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StartseiteInterview"Journalismus hat nicht mehr die Aufklärungsautorität wie vor 20 Jahren"03.05.2016

Glaubwürdigkeit der Medien"Journalismus hat nicht mehr die Aufklärungsautorität wie vor 20 Jahren"

Vertrauen in die Medien auf der einen Seite, Zweifel an der Unabhängigkeit auf der anderen: Für Journalistikprofessor Michael Haller sind diese Ergebnisse einer Studie Ausdruck von Ratlosigkeit vieler Menschen. Dafür gebe es verschiedene Ursachen, sagte er im Deutschlandfunk.

Michael Haller im Gespräch mit Peter Kapern

Michael Haller, Professor an der Hamburg Media School (dpa / picture-alliance / Arno Burgi)
Michael Haller, Professor an der Hamburg Media School (dpa / picture-alliance / Arno Burgi)
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So spiele es eine große Rolle, dass "in den letzten, 15, 20 Jahren die sogenannten Leitmedien gerade in der Außenpolitik eine große Übereinstimmung mit der politischen Linie der Bundesregierung aufzeigten". Als Beispiele nannte Haller die Berichterstattung über den Kriegseinsatz in Afghanistan, den Ukraine-Konflikt und das "Bashing" Griechenlands in der Finanzkrise des Landes.

Dabei sei der Eindruck entstanden, "die Eliten in Politik und Journalismus verstehen sich gut und sind weitgehend einer Meinung". Menschen mit anderer Auffassung hätten das Gefühl, ihre Meinung nicht mehr wiederzufinden.

Umstrittene Personalentscheidungen 

Als weiteren Grund für den Verdacht der großen Staatsnähe nannte der Medienwissenschaftler Personalentscheidungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wie die Abwahl von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender 2010 oder andere bekanntgewordene Einmischungsversuche wie die der CSU.

Hinzu komme, "dass die Menschen angesichts der Fülle der verschiedensten Informationsmöglichkeiten irritiert sind", so Haller. Der Journalismus als gesellschaftliche Aufklärungsautorität habe grundsätzlich inzwischen nicht mehr den Stellenwert wie noch vor 20 Jahren.


Das Interview in voller Länge:

Peter Kapern: Wenn es doch nur wahr wäre, was 60 Prozent der Menschen in Deutschland über die Medien hierzulande glauben, nämlich dass sie überhaupt nicht unabhängig und frei in ihrer Berichterstattung sind, sondern exakt vorgegeben bekommen, was und worüber sie zu berichten haben, und zwar von der Regierung oder den Parteien oder der Wirtschaft. Zu diesem Ergebnis ist eine repräsentative Meinungsumfrage im Auftrag des Bayerischen Rundfunks gekommen.

Wenn diese 60 Prozent richtig liegen würden, dann hätte ich gestern nicht so lange an der Vorbereitung dieser Sendung arbeiten müssen; die Themen dieser Sendung hätte ich dann nicht lang und breit mit meinen Kollegen diskutiert, sondern einfach das Fax mit den vorgegebenen Programmpunkten aus dem Kanzleramt oder der Grünen-Parteizentrale oder woher auch immer in Empfang genommen. Im Sinne eines frühen Feierabends wäre so ein Verfahren sicher von Vorteil. Obwohl wir uns beim Deutschlandfunk nicht einbilden, die 60 Prozent der Deutschen vom Gegenteil überzeugen zu können, haben wir gestern in der Redaktion beschlossen, den Medienwissenschaftler Michael Haller zu fragen, was es mit dem Befund dieser Studie auf sich hat. Guten Morgen, Herr Haller!

Michael Haller: Ja guten Morgen, Herr Kapern.

Kapern: Herr Haller, da gibt es ja ein widersprüchliches Ergebnis in dieser Umfrage. 75 Prozent der Befragten halten den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, das Fernsehen des öffentlich-rechtlichen und die Tageszeitungen für glaubwürdig. Gleichzeitig sind wie gesagt 60 Prozent der Befragten überzeugt, dass alle Medien, auch diese gar nicht unabhängig sind. Wie passt das unter einen Hut?

"Es ist vielleicht doch alles ein bisschen anders, es ist einseitig"

Haller: Das passt nicht unter einen Hut, Herr Kapern. Es ist in der Tat Ausdruck dafür, dass ein erheblicher Teil der erwachsenen Bevölkerung irritiert, in gewisser Weise ratlos ist und mit ganz unterschiedlichen Eindrücken, unterschiedlichen Informationen, unterschiedlichen Einschätzungen zu tun hat, die eben nicht mehr zueinander passen. Tatsächlich ist es ja so, dass die Medien, insbesondere die öffentlich-rechtlichen, weiterhin intensiv genutzt werden, die Nachrichten haben eine sehr hohe Reichweite, auf der anderen Seite aber ein Unbehagen, ein Gefühl, es ist vielleicht doch alles ein bisschen anders, es ist einseitig, bestimmte Aspekte - das ist insbesondere das, was wir mehr von der, sagen wir, AfD-Seite her dann erfahren -, dass wichtige andere Aspekte, die in der Welt auch noch stattfinden, nicht vorkämen. Dieses Gefühl, das drückt sich in dieser Erhebung aus.

Kapern: Woher kommt denn dieses Unbehagen?

Haller: Es kommt daher: Wir müssen dazu eine ganze Reihe weiterer Studien, die in früheren Jahren schon erhoben wurden, hinzuziehen. Ich will ja nun meinerseits Ihnen nicht nur eine Meinung äußern, sondern wir wollen das ja etwas abgestützt sagen. Da spielt schon mal eine große Rolle, dass im Verlauf der letzten, sagen wir mal, 10, 15, 20 Jahre die großen, die meinungsstarken und auch meinungsprägenden Medien, also die sogenannten Leitmedien, gerade was die Außenpolitik betrifft, Europa, Westen gegenüber Russland und so weiter, eine sehr große Übereinstimmung zeigen mit der politischen Linie der bundesdeutschen Regierung. Da ist eine erhebliche Nähe.

Man kann sagen, die politischen Eliten und die Eliten in der Wirtschaft und im Journalismus, die verstehen sich gut, verstehen sich gut auch im Sinne von, wir sind grosso modo einer Meinung. Ob man jetzt die Frage des Engagements Deutschlands in Afghanistan nimmt, ob die in den letzten Jahren viel diskutierte Ukraine- und demgegenüber Russland-Politik meint, das Griechenland-Bashing, viele solcher Dinge, die geben den Leuten das Gefühl, da ist eigentlich keine kritische Kontrolle und vor allen Dingen auch das, was viele Menschen bewegt, die zu solchen Vorgängen und solchen politischen Entscheidungen auch andere Auffassungen haben. Die finden sie dann in den großen meinungsführenden Medien nicht mehr.

Menschen finden ihre Sicht der Dinge nicht mehr in den Medien

Kapern: Aber, Herr Haller, stimmt das denn, dass da die Kontrolle, die kritische Meinung über die politisch Handelnden verloren gegangen ist? Sie haben gerade ein paar Beispiele für die Politik genannt, Afghanistan beispielsweise. Ich kann mich da an Berichte, Dutzende und Aberdutzende von Berichten erinnern, die einfach das Gegenteil aussagen.

Haller: Ja, es ist natürlich eine Frage. Wenn Sie jetzt inhaltsanalytisch das Gesamtangebot an Informationen der großen Medien nehmen, dann kommt alles vor, selbstverständlich. Das ist völlig klar. Wir haben hier nicht eine gesteuerte Meinungsmache. Es sind mehr die prägenden großen Stücke, die dann doch eine ganz bestimmte Richtung zeigen. Das kann man schon gut belegen, auch gerade in den Tagesschau-Nachrichtensendungen zu bestimmten Themen, auch die Art und Weise, wie ein bestimmtes Stimmungsbild gemacht wird und dergleichen mehr. Dann kommen noch hinzu eine Reihe von Eindrücken, die sich etwa über politische Entscheidungen, über die Personalentscheidungen in öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten äußern.

Kapern: Sie spielen wahrscheinlich an auf die Art und Weise, wie der damalige Chefredakteur des ZDF, Nikolaus Brender, von der Politik abserviert worden ist.

Haller: Ja, so ein Beispiel. Auch damit verbunden die Debatte etwa der CSU, wie eine Berichterstattung auszusehen hätte. Das sind solche Vorgänge, die brennen sich schon im Gedächtnis vieler Menschen ein und sagen, na ja, die Art und Weise, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk kontrolliert wird, das ist doch nicht staatsfern, wie es eigentlich sein sollte.

Kapern: Deswegen ist ja nachgebessert worden bei den betreffenden Gesetzen.

Haller: Ja. Aber die Meinungsbildung in den Köpfen vieler Menschen ist auch ein langsamer Prozess, und wenn sich dann einige Dinge neu ereignen, dann heißt es nicht, dass dann gleich ein Meinungsumschwung stattfindet. Das sind sehr langsam ablaufende Vorgänge, die dann zu entsprechenden Auffassungen führen.

Fülle von verschiedenen Informationsmöglichkeiten irritiert die Menschen

Aber es kommen noch weitere Dinge dazu. Es ist sicherlich auch ein größeres Misstrauen, und dieses Misstrauen, wenn man fragt, woher kommt es, na gut, dann wird schnell mal gesagt, das mag mit einer nicht mehr gewährleisteten Unabhängigkeit der Medien zu tun haben. Das Misstrauen wiederum hat auch damit zu tun, dass die Menschen heute in der Fülle von verschiedenen Informationsmöglichkeiten, gerade wenn wir auch noch die Möglichkeiten sehen, die durch das Internet gegeben sind, in der Fülle dieser verschiedensten Informationsmöglichkeiten auch irritiert sind. Sie haben einfach nicht mehr das, was noch vor 20, 30 Jahren normal war, nämlich man hat sein Medium, man hat seine Nachrichten und seine Zeitung. Das diffundiert wie eine Wolke in ganz unterschiedliche Angebote, und die jeweils abzuschätzen, was eigentlich Aufgabe des Journalismus ist, versuchen dann verschiedene Menschen und Menschengruppen und sind dann eben irritiert.

Kapern: Herr Haller, ich will Ihnen noch kurz ein Erlebnis mit einem Hörer schildern, das ich kürzlich hatte. Da hatte ich einen längeren Mail-Wechsel mit einem Hörer, dem das, was ich in einer Frühsendung an Themen gebracht habe, nicht gepasst hat. Und der hat mich dann daran erinnert, dass er Gebühren zahlt für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und dieser Rundfunk deshalb zu senden habe, was er, der Hörer will, nach dem Motto, wer die Kapelle bezahlt, der bestimmt auch die Musik. Das könnte ja auch darauf hindeuten, dass das Publikum nur noch das für wahr und richtig erachtet, was ihre eigene Meinung bestätigt.

Haller: Da gibt es sicherlich eine Minderheit. Das sind ja auch Töne, die man aus dem Umfeld der AfD hört und auch der Pegidisten in den neuen Bundesländern, die ein wenig in diese Richtung argumentieren. Das hat natürlich keinen Bestand und wenn man das genauer hinterfragt mit entsprechend eingestellten Leuten - wir machen das etwa auch mit Fokus-Gruppen -, dann merkt man, dass dahinter eigentlich etwas anderes steht, nämlich der Eindruck, dass eine andere Sicht und auch andere Informationen zu wenig in den großen Medien zur Sprache gebracht würden, und so ist dann subjektiv bei diesen Menschen das Gefühl, sie fänden sich mit ihrer Sicht der Dinge nicht mehr in den Medien.

Natürlich könnten sie dann einen Leserbrief schreiben oder einen Blog betreiben und sich auf vielfältige Art und Weise artikulieren, aber das ist ja dann aus Sicht dieser Leute beliebig. Das hat keine Reichweite, das gewinnt keine Bedeutung. Sie hätten so gerne, dass sie sich in den großen Medien auch mit ihrer Auffassung wiederfinden, und sind dann einfach frustriert. Dass das vielleicht auch damit zu tun hat, dass deren Auffassung peripher oder randständig oder wie auch immer ist, das ist dann sehr schwer zu vermitteln, was damit zu tun hat, dass hier, sagen wir mal, der Journalismus als eine Art gesellschaftlichen Aufklärungsautorität nicht mehr die Geltung hat, die der Journalismus vor 20, 30 Jahren hatte.

Kapern: … sagt Michael Haller, Leiter der Journalismus-Forschung an der Hamburg Media School und Gründungsherausgeber der Zeitschrift "Message". Herr Haller, vielen Dank für Ihre Zeit heute früh. Einen schönen Tag!

Haller: Ihnen auch, Herr Kapern. Tschüss!

Kapern: Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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