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StartseiteMusikjournalPomp und Kammerspiel22.02.2021

Giuseppe Verdis "Aida" in Paris Pomp und Kammerspiel

Die Regisseurin Lotte de Beer musste die Inszenierung von Verdis "Aida" an die Corona-Situation anpassen - und trotzdem sind ihr eindrucksvolle Bilder gelungen. Besonders präsent ist aber auch die Kolonialismuskritik: "Man muss auch die Geschichte des Stückes erzählen, und das ist eine kompliziertere Sache".

Von Elisabeth Richter

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Blick auf eine Bühne, auf der ein überdimensionaler Bilderrahmen steht, in dem vor blauem Hintergrund ein Mann in Uniform steht und die rechte Hand heroisch in die Luft hält. (Opera Nacional de Paris/ Vincent Pontet)
Aida an der Opera Nacional de Paris (Opera Nacional de Paris/ Vincent Pontet)
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"Der Chor ist da auf der Bühne, kann aber nicht das spielen, was wir vorgesehen hatten, die dürfen nur mit Maske singen, was natürlich schwierig ist, die armen Leute. Und sie dürfen keinen Körperkontakt zueinander haben, dürfen nicht zu nah beieinanderstehen."

"Das kann man sehr schwer vorbereiten als Regisseur. Alle Chorszenen sind wirklich Kompromisse geworden. Die größte Szene, der Triumphmarsch, leider muss der ganze Chor eigentlich nur drum herumstehen und kaum etwas spielen. Wo die eigentlich der Mittelpunkt der Szene sein sollten."

Trotz Corona-Maßnahmen: Eindrückliche Bilder

Es sei nicht das Konzept, das sie vor drei Jahren entwickelt habe, vieles sei der neuen (Corona-) Situation angepasst worden, verrät Lotte de Beer, die Regisseurin von Verdis "Aida" an der Opéra Bastille in Paris. Doch gerade zur bekanntesten Musiknummer, dem Triumphmarsch, sind ihr und ihrem Team eindrückliche Bilder gelungen.

"Eigentlich ist die ganze Oper ein Kammerspiel, und dann plötzlich ein großer, großer Triumphmarsch, wobei ich glaube, dass diese pompöse Musik eigentlich ein Statement von Verdi ist. Wobei er kitschige Elemente benutzt, glaube ich, um etwas klarzumachen über unseren Größenwahn."

Die Produktion ist noch bis zum 20. August auf Arte zu sehen.

Kolonialismus, Eroberung, Erniedrigung

Beim Triumphmarsch ist in der Mitte der dunklen Bühne ein riesiger Bilderrahmen postiert. Statisten agieren in diesem Rahmen, sie wechseln blitzschnell die Kostüme und formen bekannte historische Gemälde oder Fotografien nach: Napoleon Bonaparte hoch zu Ross, US-Soldaten beim Hissen der US-Flagge auf einer Pazifikinsel, Seefahrer erobern die Welt, siegreiche Franzosen schwenken die Trikolore. Macht, Liebe, Patriotismus, Krieg – all diese Themen sieht Regisseurin Lotte de Beer in Verdis "Aida". In den Mittelpunkt stellt sie aber besonders Kolonialismus, Eroberung, Erniedrigung anderer Völker, und das war nicht nur in der Triumphmarsch-Szene zu sehen.

"Ich glaube, wenn man heutzutage eine "Aida" macht, dann muss man nicht nur die Geschichte im Stück, aber auch die Geschichte des Stückes erzählen, und das ist eine kompliziertere Sache."

Verdi bedient in "Aida" – wie andere Komponisten der Zeit – orientalistische Klischees mit seiner Musik.

"Auch ein kolonialistisches Instrument"

"Andererseits ist das Stück geschrieben worden im Auftrag vom Opernhaus in Kairo, das gesagt hat, Ägypten will nicht mehr zu Afrika gehören, sondern zu Europa. Es war richtig kolonialistisch und es hat sich auch noch verbunden mit der Eröffnung vom Suez-Kanal - auch ein kolonialistisches Instrument."

"Aida" spielt in Lotte de Beers Inszenierung in einem Museum im 19. Jahrhunderts, einer Blütezeit des Kolonialismus. Anfangs sieht man nur den Kopf einer großen weiblichen Skulptur, die Totale zeigt dann, dass sie in einer Vitrine steht. Später wird man in anderen Vitrinen weitere Objekte afrikanischer Kunst sehen. Die feine Museumsgesellschaft vergnügt sich drum herum mit Sekt.

Aida ist die weibliche Skulptur, sie hat eine raue, fast kraterartige Hautoberfläche und turban-artig hochgesteckte Rasterlocken. Sie "entpuppt" als fast lebensgroße Gliederfigur. Wie japanische Bunraku-Puppen wird sie von drei Puppenspielern bewegt. Die großartige Sängerin Sondra Radvanovsky begleitet sie – schwarzgekleidet - wie ein Schatten. Die schemenhaften Bewegungen der Figur lassen die seelische Gebrochenheit der äthiopischen Königstochter Aida fühlen, die in ägyptischer Gefangenschaft zur Sklavin wurde. Nur am Schluss beim Liebestod mit Radamès wird sie wie ein Opfer in die Höhe gehoben, so dass sie – vielleicht von allen Leiden befreit - zu schweben scheint.

Der britische Puppen-Designer Mervyn Millar hat die Gliederpuppen nach Entwürfen der afrikanischen Künstlerin Virginia Chihota gefertigt. (Opera Nacional de Paris/ Vincent Pontet)Der britische Puppen-Designer Mervyn Millar hat die Gliederpuppen nach Entwürfen der afrikanischen Künstlerin Virginia Chihota gefertigt. (Opera Nacional de Paris/ Vincent Pontet)

Entwürfe des britischen Puppen-Designers Mervyn Millar

Auch Amonasro, Aidas Vater, und alle anderen Äthiopier sind Gliederpuppen, Marionetten der Ägypter. Sie wurden von dem britischen Puppen-Designer Mervyn Millar nach Entwürfen der afrikanischen Künstlerin Virginia Chihota gefertigt, von der auch manche freskenartig anmutenden Wanddekors stammten.

"Virginia Chihota ist eine fantastische, in Äthiopien lebende Künstlerin, die kommt eigentlich aus Zimbabwe, ihre Arbeit erinnert mich an Egon Schiele, so wie sie die Figuren von innen nach außen zeigt, und das Thema von ihrer Arbeit ist der marginalisierte schwarze, weibliche Körper."

Im Kontrast dazu vertreten die Ägypter in der Pariser Inszenierung die europäisch-kolonialistische Seite. Radamès und andere tragen Soldatenuniformen. Im Schlussbild - Aidas und Radamès Liebestod - nimmt Lotte de Beer assoziativ Bezug auf die Werkgeschichte von Verdis "Aida", die ja zur Eröffnung des Suezkanals komponiert wurde. Es spielt in einem langen Kanal- bzw. Flussbett-artigen Raum. Auf dem Boden liegen zahlreiche tote Gliederpuppen, also geknechtete Äthiopier, die – vielleicht beim Kanalbau – zu Tode kamen.

Alle Partien fantastisch besetzt

Sängerisch war diese Live-Streaming-Premiere in allen Partien schlicht fantastisch besetzt. Sondra Radvanovsky in der Titelpartie berührte mit Intensität und wunderbarem Farbenreichtum, Jonas Kaufmann fühlte sich hörbar wohl in der Rolle des Feldherren Radamès, sehr sensibel und fein gelangen die Duett-Szenen mit Aida. Ksenia Dudnikova verzauberte als Aida-Rivalin Amneris mit sehr flexiblem und ausgewogenem Mezzosopran. Von Ludovic Téziers kernigem, variantenreichem Bassbariton in der kleineren Rolle als Amonasro hätte man gern mehr gehört.

Souverän, sehr klar, farbenreich ausbalanciert und musikalisch zwingend leitete der italienische Dirigent Michele Mariotti das Orchester der Opéra National de Paris. Zwar kann kein Stream eine Live-Opernaufführung ersetzen, aber da diese spannungsvolle und szenisch kluge "Aida" auch exzellent gefilmt wurde, ist diese Pariser Produktion ein "Ereignis".

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