bis dahin nicht mehr viel ändern wird: Hubbard gehört Stand jetzt zu den besten Athletinnen, die in Tokio an den Start gehen würden. Ihre Transidentität sorgt aber schon jetzt für Diskussionen. 

"Ich bin enttäuscht, vor allem für die Cis-Frauen, die deshalb keinen Startplatz bei Olympia bekommen," sagt Tracey Lambrechs, selbst ehemalige Gewichtheberin und Olympia-Teilnehmerin, im neuseeländischen Fernsehen. "Wir fordern immer Gleichberechtigung für Frauen im Sport. Aber momentan wird uns die Gleichberechtigung weggenommen." Für Lambrechs ist die Sache klar: Laurel Hubbard hat durch ihre Transidentität einen klaren Vorteil gegenüber Cis-, also biologischen Frauen.

Bleibt ein physischer Vorteil?

Hubbard tritt in ihrer Jugend in ihrem biologischen Geschlecht als Mann bei Gewichtheber-Wettkämpfen an, ihren Geschlechtsangleichungsprozess beginnt sie erst mit Mitte 30. 

"Es gibt keine Zweifel daran, dass, auch wenn Transfrauen durch die Hormontherapie bedeutend an Kraft verlieren, ein Restvorteil bleibt", sagt auch Joanna Harper, die als Wissenschaftlerin und Sportmedizinerin schon lange über trans* Personen im Sport forscht. "Wie groß dieser Vorteil ist, ist schwierig, zu quantifzieren."

Hannah Aram steht in einem schneebedecktem Tal im Gebirge. (Deutschlandradio / Tilo Mahn) (Deutschlandradio / Tilo Mahn)Transpersonen im Spitzensport - Wettkampf als politisches Statement
Die Trennung nach Frau und Mann hat im Sport Tradition. Menschen, die sich da nicht einfügen lassen, stellen Verbände und Aktive vor Probleme. Für Freeriderin Hannah Aram ist es letztlich die Frage, ob eine Transperson als Mensch gesehen wird.

Aktuelle Studien belegen, dass Transfrauen beispielsweise auch noch nach der Hormontherapie etwa 17 Prozent mehr Griffkraft besitzen als Cis-Frauen. Das würde bedeuten, dass Transfrauen nach der Geschlechtsangleichung in diesem Bereich nur zwei Drittel ihres Vorteils gegenüber Cis-Frauen verlieren.

Trotzdem darf Hubbard in der Frauen-Kategorie starten – weil ihre Testosteron-Werte den Regularien des Internationalen Olympischen Komitees aus dem Jahr 2015 entsprechen, die der Internationale Gewichtheberverband so übernommen hat. [*] Demnach müssen Transfrauen über zwölf Monate ein Testosteronlevel von unter 10 Nanomol pro Liter Blut nachweisen. Der Normwert von Cis-Frauen liegt zwischen 0,5 und 2 Nanomol pro Liter Blut. 

Hubbard: Regularien existieren seit 14 Jahren

"Was viele Menschen nicht verstehen: Ich erfülle auch die Bedingungen, die im Stockholm Census im Jahr 2003 erstmals festgeschrieben wurden, damit Trans*Menschen wie ich am Sport teilnehmen dürfen. Ich gehe also nicht nur aufgrund einer aktuellen Regeländerung an den Start. Ich erfülle Regularien, die jetzt schon seit 14 Jahren existieren", sagt Laurel Hubbard nach dem Gewinn der Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft 2017.

Interviews gibt sie seitdem nicht mehr, auch eine Deutschlandfunk-Anfrage lehnt sie ab. Im neuseeländischen Fernsehen erzählt sie, dass sie 2001 mit dem Gewichtheben aufgehört und erst nach ihrer Transition wieder zum Sport gefunden habe. "Der Grund, weshalb ich vor vielen Jahren überhaupt erst mit Gewichtheben angefangen habe: Es war archetypisch männlich. Und ich habe gedacht: Wenn ich einen Sport ausübe, der so männlich ist, vielleicht werde ich dann auch so. Aber leider war das nicht der Fall."

Soziologische und psychologische Nachteile

Ob Hubbard auch nach den Olympischen Spielen weiter in der Frauen-Kategorie starten darf, ist noch unklar. Das IOC hat bereits angekündigt, nach den Spielen die Kriterien für Transpersonen überarbeiten zu wollen, Medienberichten zufolge sollen dann auch für jede Sportart spezifische Richtwerte festgelegt werden. Diese Richtlinien sind allerdings nicht bindend – jeder Dachverband kann selbst individuelle Teilnahmebedingungen für seine Sportart festlegen. [*]

"Ich denke nicht, dass das automatisch dazu führen würde, dass Laurel Hubbard in Zukunft vom internationalen Gewichtheben ausgeschlossen wird", sagt Sportwissenschaftlerin Joanna Harper. Wie in vielen Sportarten sei Kraft nämlich nicht der einzige Faktor im Gewichtheben. Auch Technik oder Schnelligkeit spielen beim Leistungsvermögen eine Rolle. Und:

"Alle Trans*Menschen, auch Laurel, haben enorme soziologische und psychologische Nachteile gegenüber Cis-Menschen. Und darüber wird selten gesprochen. Es kommen all diese negativen Emotionen hoch, wenn über trans* Athletinnen gesprochen wird, und Menschen halten eigentlich selten inne und bedenken: Ja, es gibt Vorteile. Aber trans* Menschen haben auch enorme Nachteile. Und, wenn es um den Sport geht: Nur gute Leistungen abzuliefern, reicht oftmals nicht, um nominiert zu werden."

Viele Transfrauen hätten auch im Sport heute noch mit Diskriminierung von Verbands- und Athletenseite zu kämpfen. "Und es ist eine neue Aufgabe für den Sport, diese Gruppe von Menschen mit in den Wettbewerb zu integrieren", sagt Sabine Kusterer, selbst aktive Gewichtheberin und Frauenbeauftragte im Deutschen Gewichtheberbund. "Die Frage ist nur, wie für alle Seiten eine gute Lösung gefunden wird. Das heißt, dass sich niemand diskriminiert, aber auch nicht ausgeschlossen fühlt. Aber deswegen muss es immer noch unter fairen Bedingungen stattfinden, das ist immer noch das A und O."

Sichtbarkeit von Transmenschen durch Hubbard erhöht

Auch in Deutschland gibt es nach Angaben des Deutschen Gewichtheberverbandes eine Transgewichtheberin im Amateurbereich. Gerade wird gemeinsam mit dem Deutschen Olympischen Sportbund und dem Verein Athleten Deutschland ein Lösungsweg gesucht – vermutlich wird man sich an den Richtlinien orientieren, die das IOC nach den Olympischen Spielen festlegt.

Dass die Debatte um Hubbard dem Prozess für mehr Gleichberechtigung und Diversität schaden könnte, befürchtet Wissenschaftlerin Joanna Harper aber nicht:

"Es wird natürlich Kontroversen geben. Aber vor allem die Sichtbarkeit von Trans*Personen im Sport wird durch die Spiele in Tokio erhöht werden. Wenn man mal auf die Statistik schaut: Wenn alle Nationen teilnehmen, wären ungefähr 11.000 Athletinnen und Athleten in Tokio am Start. Und das würde bedeuten, dass wir eigentlich zwischen dreißig und vierzig Trans*Athlet*innen sehen müssten. Also: Ich hoffe, dass der Fokus nicht nur auf Laurel Hubbard liegt. Meine größte Frage ist eher: Warum gibt es nicht mehr Trans*Menschen, die in Tokio an den Start gehen?"

[*] Anm. d. Red: An dieser Stelle haben wir eine inhaltliche Ergänzung vorgenommen.

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