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StartseiteCorsoEin Leben im Jet Set09.02.2016

Gitarrist Dave StewartEin Leben im Jet Set

Der britische Gitarrist und Produzent Dave Stewart wurde in den 1980er Jahren mit den "Eurythmics" weltbekannt. Gemeinsam mit Sängerin Annie Lennox produzierte er etliche Hits und surreale Musikvideos - bis heute dient er vielen Künstlern als Inspiration. Seine neue Autobiographie ist eine spannende Reise in die Historie der Popmusik.

Von Jan Tengeler

Der Musiker und Produzent Dave Stewart spielt mit Sonnenbrille und Hut im Rampenlicht auf einer Gitarre.  (picture-alliance / dpa /   Steve C. Mitchell )
Dave Stewart wurde in der 80er-Jahren mit den "Eurythmics" bekannt. (picture-alliance / dpa / Steve C. Mitchell )
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"Heute, bald 40 Jahre später, ist Sweet Dreams immer noch allgegenwärtig. Praktisch jeder Radiosender auf der Welt spielt den Song noch immer. Er läuft jede Sekunde jeder Minute jedes einzelnen Tages. Er begleitet mich, egal wohin ich gehe."

Und das ist für Dave Stewart nicht etwa ein Fluch, sondern ein Segen. Denn er war im entscheidenden Augenblick Geschäftsmann genug, um seine Ideen in Bares umzumünzen, wie er wenig später in seiner Autobiographie bemerkt.

"Wir wollten vermeiden, was den meisten anderen Bands widerfuhr – letzten Endes ohne einen Cent dazustehen. Mein Vater gab mir einen ausgezeichneten Ratschlag: ‚Achte darauf, dass Annie und du euer Geld stets als erste erhalten und bezahlt erst dann alle anderen.'"

"Sweet Dreams" ist nicht nur in finanzieller Hinsicht der Dreh- und Angelpunkt im Leben des Dave Stewarts, der Song markiert auch den Höhepunkt der Autobiographie. Vor dem Wendepunkt ist alles Entdeckung und unermüdliche Arbeit, künstlerisches Ringen und künstlerisches Hungertuch, danach ist es nicht nur, aber doch vor allem: ein Leben im Jet Set.

Vom hyperaktiven Fußballspieler zum passionierten Musiker

David Allan Stewart wurde 1952 im Nordosten Englands geboren. Dave ist fanatischer und hyperaktiver Fußballspieler, einen ersten Bruch in seiner Biographie gibt es, als er wegen einer Verletzung den Sport an den Nagel hängen muss. Eine neue Leidenschaft wird ihm allerdings mit einer kleinen Akustikgitarre ans Krankenbett gebracht. Von da an ist klar, dass Dave Musiker werden wird. Das meiste bringt er sich selbst bei, spielt sich die Finger wund, wo er steht und geht und hört sich die Songs raus, die er liebt:

"Meine Musik ist im Blues verwurzelt. Als ich den Dokumentarfilm ‚Deep Blues' gemacht habe, konnte ich einige meiner großen Helden noch selber erleben. Aber was mich wirklich überrascht hat, war die Ähnlichkeit zur Musikkultur im Norden Englands: Als Jugendliche saßen wir in den Pubs, spielten einen Song auf der Gitarre und dann reichten wir sie weiter und der nächste kam an die Reihe. Das machen sie auch in Nashville, Tennessee. Ich kam mir vor, wie zu Hause."

Den zweiten Bruch in seiner Biographie erlebt Dave Stewart, als sich seine Eltern ohne große Vorwarnung trennen und er mehr oder weniger auf sich alleine gestellt ist. Er ist gerade mal 15, zieht er in eine eigene Bude und beginnt einen Lebensstil a la Sex, Drugs, and Rock'n'Roll.
Stewart geht nach London und mausert sich mit immer neuen Bands und skurrilen Ideen, aber auch mit seinem Hang zum Exzess zu einer bekannten Figur in der Musikszene. Er lebt stets am Existenzminimum und trifft 1975 auf die ebenfalls mittellose Musikstudentin Annie Lennox.

Mit den Eurythmics gelingt der internationale Durchbruch

Sie verlieben sich unsterblich ineinander und schreiben gemeinsam Songs, was für Stewart den Kern seines Musiker-Daseins ausmacht:

"Mit anderen Leuten Songs zu schreiben, ist so, als ob man sich immer und immer wieder verlieben würde. Es ist wie eine Schnellstraße in eine andere Seele – man kann den Herzschlag des anderen im Einklang mit dem eigenen spüren. Wenn ich Gitarre spiele und jemand zu singen beginnt, geht noch etwas anderes vor sich, das niemand erklären kann."

In den 80er Jahren werden die Eurythmics zu Superstars, sie produzieren etliche Hits und touren pausenlos durch die Welt. Mit ihren oft surrealen Filmchen können sie auch die neue Mode der Musikvideos für sich nutzen. Dave Stewart beschreibt sich zwar als chaotischen Typen, aber er ist auch ein Allroundtalent, der Stücke komponiert und produziert, Videoszenen entwirft und filmt.

Parallel zu den letzten Jahren mit den Eurythmics, die ab 1990 nur noch sporadisch zusammen kommen, wird Stewart zu einem gefragten Künstler im US-amerikanischen Showbiz. Er wird von Leuten wie Bob Dylan, Mick Jagger, Stevie Nicks als Songschreiber, Produzent oder einfach nur als Inspirationsquelle hoch geschätzt. Egal wir groß der Name ist, er hat niemals Angst, etwas Neues auszuprobieren und es genauso schnell wieder zu verwerfen – das ist vielleicht seine größte Stärke, bei der dann - wie nebenbei - auch noch Instrumentalhits wie "Lilly Was Here" entstehen.

Dave Stewart hat mit seiner unbefangenen Einstellung eine bis heute beeindruckende Karriere erlebt. Seine Biographie ist literarisch zwar kein Genuss, aber sie liest sich doch flüssig und amüsant. Insbesondere die Geschichten aus den Anfängen seiner Karriere machen die Lektüre auch zu einer spannenden Reise in die Historie der Popmusik. Den Hang zur Übertreibung wird man dem Mann nachsehen müssen, denn selbst nüchtern betrachtet haben viele seiner Geschichten die Aura des Wunderbaren.

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