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StartseiteUmwelt und VerbraucherGiftmüll in Somalia11.05.2006

Giftmüll in Somalia

Diakonie Katastrophenhilfe hilft bei der Entsorgung

Somalia wird seit vielen Jahren durch innere Kämpfe erschüttert. Das Land hat keine funktionierende Zentralregierung, der Tsunami im Dezember 2004 hat hier Fässer ans Land gespült, mit unbekanntem aber höchst verdächtigem Inhalt. Gerüchte von Vergiftungen oder gar Strahlenkrankheiten machten die Runde. Jetzt hilft die kirchliche Organisation Diakonie Katastrophenhilfe bei der Sicherung der Fässer.

Von Ralph Ahrens

In Somalia wurden Fässer ans Land mit unbekanntem aber höchst verdächtigem Inhalt gespült. (Andreas Bernstorff)
In Somalia wurden Fässer ans Land mit unbekanntem aber höchst verdächtigem Inhalt gespült. (Andreas Bernstorff)
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Diakonie Katastrophenhilfe

Dezember 2004. Der Tsunami zerschlug nicht nur hunderte Fischerboote an der somalischen Küste, sondern spülte auch Container, Fässer und andere Behältnisse an Land – mit oft unbekanntem Inhalt:

"Es waren große Industrietanks, verschweißt, mit man weiß nicht, was drin ist. Die einen waren zum Teil ungeheuer stabil, man konnte sie nicht mit Gewehren aufschießen. Die anderen waren zum Teil so verrostet, das sie schon auseinanderfielen, aber schon leer. Man konnte nicht prüfen, was war da eigentlich drin gewesen… "

…erzählt Chemikalienexperte Andreas Bernstoff, den die Abteilung Katastrophenhilfe des Diakonischen Werkszusammen mit Feuerwehrmann Thomas Tasch aus dem Hamburger Hafen für mehrere Wochen nach Somalia geschickt hatte. Sie gaben 14 Somalis einen dreiwöchigen Intensivkurs in Giftmüllbeseitigung. Das war notwendig. Denn in diesem Land fühlt sich niemand für die Giftfracht verantwortlich, meint Omar Olad von der Organisation Daryeel Bulsho Guud, zu Deutsch "Hilfe für Alle”, mit der die Diakonie in der Hauptstadt Mogadischu zusammenarbeitet:

"Es gibt hier viele verschiedene Klans mit jeweils eigenen politischen Vorstellungen. Eine Zentralgewalt, die fehlt jedoch. In unserem Projekt konnten wir aber dennoch gut zusammenarbeiten – so wie an sich jeder Somali davon überzeugt ist, dass es keinen Grund gibt, gegeneinander zu kämpfen. "

Zwar wurden die beiden Experten dennoch bei jedem Schritt von Leibwächtern begleitet. Das Projekt selber war aber erfolgreich. Die Somalis lernten, mit dem weltweiten Positionsbestimmungssystem GPS zu arbeiten. Die Behältnisse am Strand genau zu lokalisieren, ist deshalb so wichtig, weil es in Somalia ungebräuchlich ist, zu dokumentieren. Die Menschen erzählen Geschichten. Aber das hat einen Haken, weiß Andreas Bernstorff zu berichten:

"Geschichten verändern sich bekanntlich beim weitererzählen, und dadurch kommt man manchmal in eine Lage, dass man an einen Platz geführt wird, wo angeblich was liegt und dann ist da gar nichts. Und dann sagt einer, "ach ja, das hat einer weggeholt, woanders hingetan oder wieder ins Meer geschoben” - oder sonst was. "

In dem Giftmüll-Crashkurs lernten die Somalis auch, beschädigte Fässer mit Glasfasern, die im Bootsbau eingesetzt werden, zu versiegeln, erklärt Bernstorff:

"Man belegt also die Form, den Gegenstand mit Glasfasermatten und bestreicht dann mit Epoxidharzen. Das verklebt und härtet dann und dann man kann weiterarbeiten. Man kann also beliebig dicke Schichten auftragen auf die Fässer. Wir haben das trainiert, geübt. Das ist relativ leicht zu lernen. Und haben also eine Sicherungsmethode entwickelt dort vor Ort mit vorhandener Technologie, die die Leute jetzt einsetzen können. "

Anfang April ging es los: Acht der ausgebildeten Somalis suchten 700 Kilometer Küste ab – und wurden neunmal fündig. In einem zweiten Schritt sollen die Fässer mit dem unbekannten Inhalt nun gesichert werden. Die Kosten dafür und auch für die Analyse des Inhalts übernehmen jedoch nicht jene Firmen, die sie vor Somalias Küste verklappt haben. Denn ...

"…wo das alles herkommt, ist weitgehend unklar. Man vermutet, dass in der Periode von etwa vor 12 bis 20 Jahren italienische und Schweizer Firmen da Sachen abgelagert und der Tsunami hat es nun an den Tag gebracht. "

Die Kosten für die Aktion trägt die Diakonie Katastrophenhilfe. Der kirchlichen Organisation ist aber klar, das es sich dabei nur um eine Nothilfe handelt. Denn die eingeschweißten Fässer und Tanks werden wohl noch Jahre an den Stränden liegen bleiben. Das Land selber kann Giftmüll nicht sicher entsorgen. Und eine Ausfuhr – etwa zur Sondermüllverbrennung nach Deutschland – ist rein formal nicht möglich. Denn für grenzüberschreitende Giftmülltransporte braucht es nach internationalem Recht die Unterschrift einer Zentralregierung – und die fehlt in Somalia.

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