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StartseiteInterview"Die Türkei ist im Krieg in Syrien"24.08.2016

GIGA-Institut für Nahoststudien"Die Türkei ist im Krieg in Syrien"

Der Vorstoß türkischer Bodentruppen auf die nordsyrische Stadt Dscharabulus sei eine Neuerung im Syrien-Konflikt, sagte André Bank vom GIGA Institut im DLF. Die Türkei wolle damit verhindern, dass entlang der Südgrenze ein von den syrischen Kurden kontrolliertes Gebiet entstehe. Das größere Engagement könne aber Gegenreaktionen wie neue Anschläge durch den IS oder der PKK auslösen.

André Bank im Gespräch mit Oliver Ramme

Nach Raketenangriffen auf Kilis (Bild) hat die Türkei IS-Stellungen in Syrien angegriffen. Menschen laufen durch die Trümmer in den Straßen. (dpa/picture-alliance/)
Nach Raketenangriffen auf Kilis (Bild) hat die Türkei IS-Stellungen in Syrien angegriffen. (dpa/picture-alliance/)
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Oliver Ramme: Dass der Bombenanschlag auf eine türkische Hochzeitsgesellschaft vom Wochenende mit 54 Toten nicht ohne Folgen bleiben würde, lag auf der Hand. Die Regierung in Ankara hatte die Terrormiliz des IS als Drahtzieher ausgemacht. Heute dann so etwas wie die Antwort: Mit Hilfe türkischer Truppen ist die Grenzstadt Dscharabulus in Syrien angegriffen worden.

Haben wir nun eine weitere Drehung in der Kriegsspirale in Syrien? Diese und andere Fragen möchte ich nun mit Andre Bank vom GIGA Institut für Nahoststudien in Hamburg besprechen. Guten Abend, Herr Bank.

Andre Bank: Guten Abend.

Ramme: Wie bewerten Sie die Teileinnahme dieses Grenzortes?

Bank: Das ist in der Tat eine gewisse Neuerung im Syrien-Konflikt, als dass die Türkei erstmals richtig mit Bodentruppen auch auf syrisches Territorium vorgestoßen ist. Es geht hier bei dieser Einnahme der Grenzstadt Dscharabulus vor allem darum, würde ich sagen, einerseits dieses Gebiet vom IS zu befreien, was ja in diesem Gebiet mit der Einnahme von Manbitsch ohnehin auch schon vor kurzem passiert ist. Vor allem und noch wichtiger, würde ich sagen, gilt es aber hier aus türkischer Sicht, einen Keil zu schlagen zwischen dem großen, kurdisch dominierten Gebiet in Syrien östlich des Euphrat und diesem kleinen Canton Afrin im Westen. Hier will die Türkei verhindern, dass es hier im Grunde entlang der türkischen Südgrenze ein ganzes Gebiet gibt, was von den syrischen Kurden dominiert und kontrolliert wird.

Ramme: Wie bedrohlich stellt sich denn die Lage aus Sicht Ankaras dar, gerade mit Blick auf die Kurden?

Bank: Die Kurden haben in der Tat in den letzten Wochen und Monaten deutliche Geländegewinne erzielt. Sie sind ja im Grunde so was wie die Bodentruppen der westlichen Luftschläge gegen den IS und sie haben in der Tat ihr Gebiet vom Nordosten und diesem kleinen Kanton Afrin im Westen sukzessive ausgedehnt auf Kosten des IS und sie sind jetzt mit der Einnahme der Stadt Manbitsch vor kurzem über den Euphrat-Fluss hinweggegangen. Das Gebiet von dort, Manbitsch und Dscharabulus, hätten es die Kurden jetzt eingenommen, wonach es ja nicht aussieht, bis nach Afrin sind lediglich 70 Kilometer. Würden die Kurden dieses Gebiet kontrollieren, dann hätten sie ein weithin geschlossenes Territorium von mehreren hundert Kilometern direkt an der türkischen Südgrenze.

Ramme: Im Prinzip haben wir doch eine ganz schwierige Gemengelage. Sie haben ja gesagt, auf der einen Seite die Kurden, die die harte Arbeit leisten für die Allianz am Boden, auf der anderen Seite haben wir die Türken, die wiederum dagegen sind, die Amerikaner sind auf Seiten der Kurden. Wie stellt sich das Ganze zurzeit dar und wie geht das aus?

"Die entscheidende Partei im Syrien-Krieg ist die russische Armee"

Bank: Die Kurden sind hier wirklich entscheidender Faktor. Die Amerikaner, die die Kurden instrumentalisieren für ihren Kampf gegen den IS, und die Türkei, beide, Washington und Ankara, würde ich gewissermaßen als die vorläufigen Verlierer oder zumindest schwächere Akteure in diesem größeren internationalisierten Syrien-Krieg sehen. Sie schließen sich jetzt wieder zusammen und versuchen, sukzessive wieder an Einfluss zu gewinnen. Aber die eigentlich entscheidenden Parteien im Syrien-Krieg im größeren Zusammenhang, wenn man auch an Aleppo denkt, ist wirklich die russische Armee, ist der Iran, die die Assad-Truppen unterstützen.

Ramme: Jetzt haben Sie ja vorhin auch erwähnt: Die Türkei marschiert jetzt ein auf syrisches Territorium. Kann man sagen, dass die Türkei sich jetzt doch stärker in diesem Krieg involviert? Ist sie im Krieg mit Syrien?

Bank: Sie ist im Krieg in Syrien. Ob sie im Krieg mit Syrien ist, das wage ich ein Stück weit zu bezweifeln. Zwar hat heute die syrische Regierung formell erklärt, dass hier die territoriale Integrität gebrochen wurde, aber man hat sicherlich sehr freudig bei Baschar al-Assad vernommen, dass die Türkei unlängst auch erstmalig erklärt hat, dass für eine Übergangszeit Baschar al-Assad in Syrien an der Macht bleiben könne. Das ist ein Zeichen, dass sich Ankara, wo es im Grunde eingekreist ist von allen möglichen Akteuren in der Region, unter Druck von Seiten Russlands, ökonomisch am Boden, geschwächt durch die Putschsituation, jetzt öffnet und versucht, hier neue Kanäle zu erschließen. Das ist eine gute Nachricht für Baschar al-Assad und ich fürchte, es ist aber auch eine Nachricht, dass dieser Krieg dadurch nicht zu Ende ist, sondern diese Reaktion wird Gegenreaktionen hervorrufen und das könnten nicht nur Gegenreaktionen in Syrien sein, sondern auch ein Aufkommen von neuerlichen Anschlägen in der Türkei, die durchgeführt werden vom IS, der jetzt angegriffen wird, aber auch von der PKK.

"Das Phänomen des IS ist nicht vorbei"

Ramme: Ist denn der IS langsam in die Knie gezwungen?

Bank: Der IS hat massiv an Territorium verloren. Das ist ganz unbestritten. Aber der IS hat ja reagiert im Grunde mit einer Art von Brutalisierungsstrategie, Externalisierungsstrategie, indem jetzt diese Anschläge durchgeführt werden. Und ich würde prognostizieren, dass selbst wenn er jetzt noch weiter an Territorium in Syrien und im Irak verliert - es wird ja über Rakka diskutiert, die vermeintliche Hauptstadt in Syrien, und über Mossul, die Millionenstadt im Irak -, selbst dann wäre er natürlich weithin gebrochen. Aber das Phänomen des IS mit einem dschihadistischen Islamismus ist nicht vorbei. Wir haben das in Form der reformierten Nusra-Front in Syrien und wir hätten auch weiterhin so einen Nukleus des IS weiter bestehen in der Region.

Ramme: Noch mal zu dem Punkt, den Sie vorhin erwähnt haben. Ist das auch eine Reaktion auf den Putsch, der nun 40 Tage zurückliegt in der Türkei? Will man auch da, ich sage mal, für gute Schlagzeilen und gute Stimmung in der Truppe sorgen?

Bank: Es gibt sicher das, was die Politikwissenschaftler einen rally 'round the flag effect nennen, also den Versuch, über ein externes Engagement Stärke zu zeigen, wie mit so einer Bodenoffensive innenpolitisch Gefolgschaft zu generieren. Das ist, glaube ich, auch eine Dimension, die auch das Timing ein Stück weit erklärt, also den Zeitpunkt, warum das jetzt gerade geschieht. Aber diese geostrategischen Punkte, über die wir vorher gesprochen haben, die gehören entscheidend hier mit dazu.

Ramme: Andre Bank war das vom GIGA Institut für Nahoststudien in Hamburg. Auch das Gespräch haben wir vor der Sendung aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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