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StartseiteKommentare und Themen der WocheFairer Vergleich der Zeugnisse nicht mehr möglich 25.03.2020

Gezerre um AbiturprüfungenFairer Vergleich der Zeugnisse nicht mehr möglich

Mit der Entscheidung der Kultusminister, die Abiturprüfungen trotz Coronakrise durchzuführen, hätten die Länder die Chance einer Neugestaltung der Abschlussprüfungen vertan, meint Armin Himmelrath. Faire Bewertung könne längst nicht mehr stattfinden, stattdessen herrsche ein unsägliches Kuddelmuddel.

Von Armin Himmelrath

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30.04.2019, Baden-Württemberg, Ravensburg: Abiturienten lesen sich im Spohngymnasium kurz vor Beginn der Prüfung die Abituraufgaben im Fach Deutsch durch. Foto: Felix Kästle/dpa | Verwendung weltweit (Felix Kästle I dpa )
Man müsse sich fragen, ob das stumpfe Herunterschreiben von Fakten in der Abiprüfung heute noch zeitgemäß sei, meint Armin Himmelrath im Dlf (Felix Kästle I dpa )
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Schade, dass Karin Prien nicht standhaft geblieben ist. Die schleswig-holsteinische Schulministerin hatte mit ihrer Ankündigung, die Abschlussprüfungen in diesem Schuljahr ausfallen zu lassen, den einzig richtigen Schritt getan. Das unwürdige und unfaire Gezerre um Abitur und Mittleren Schulabschluss in der Coronakrise war fast schon überwunden – mit einer Entscheidung, die ganz im Sinne der Schülerinnen und Schüler gewesen wäre.

"Achtung Abiturprüfung, bitte leise!"steht an einer Tür zu einem Prüfungsraum einer Schule. (picture alliance / dpa-Zentralbild / Volkmar Heinz) (picture alliance / dpa-Zentralbild / Volkmar Heinz)Abiturprüfung sollen noch in diesem Jahr stattfinden 
Die Abiturprüfungen in Deutschland sollen trotz Coronakrise stattfinden. Darauf hat sich die Kultusministerfonferenz geeinigt. Laut KMK-Präsidentin Stefanie Hubig (SPD) soll damit Planungssicherheit für Schülerinnen und Schüler geschaffen werden.

Und zwar nicht etwa deshalb, weil die dann weniger leisten und weniger Kenntnisse nachweisen hätten müssen. Diese Unterstellung ist schon deshalb unsinnig, weil wohl alle, die in den kommenden Tagen und Wochen in ihre Abschlussprüfungen gehen, längst angefangen haben mit dem Wiederholen und dem Lernen.

Nein, Priens Entscheidung war aus einem anderen Grund richtig: Ein fairer Vergleich der Abiturzeugnisse zwischen den Bundesländern war schon seit Tagen nicht mehr möglich – und damit entfällt auch ein gewichtiger Grund, warum die Schulen ihre Abiturienten in einem organisatorischen Kraftakt durch mehrere Prüfungen jagen müssen, deren Aussagekraft letztlich gegen Null geht.

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Science Photo Library)

Nicht mehr als ein unsägliches Kuddelmuddel

Denn: Die Abiturientinnen und Abiturienten in Rheinland-Pfalz haben ihre Klausuren bereits geschrieben, die Schülerinnen und Schüler in Hessen sind gerade dabei, bei anderen steht der ursprüngliche Zeitplan für April noch, Bayern und Baden-Württemberg dagegen wollen die Prüfungen auf Mai verschieben: Es ist nicht mehr als ein unsägliches Kuddelmuddel, was die Kultusminister im Hinblick auf das Abitur und angesichts der Corona-Krise bisher zustande gebracht haben.

Der radikale Schritt in Schleswig-Holstein wäre da nur konsequent gewesen, er hätte Schulen und Familien, Bildungspolitik und Hochschulen entlastet.

Die Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz, Stefanie Hubig (dpa/Andreas Arnold)Die Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz, Stefanie Hubig (dpa/Andreas Arnold)Coronavirus - KMK-Präsidentin: Schüler sollen ihr Abitur in diesem Jahr ablegen können
Die Schulen sind wegen des Coronavirus geschlossen. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz Stefanie Hubig hält trotzdem an den Abiturprüfungen fest.

Form der Abiturprüfungen sollte überdacht werden

Und er warf und wirft wichtige und richtige Fragen auf: Wozu dient eigentlich dieser geballte Prüfungsmarathon am Ende der Oberstufe, wenn doch schon vorher fast drei Viertel der notwendigen Schulleistungen erbracht wurden? Ist diese Form der Prüfung, die häufig alleine auf Wissen abzielt, überhaupt noch angemessen in einer Zeit, in der es längst viel weniger um stumpfes Faktenwissen und viel mehr um Kompetenzen geht? Welche anderen Arten der Bewertung sind denkbar und möglicherweise auch viel sinnvoller als das stundenlange, handschriftliche Herunterschreiben von Inhalten, die für das weitere Leben nur bedingte Relevanz haben?

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Eine vertane Chance

Um es noch einmal klar zu sagen: Schleswig-Holstein hätte in diesem Jahr kein Abitur ohne Prüfung vergeben, sondern angesichts der aktuellen Situation lediglich auf einen Teil des Rituals verzichtet, der seinen Sinn längst verloren hat. Diese Chance haben die Kultusminister heute vertan – das Chaos in der Schulpolitik geht weiter.

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