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StartseiteRock et ceteraVon Blues bis Britney 30.07.2017

Gitarrist Tobias HoffmannVon Blues bis Britney

In Genre-Grenzen lässt sich vielleicht Musik, lassen sich kaum aber Musikerinnen und Musiker einzwängen. Der Kölner Jazz-Gitarrist Tobias Hoffmann spielt mal rockig, mal bluesig, mal erzeugt er Wellen der Surfmusik. Und sogar Britney Spears reizt ihn - musikalisch.

Von Anja Buchmann

Ein Mann spielt Gitarre auf einer Bühne. Im Hintergrund leuchtet ein Scheinwerfer. (www.klaengkollektiv.de)
Tobias Hoffmann ist ein Fan von Surfmusik (www.klaengkollektiv.de)

Diese Sendung können Sie nach Ausstrahlung sieben Tage online nachhören.

Musik: "Coming home baby"

Vibrato-Hebel und "Twang"

Ein Häuschen im Kölner Norden, Wohn- und Arbeitsstätte von Tobias Hoffmann. Zum Interview hat er drei seiner Gitarren - plus eine kleine Auswahl von Pedalen und Effektgeräten - im Wohnzimmer aufgebaut. Drei Fender-Instrumente: Stratocaster, Telecaster und die von ihm am häufigsten gebrauchte Fender Jaguar.

Anja Buchmann: "Warum ist die deine Lieblingsgitarre, insbesondere für die Musik, die du mit deinem Trio machst oder auch mit den Expressway Sketches, soweit ich weiß?"

Tobias Hoffmann: "Ja, ich bin ja ein Fan von Surfmusik aus den 60er Jahren und 50er Jahren. Und tatsächlich passt diese Gitarre meiner Meinung nach am besten dazu, was die Klangmöglichkeiten angeht, also man hat diesen Vibrato-Hebel, den ich sehr gern benutze für surfartige Sounds."

"Kannst du das mal kurz vormachen?"

"Ja, der Klassiker wäre natürlich..."

"Muss das auch quietschen?"

"Nein, meins muss tatsächlich mal wieder geölt werden, ich muss mal zur Gitarrenwerkstatt, und das machen lassen, weil im Moment quietscht es immer so."

"Naja, beim Konzert wird es nicht so auffallen."

Tobias Hoffmann: "Den Zuschauern  fällt es nicht auf, aber neulich hatten wir ein Konzert mit "Hütte & Chor" und die Sängerin, die neben mir stand auf der Bühne, musste die ganze Zeit lachen, weil das Ding so gequietscht hat."

Die Fender Jaguar ist das vierte Gitarrenmodell, das von Leo Fender gebaut wurde, im Jahr 1962 - nach der Telecaster, der Stratocaster und der Jazzmaster. Eine Gitarre mit kurzer Mensur - so heißt die Länge der schwingenden Saiten vom Sattel bis zum Steg. Und mit einem ganz besonderen, perkussiven Klang, den Tobias Hoffmann sehr schätzt.

"Man hat relativ wenig Sustain, also die Töne klingen nicht besonders lange. Dafür kommt der Attack, also der Anschlag, dieses Anschlagsmoment, kommt mehr zur Geltung. Das heißt, man hat mehr diesen Sound, mit dem man das verbindet, was man in Fachkreisen den "twang" nennt."

Musik: "Cherry Ball Blues"

Die Anfänge und der Blues

Hell, transparent und aufgeräumt ist der Klang der Fender-Gitarren, insbesondere durch die charakteristischen "Single Coil"-, also: Ein-Spulen-Tonabnehmer, die höhenlastiger sind, aber auch anfälliger für Nebengeräusche. Natürlich kommt es noch darauf an, welchen Verstärker man nutzt, wie man Gitarre und Verstärker einstellt, welche Saiten aufgezogen sind - im Falle von Tobias Hoffmann zum Teil geschliffene Saiten, die etwas dunkler und jazziger klingen. Und ob man auf der Jaguar z.B. den vorderen oder den hinteren Tonabnehmer benutzt. Der studierte Jazzmusiker und Echo Jazz-Preisträger Tobias Hoffmann wuchs in einer sehr Gitarren versessenen Familie in Remscheid auf. Vater und Onkel haben Gitarre gespielt und ihn früh für das Instrument begeistert. Zu Beginn aber: keine Fender.

"Ich hatte damals einen Les Paul-Nachbau, das war meine erste E-Gitarre. Und dementsprechend habe ich mir auch  in dem Bereich Helden ausgesucht. Ich war totaler Fan von Gary Moore, der damals seine "Back to the blues-Phase" hatte mit seinem Hit-Album "Still got the blues". Der Song an sich hat mit Blues relativ wenig zu tun. Auf der Platte sind aber sonst fast nur Blues-Nummern, einige berühmte Gäste, Albert King spielt mit und auch Albert Collins. Und ich glaube auf dem Nachfolgealbum, da war B.B. King zu Gast. Davon hatte ich auch eine VHS-Kassette, von einem Live-Konzert, die ich mir 100.000 Mal angeguckt habe. Und so kam ich dann auch auf die alten Typen und fand auch geil, wie die gespielt haben. Und habe mir dann angefangen Albert King und B.B. King-Platten zu kaufen. Und so wurde meine Sammlung immer größer."

Mann mit Gitarre sitzt auf einer niedrigen Mauer. (www.klaengkollektiv.de)Echo Jazz-Preisträger Tobias Hoffmann wuchs in einer sehr Gitarren versessenen Familie auf (www.klaengkollektiv.de)

Als nächstes bekam er eine Fender Stratocaster, stand besonders auf den Bluesrock-Musiker Stevie Ray Vaughan und orientierte sich über Robben Ford und John Scofield immer mehr in Richtung Jazz. Die Strat - allerdings eine andere als die aus seiner Jugendzeit - nutzt er heute auch gelegentlich. Das Besondere daran: Das Instrument hat drei Single-Coil Tonabnehmer, die zudem noch kombiniert werden können, so dass fünf verschiedene Einstellungen und Sounds möglich sind.

"Diese ursprüngliche Kombination ist das, was glaube ich Buddy Guy, Jimi Hendrix waren die ersten Typen, die das so herausgefunden haben. Dieser etwas kehlige Sound bei der Kombination der Tonabnehmer."

"Ah ja, da haben wir wieder den Haken."

"Genau, hier hat man auch den Haken. Kleine Anlehnung an "Little Wing" war das, da ist dieser Sound glaube ich sehr präsent zu hören. Dann gibt es die andere Möglichkeit, die quasi das Pendant dazu ist, aber ein bisschen spitzer, ein bisschen heller. Die Kombination der Tonabnehmer in der Mitte und hinten. Den assoziiere ich so mit den ersten Aufnahmen der Dire Straits, Mark Knopfler."

"Stimmt, das passt. Ist ja auch der alte Finger-Zupfer, ohne Plektron Spieler."

"Ja, genau. Ich mache das jetzt direkt automatisch, weil ich das so stark damit verbinde, dass man auch direkt anfängt, solche Sachen zu spielen. Das sind so diese beiden typischen Klänge, die tatsächlich keine andere Gitarre in der Form produzieren kann."

Musik: "Toxic"

Das Loop-Gerät

Das Tobias Hoffmann Trio mit einer rumpelnden, bluesigen Version von Britney Spears' "Toxic"; mit Etienne Nillesen, Schlagzeug und Frank Schönhofer, Bass. "Blues, Ballads & Britney" heißt ihre zweite gemeinsame Platte nach dem Debut "11 famous songs tenderly messed up". Auf dem zweiten Album bedienen sie sich bei Songs von alten Blues-Heroen, wie Skip James oder Willie Dixon, aber auch eben bei Pop-Songs wie "Toxic", Jazz-Stücken von Ellington oder Monk und einem - vollkommen "entzuckerten" - Burt Bacharach-Song. Aufgenommen wurde das Ganze in Echtzeit, ohne nachträgliche Overdubs. Nur ein Loop-Gerät bringt Tobias Hoffmann schon mal zum Einsatz, das er aber auch live in sein Spiel integriert.

"Da kann man sich selber live aufnehmen, also man drückt auf einen Knopf und das was man spielt, wird dann aufgenommen und man kann es dann wieder ablaufen lassen und dann dazu spielen, also. Und jetzt läuft das in Schleife und ich kann darüber eine Melodie spielen oder improvisieren."

"Okay, und könntest dir auch noch mehrere Spuren übereinander. Wie viele? Oder ist das quasi unendlich?"

"Man kann bei diesem Gerät quasi unendlich viele Spuren übereinander legen, aber es ist so, je mehr Spuren man übereinander legt, desto leiser werden die, die vorher da waren. Das heißt nach einer gewissen Anzahl von Overdubs hört man das, was ursprünglich da war, nicht mehr. Jetzt wo ich hier alleine dasitze, habe ich das konkret als Begleitung benutzt. In der Band mache ich mehr Soundsachen damit, weil man hat die Möglichkeit, das Ding auch rückwärts ablaufen zu lassen, was ihm dann jegliche Rhythmik nimmt."

"Ist das auf deiner neuen Trio-Platte bei dem Burt Bacharach-Stück so?"

"Ja genau, da ist das so. Da zitiere ich ja dann vor der letzten Schlussmelodie das Thema, diesen Anfang, und habe das ein paar Mal übereinander gelegt. Und so klingt das rückwärts. Ganz zum Schluss glaube ich, wenn das Stück fast vorbei ist, drücke ich noch diesen Knopf und dann kann man das Ganze noch halb so schnell abspielen lassen. Und dann ist es eine Oktave tiefer."

Musik: "The Look of Love" 

Musik: "Betty in the Bazza"

Instrumentaler Rock, glockige Fender-Gitarren, bumm-tschaktschak-bumm-tschak-Schlagzeug-Beats und massig Federhall. Die Surfmusik der 60er, in aktueller Variante von der Band "Expressway Sketches" mit Benjamin Schäfer, Keyboard,  Lukas Kranzelbinder, E-Bass, Max Andrzejewski, Schlagzeug und Tobias Hoffmann, Gitarre. Als Gast am Saxofon Johannes Schleiermacher.

Grüße von Quentin Tarantino

Alles Musiker, die sich großenteils in der Jazzszene tummeln, die über alles und mit allem improvisieren können, sich aber weder um orthodoxe Rocker noch um die Jazzpolizei kümmern und einfach ihr Ding machen. Und seit ein paar Jahren ist das eben auch Surfmusik der 60er Jahre. Überhaupt eine Zeit, der Tobias Hoffmann viel abgewinnen kann. Er liebt den Sound der Gitarren vor Jimi Hendrix, den akustischen Klang ohne große Verzerr-Orgien, obwohl natürlich auch er den Verzerrer immer mal wieder dosiert einsetzt. Und so begeistert ihn eben auch die Surf-Musik, mit ihren Gruppen, wie Dick Dale & The Del-Tones, The Ventures oder The Shadows.

"Dann gibt es Leute, wie Cliff Gallup, der hat etwa 20 Songs aufgenommen mit Gene Vincent. Und der ist unglaublich, was der da gespielt hat, so Mitte der 50er. Und das sind auch so ganz interessante Schnittstellen wo Pop und Jazz sich so überlagern. Weil, was der spielt, ist im Grunde genommen sehr jazzig, aber er hat auch einen eher moderneren Klang, also keinen Jazzgitarrensound, sondern auch schon mit Höhen. Ein bisschen dieser Rock'n'Roll-Approach, aber was er spielt in seinen Linien und seinen Akkorden - ist jetzt nicht original Cliff Gallup, aber ungefähr so - ist im Grunde genommen sehr jazzig."

Musik: "One eyed Jack"

Fans von Quentin Tarantino fühlen sich bei dieser Musik sicher auch sehr wohl. Denn immer wieder findet sich Surf-Musik in den Soundtracks seiner Filme, ein Paradebeispiel ist natürlich "Pulp Fiction".

Ohne Vibrato-Hebel

Die Fender Jaguar kommt bei Tobias Hoffmann am häufigsten zum Einsatz, als zweite Gitarre für Gigs nimmt er meistens die Telecaster mit. Auch ein Instrument mit zwei Tonabnehmern, allerdings ohne Vibrato-Hebel und mit normaler Mensur.

"Und dadurch sind die Saiten straffer drauf. Ich habe auf der tatsächlich auch keine geschliffenen Saiten, also die normalen, die ein bisschen metallischer klingen. Man hat mehr von diesem Sustain, von diesem Nachklang, es ist nicht so, dass der Anschlagsmoment so sehr raus sticht wie bei der Jaguar. Und wenn man es objektiv sieht, klingt die Gitarre eigentlich besser. Also das, wonach viele suchen, ist auch Sustain und gute Instrumente haben auch einen langen Nachklang, den es jetzt bei der Jaguar bauartbedingt nicht so wirklich gibt. Da muss man auch ein Freund von sein, weil es tatsächlich auch speziell ist. Dann gibt es noch den hinteren Tonabnehmer, der auch sehr  charakteristisch klingt bei der Telecaster. Vielleicht der  Steg-Pickup-Single-coil-Sound eigentlich, der auch ziemlich durchschießt und aggressiv ist. Keine Ahnung, jeder kennt ja die Stones, wo Keith Richards so ein Ding spielt. Der spielt auch eine Telecaster. Und man hat so ein bisschen das Gefühl bei diesem hinteren Tonabnehmer, finde ich, als würde da was raus platzen."

Musik: "Spoonful"                                       

"Ich spiele jetzt einfach Gitarre"

Tobias Hoffmann hat Jazz studiert, an der Musikhochschule in Köln. Eine Zeit, in der er sich intensiv mit der Geschichte des Jazz auseinandergesetzt hat, auch mit den Berührungspunkten zu Blues und Rock. Und natürlich mit seinem Instrument. Interessant ist, dass er im Studium immer wieder erlebte, wie Gitarristen nach anderen Klang- und Spielmöglichkeiten suchten, die sich regelrecht vom eigentlichen Sound der Gitarre, mit all ihren Variationsmöglichkeiten, entfernten.

"Ich hatte irgendwann das Gefühl: Noch ein Gitarrist, der versucht wie ein Saxofonist zu spielen oder wie ein Pianist, braucht eigentlich die Welt nicht mehr. Warum finden Gitarre anscheinend alle so blöd? Wenn sie sagen, sie wollen wie ein Saxofon oder wie eine Klarinette oder wie ein Klavier klingen? Und immer damit hadern, dass man die Möglichkeit dieser Instrumente nicht hat. Aus rein technischer Sicht kann man hier kein achtstimmiges Voicing drauf drücken, wo die Töne alle innerhalb einer Oktave liegen, das geht einfach nicht."

Musik: "While my guitar gently weeps"

"Und so fand ich das dann eigentlich gut, dass ich irgendwann das Gefühl hatte, ich spiele jetzt einfach Gitarre. Und glücklicherweise stieß das auch auf total gute Resonanz."

Musik: "While my guitar gently weeps"

"Bis heute ist es so, dass viele Leute sich darüber freuen, dass meine Gitarre so klingt, wie sie klingt und ich kriege immer etliche Kommentare, die auch ein bisschen denkwürdig sind, aber wo es dann heißt: Hey, das ist ja Jazz, aber das klingt gar nicht wie Jazz."

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