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StartseiteForschung aktuellGift ohne Gegengift06.11.2013

Gift ohne Gegengift

Forscher halten DNS-Sequenz für neues Botulinumtoxin geheim

Zum ersten Mal seit 40 Jahren haben Wissenschaftler ein neues Botulinumtoxin aufgespürt. Gifte dieser Familie können zwar medizinisch eingesetzt werden, sie sind aber extrem giftig und können tödlich sein. Deshalb halten die Forscher den DNA-Bauplan für das neue Gift vorerst unter Verschluss.

Von Marieke Degen

Den Bauplan für das neue Gift bleibt zunächst geheim (Stock.XCHNG - H. Berends)
Den Bauplan für das neue Gift bleibt zunächst geheim (Stock.XCHNG - H. Berends)
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Zwei Forscher von der kalifornischen Gesundheitsbehörde haben ein neues Botulinumtoxin entdeckt - in der Stuhlprobe eines Kindes, das an Botulismus erkrankt war. Das neue Toxin trägt den Buchstaben H.

"Bislang haben wir nur sieben verschiedene Typen von Botulinumtoxinen gekannt, die mit den Buchstaben A bis G gekennzeichnet werden. Es gibt schon länger Antikörper, die jeden dieser sieben Botulinumtypen neutralisieren können. Wir können damit Menschen behandeln, die sich durch verdorbene Lebensmittel vergiftet haben. Mithilfe der Antikörper können wir sie heilen","

sagt der Biosicherheitsexperte David Relman von der kalifornischen Stanford Universität. Die Entdecker selbst wollen sich nicht äußern - das Thema ist ihnen zu heikel.

""Das Problem bei dem neuen Toxin - bei Typ H - ist, dass wir keine Antikörper dagegen haben. Die herkömmlichen Antikörper wirken nicht. Es gibt also keine wirksame Therapie. Deshalb stellt das neue Gift eine so außergewöhnliche Bedrohung für die öffentliche Gesundheit dar. Die anderen Botulinumtoxine sind generell natürlich auch sehr besorgniserregend. Aber zumindest haben wir Antikörper, um die Risiken etwas abzumildern."

Die Forscher von der kalifornischen Gesundheitsbehörde hatten die bakterielle DNA-Sequenz entschlüsselt, sie hielten praktisch den Bauplan für das neue Toxin in ihren Händen. Dann haben sie sich zu einem ungewöhnlichen Schritt entschieden. Sie haben ihre Erkenntnisse über das neue Botulinumtoxin zwar veröffentlicht, im "Journal of Infectious Diseases" - aber ohne die DNA-Sequenz. Das hatten sie mit dem US-Ministerium für Innere Sicherheit und den Centers for Disease Control so besprochen. David Relman, der das "Journal of Infectious Diseases" in der Sache beraten hat, meint: eine gute Entscheidung.

"Ich habe die Studie mit gemischten Gefühlen gelesen. Einerseits dachte ich: Das ist eine sehr wichtige Entdeckung, denn dieses Gift existiert da draußen. Es ist nicht irgendetwas, was ein Wissenschaftler im Labor kreiert hat. Es ist wichtig, dass die Welt von diesem neuen, natürlichen Gift erfährt. Andererseits habe ich auch die große Gefahr gesehen, die mit einer Veröffentlichung der DNA-Sequenz einhergeht. Denn mit diesen Informationen ist jeder halbwegs ausgebildete Molekularbiologe in der Lage, das Toxin im Labor nachzubauen."

Eigentlich, sagt David Relman, sei er immer dafür, dass Forschungsergebnisse vollständig veröffentlicht werden. So funktioniert Wissenschaft: Nur so können sich viele Forscher mit dem Thema beschäftigen und neue Erkenntnisse beisteuern. Andererseits: Die Angst ist zu groß, dass Terroristen das Gift, für das es noch kein Gegengift gibt, nachbauen und großen Schaden anrichten könnten. Relman:

"Ein Professor aus Stanford hat vor einigen Jahren mit Hilfe von Computermodellen berechnet, was passiert, wenn jemand hier in den USA ein paar Gramm Botulinumtoxin in einen Milchtransporter oder Milchtank gibt. Und den Modellen zufolge würde es Zigtausende von Toten geben. Das wäre so ein Beispiel, und die Folgen für die Bevölkerung wären verheerend."

Deshalb sei es richtig, die DNA-Sequenzen in diesem Fall vorerst nicht zu veröffentlichen. Aber so ein radikaler Schritt müsse im Wissenschaftsbetrieb die absolute Ausnahme bleiben, sagt David Relman. Die Sequenzen werden auch nicht für immer zurückgehalten.

"Für mich macht es absolut Sinn, die DNA-Sequenzen zu veröffentlichen, sobald passende Antikörper entwickelt worden sind. Sobald wir eine Gegenmaßnahme ergreifen können."

Wahrscheinlich wird bei der kalifornischen Gesundheitsbehörde schon daran gearbeitet.

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