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StartseiteRock et cetera"Wie Geister aus dem Nichts“28.01.2018

Gitarrist und Sänger Glen Hansard"Wie Geister aus dem Nichts“

Mit 13 Jahren verlässt Glen Hansard die Schule und landet mit seiner Gitarre auf den Straßen von Dublin. Ein Jahr, nachdem er seine Band The Frames gründet, erhält der Ire einen Plattenvertrag und spielt die Hauptrolle im Musikfilm "The Commitments". Songs, sagt er, erreichen ihn "wie Geister aus dem Nichts."

Von Marlene Küster

Glen Hansard. (Agentur:agency)
Glen Hansard. (Agentur:agency)

Musik: High Hope

"Musik hat mich sehr früh in den Bann geschlagen. Songs waren magisch. Sie haben mich in eine Traum- und Fantasiewelt entführt. Diese unglaubliche Wirkung hat mich nie losgelassen. Und genau diesen Effekt will ich mit meiner Musik erzielen."

Graue Strähnen ziehen sich durch rotblondes, gewelltes Haar und den Vollbart. Die 47 Lebensjahre sieht man Glen Hansard trotzdem nicht an. Er ist jung und begeisterungsfähig geblieben. Seine großen, wachen blauen Augen strahlen. Da es für den jungen Glen in der Schule nicht gut lief, machte er mit seinem Schuldirektor einen Deal: "Rührend hat er sich um mich gekümmert. Er kannte sich sehr gut mit Musik aus, da er selbst als DJ am Wochenende bei einem lokalen Radiosender arbeitete. In seinem Büro sprachen wir viel über Bob Dylan, Neil Young und Van Morrison. Eines Tages fragte er mich: "Was willst du eigentlich werden?" "Musiker", antwortete ich ihm. "Dann mach doch Musik", ermutigte er mich. "Ja, das will ich unbedingt", stimmte ich ihm zu. "Lass uns folgendes vereinbaren", schlug er mir vor.  "Du lässt die Schule für sechs Monate sein, wirst Straßenmusiker, konzentrierst dich ganz auf dein Gitarrenspiel und das Singen. Wenn du nach sechs Monaten merkst, dass das nicht dein Ding ist, kommst du wieder zurück in die Schule."

Mit 13 Jahren auf Dublins Straßen

So landet der 13-jährige Glen mit seiner Gitarre auf den Straßen von Dublin.

"Ich kann mich noch genau an den ersten Tag erinnern und wie schwierig es war, die Gitarre vor allen Leuten aus dem Kasten zu holen. Ich zögerte zunächst und als ich sie dann in die Hand nahm, zeigte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben als Künstler. Ich stand da und spielte ein paar Dylan-Songs. Jemand legte ein paar Münzen neben mir auf den Boden. Zum ersten Mal hatte ich mit meiner Musik Geld verdient. Das war ein unbeschreibliches Gefühl! Ich erzählte meinem Direktor davon und er sagte: "Tu, was dir am Herzen liegt". Das tat ich und bin nie mehr zur Schule zurückgekehrt."

Musik: Maybe Not Tonight

Jeden Tag verbringt Glen Hansard viele Stunden auf der Straße. Das Leben ist hart, aber er schlägt sich durch und findet dort viele Kumpels. Er kommt in Kontakt mit Obdachlosen, lernt Drogendealer kennen und befreundet sich mit einem Zeitungsverkäufer, ein großer Bob-Dylan-Fan, der ihm Kassetten von Dylans Konzerten gibt. Er arbeitet weiter an seinem Gitarrenspiel.

"Mein Onkel zeigte mir und meinem Bruder einige Gitarrengriffe. Wir hatten selbst keine eigene Gitarre. Und dann verschwand mein Onkel auf einmal im Gefängnis - keine Ahnung warum - auf jeden Fall war das für mich die Gelegenheit, seine Gitarre zu spielen. Das tat ich andauernd. Als er nach einem Jahr zurückkam, konnte ich schon richtig gut spielen. So hat alles angefangen. Sein Unglück war mein Glück! Mein Onkel schenkte mir dann eine Gitarre, als ich auf der Straße spielte."

Groß geworden ist Glen Hansard in einem Arbeiterviertel in Dublin, ein Ort, wo Gewalt, Verbrechen, Diebstahl und Drogenhandel an der Tagesordnung waren.

Dylan und Cohen verändern sein Leben

"Beinahe hätte ich den falschen Weg eingeschlagen und wäre wahrscheinlich auch irgendwann mal im Gefängnis gelandet. Doch zum Glück habe ich die Musik entdeckt und das hat mein Leben schlagartig geändert. Ich blieb auf einmal auf meinem Zimmer, spielte Gitarre und hing nicht mehr mit meinen alten Kumpels rum, die immer gerade irgendwas anstellten. Bob Dylan und Leonard Cohen haben aus mir einen anderen Menschen gemacht."

Sieben Jahre lang spielt Glen Hansard auf der Grafton Street - Dublins bekannter Einkaufsstraße - und in Pubs. "Dort hab ich mir einen sehr harten Anschlag angewöhnt, damit die anderen mich und meine Stimme wahrnahmen und mich hörten. Ich habe nie wirklich gelernt, leise Gitarre zu spielen. Vielleicht ist mein Gitarrenspiel im Laufe der vielen Jahre zeitweise etwas sanfter geworden, trotzdem setze ich immer noch viel Kraft bei den Akkorden ein."

Musik: Wedding Ring

Eine Karriere wie im Bilderbuch

Mit 20 Jahren gründet Glen Hansard die Rockband The Frames. Sie spielen Gitarren, Keyboard, Geige und Schlagzeug. Der Song "Seven Day Mile" aus dem Album "Dance the Devil" von 1999.

Musik: Seven Day Mile

Bereits ein Jahr nach der Bandgründung interessiert sich neben der Musik- auch die Filmindustrie für Glen Hansard. Er erhält einen Plattenvertrag und eine Hauptrolle im Musikfilm "The Commitments". Und als John Carney, Bassist von The Frames, im Jahr 2006 beim Musik-Drama "Once" Regie führt - eine weitere Chance für Glen Hansard. Er spielt sich selbst, einen talentierten Straßenmusiker. Im Film ist seine Partnerin die tschechische Pianistin Markéta Irglová. Für den Titel "Falling Slowly" erhalten die beiden einen Oscar. Überraschend werden die Independent-Musiker weltweit bekannt.

Musik: Falling Slowly

"Es fiel mir anfangs ziemlich schwer, diesen Erfolg anzunehmen. Ich war durcheinander und hab mich irgendwie dagegen gewehrt. Was ist das denn, habe ich mich gefragt, warum kommen plötzlich zu unseren Konzerten so viele Leute? Das, was wir heute machen, ist das gleiche wie gestern. Ich habe angefangen, vieles in Frage zu stellen. Dann verbrachte ich einen Abend mit Bruce Springsteen. Er  sagte zu mir: "Du hast die ganze Zeit gekämpft, dich abgemüht und so richtig weitergekommen bist du nicht. Doch plötzlich hat sich alles total geändert. Ja, Glen, rufen sie alle auf einmal, komm mit zur Party!  Und du kannst das gar nicht fassen, bist immer noch gefangen in diesem alten Glen, der sich abmüht. Du willst weiter kämpfen und kannst deinen Erfolg gar nicht annehmen, weil du nicht gelernt hast, damit umzugehen. Ich gebe dir folgenden Rat: Öffne eine Flasche Champagner, nimm dir eine Auszeit und feiere diesen einzigartigen Moment!"

Selbstzweifel

Dennoch fällt Glen Hansard erst einmal in ein Loch. Er braucht Zeit für sich, Zeit diesen plötzlichen Erfolg zu verarbeiten. Zeit über das Schreiben von Songs nachzudenken.

"Songs sind irgendwie sonderbar. Sie haben ein Eigenleben. Wie Geister tauchen sie aus dem Nichts auf, bleiben ein paar Minuten in deinem Kopf und verschwinden ebenso schnell wie sie gekommen sind. Deshalb musst du sie unbedingt festhalten. Für jeden fertigen Song gibt es mindestens zehn Ideen. Die Aufgabe des Songschreibers ist immer präsent zu sein und auf diese kostbaren inspirierenden Momente zu warten. Ein Song hat eine kurze Überlebenszeit."

Die Film-Kollegin Markéta Irglová und Glen Hansard sind wirklich ein Paar geworden und machen als "The Swell Season" zusammen Musik. Doch nach zwei Jahren trennen sie sich wieder. Auf ihrem Album "Strict Joy" von 2009 verarbeiten sie ihre Trennung. Leise, traurige Töne im Song Sleeping aus Strict Joy.

Musik: Sleeping 

Der Musiker Glen Hansard auf einer dunklen Bühne stehend, mit einer Gitarre, in ein Mikrofon singend (dpa/picture alliance/Herbert P. Oczeret)Der Musiker Glen Hansard (dpa/picture alliance/Herbert P. Oczeret)

Solokarriere

2012 veröffentlicht Glen Hansard sein Solo-Debüt "Rhythm and Repose". Daraus der Titel "Bird Of Sorrow", der als Pianoballade ruhig anfängt und sich allmählich intensiviert, bis aus Glen Hansard die Worte fast schreiend, aber melodisch herausbrechen.

Musik: Bird Of Sorrow

Mit seinem zweiten Soloalbum "Didn't He Ramble" von 2015, das für einen Grammy als "Best Folk Album" nominiert wird, entwickelt sich der Ire noch mal weiter.

Ein ruhiger Moment voller Leidenschaft und Zweifel der Song "What Are We Gonna Do". In die gezupften Gitarrenklänge und Glen Hansards Stimme mischen sich Geigen, einzelne Töne - hie und da - und lange bleibt offen, ob sie sich zu einem einzigen Sound vereinen. Dann singt Irglová und fragt "was werden wir tun?". Bis zum Ende haben die Geigen nicht zueinander gefunden und die Frage bleibt unbeantwortet.

Musik: What Are We Gonna Do

Neues Album mit schmerzlichen Erinnerungen verbunden

Gerade hat der Ire ein neues Album veröffentlicht: "Between Two Shores". Ein Titel, der mit für ihn schmerzlichen Erinnerungen verbunden ist.

"Ich fühlte mich irgendwie verloren und googelte nach dem isoliertesten Punkt auf der Erde. Ich fand "Point Nemo": nur so ein Punkt mitten im Nirgendwo des Pazifik - geographisch gesehen der am weitesten -Tausende von Kilometern - vom Land entfernte Ort. Ja, genau so ist mir gerade zumute, dachte ich so in der Rolle des Songschreibers. Klingt dramatisch oder? Ich dachte gleichzeitig auch an meinen Musikerfreund, der vor kurzem auf seinem selbst gebauten Boot ums Leben gekommen ist. Genau damit sind wir letztes Jahr von Irland bis nach Santiago in Spanien gefahren, sechs Wochen lang. Wir wollten kein Geld für die Unterkunft ausgeben. Wenn wir in kleinen Fischerdörfern ankamen, holten wir unsere Instrumente und machten Musik. Überall wurden wir freundlich empfangen, bekamen zu essen und zu trinken und fanden eine Bleibe für die Nacht. Diese Reise war für mich eine tolle Erfahrung! Dieses Jahr ist mein Freund wieder mit seinem Boot losgefahren, ich hatte dieses Mal keine Zeit. Er hatte einen Unfall und ist dabei ertrunken. Dieses Album habe ich ihm gewidmet."

Die ersten Entwürfe für "Between Two Shores" sind bereits in Chicago vor ungefähr zwei Jahren entstanden. Glen Hansard war mit seiner Band auf Tour und hatte auf einmal viele neue Ideen, die er in fünf Tagen aufnahm. Doch danach gerieten die Aufnahmen in Vergessenheit, bis ein Freund ihn daran erinnerte. 

"David sagte, du hast doch in Chicago vor einem Jahr fast ein ganzes Album aufgenommen. Wir hörten uns die Aufnahmen an und ich fand sie richtig gut. Natürlich waren die Songs noch nicht gut ausgearbeitet. Ich fing an die Liedtexte ziemlich schnell zu schreiben und zu singen."

"Niemand kann sich mehr der Politik entziehen"

Als er im Studio war, sang Glen Hansard den Dylan-Song "Wheels on Fire". Er hatte gerade die gleichnamige Autobiographie des 2012 verstorbenen Musikers Levon Helm gelesen, der in Dylans Band Schlagzeug gespielt hatte. So fand Glen Hansard Inspirationen für einen neuen Song, den er dann ebenfalls "Wheels On Fire" nannte.

Musik: Wheels On Fire

"Ich hatte immer mehr das Gefühl, gegen Trump ansingen zu müssen, gegen diese populistische Welt, diesen Rechtsrutsch in Polen. Ich habe gegen unsichtbare Gegner gesungen. In diesem Song kommt Trump nicht explizit vor, aber dennoch gehört er dazu. Zumindest schafft Trump, dass sich die Linke gegen ihn formiert. Die Leute werden aktiv. Derzeit ist die Atmosphäre so angespannt. Auch ich muss Stellung beziehen. Es geht kein Weg mehr daran vorbei. Niemand kann sich mehr der Politik entziehen."

Deutliche Worte des irischen Gitarristen. Er blickt auf seine Anfänge zurück, schöpft aus seiner jahrzehntelangen Live-Erfahrung und konzentriert sich auf seine irischen Wurzeln. Für die musikalische Umsetzung von Between Two Shores" ist Glen Hansard allein verantwortlich. Bisher hatte er eher eine schlichte Instrumentierung, dieses Mal aber ist das Arrangement anspruchsvoller. Dafür hat er eine große Band und den Jazz-Schlagzeuger Brian Blade engagiert. Denn er will einen satten Sound.

"Mir schwebte ein Sound im Sinne der Van Morrison Caledonia Soul Band vor - einer großen Big Band mit Bläsern. Auf jeden Fall spielen die Bläser hier eine zentrale Rolle, bei "Roll On Slow" beispielsweise. Ja, das ist klassischer Soul, ja fast schon ein Commitment-Song."  

Musik: Roll On Slow

Glen Hansard wirkt vertraut wie der Straßenmusiker im Film Once. Seine Gefühle kommen echt und direkt rüber. Man nimmt ihm auch den Schmerz ab. Ausdrucksstark und charismatisch ist er während  seiner  bis zu dreistündigen, ausverkauften Live-Auftritte. Er packt die Zuhörer mit seiner Stimme, die flüstert, schmeichelt, schreit oder wie im Song "Heart’s Not In It" einen sanften Ton im Falsett hat. 

Musik: Heart’s In It

Im Laufe seiner Karriere hat Glen Hansard immer mehr seine Sprache und seinen Stil gefunden. Vom handgemachten Folk, über intime Singer- Songwriter-Balladen bis hin zu Soul und Rock - mit irischen Einflüssen. Und bei allem bleibt er sich selbst und der Musik treu.

"Was auch immer kommen mag, ich muss der Musik folgen, mir bleibt keine andere Wahl. Ich geh dorthin, wo die Musik ist, zum Brunnen, zur Quelle. Ich mag meine Freunde, meine Band, meine Kollegen, aber es ist etwas anderes, wenn es um Musik geht, da ist Fairness zweitrangig. Da werde ich auch egoistisch. Wenn der Augenblick gekommen ist, muss ich einfach los und kann keine Rücksicht nehmen. Ich muss weg."     

Musik: Wreckless Heart

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