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StartseiteEuropa heuteAuch nicht alles rosig in Feministenland02.11.2018

Gleichberechtigung in Schweden (5/5)Auch nicht alles rosig in Feministenland

Lange Elternzeit, kein Ehegattensplitting, großzügige Teilzeitregelungen – Schweden gilt als Vorreiter der Gleichberechtigung. Aber in manchen Bereichen gibt es immer noch Probleme. Einige Männer und Frauen kämpfen dagegen.

Von Victoria Reith

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Der Autor Behrang Behdjou versteht sich, wie viele moderne Männer in Schweden, ganz selbstverständlich als Feminist. (Deutschlandradio / Victoria Reith)
Der Autor Behrang Behdjou versteht sich, wie viele moderne Männer in Schweden, ganz selbstverständlich als Feminist (Deutschlandradio / Victoria Reith)
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Behrang Behdjou steht am Rande des Fußballfelds und unterhält sich mit einem Bekannten. Fußballväter, die ihre Söhne zum Training begleiten. Behdjous Sohn Leo ist acht, seine Söhne trainieren sieben Mal die Woche. Behdjou, ein dunkel gekleideter, drahtiger Mann Anfang 40, ist Drehbuchautor und Schriftsteller und hat gerade seinen ersten Roman "Gå med mig" veröffentlicht.

Fast immer ist er am Start, wenn Leo in Solna nördlich von Stockholm auf dem Platz steht.

"Ich finde generell, dass Väter eine größere Verantwortung übernehmen sollten. Aber Fußball ist dabei nicht das Schwierige. Das ist das Leichte."

Das Schwierige sei die Arbeit zu Hause, Kinder zur Schule bringen und Abholen. Lunchpakete packen und sich kümmern, wenn die Kinder krank sind.

"Oder kontrollieren, ob sie ihre Hausaufgaben gemacht haben oder was sie auf haben. Das sind alles Dinge, die massig Zeit in Anspruch nehmen und die oft Frauen erledigen, weil sie gelernt haben, dass man das eben so macht. Da finde ich, dass Männer mehr Verantwortung übernehmen müssen."

"Ich dachte, nur Mamas spülen"

Als Sohn einer alleinerziehenden Mutter findet Behrang Behdjou es selbstverständlich, dass er die halbe Erziehungs- und Hausarbeit übernimmt.

"Einmal war ein Freund meines ältesten Sohns zu Besuch. Als er mich mit Putzhandschuhen aus der Küche kommen sah, weil ich gerade Geschirr gespült hatte, sagte er: 'Was? Ich hab' noch nie einen Papa spülen sehen. Ich dachte, dass nur Mamas spülen.' So was muss man sich als Mann bewusst machen und dann vielleicht nicht fünf von zehn Mal, aber wenigstens drei von zehn Mal spülen. Es sind die kleinen Alltagsdinge."

Leo und die anderen Fußballer laufen gegeneinander in zwei Gruppen Slalom um Hindernisse, auf Zeit. Behrang Behdjou ist stolz, dass seine Söhne so gute Nachwuchsspieler sind. Würde er sie auch begleiten, wenn sie lieber Ballett machen würden?

"Da würde ich supergerne mitgehen. Und seit meine Söhne klein sind, sage ich nicht, 'Wenn du mal eine Freundin hast', sondern 'wenn du mal eine Freundin oder einen Freund hast'. Ich hab immer gesagt, ihr macht was ihr möchtet und ihr kriegt die Unterstützung, die ich geben kann."

Alles bestens in Schweden?

Behrang Behdjou bezeichnet sich als Feminist. In Schweden ist Feminismus kein Kampfbegriff.

Das schwedische Männer im Haushalt mithelfen, die Kinder betreuen und auch häufiger mal Teilzeit arbeiten, lässt sie im internationalen Vergleich als Helden der Geschlechtergerechtigkeit dastehen.

Viele schwedische Frauen sehen das weit kritischer. Warum, fragen sie, sitzen die Männer immer noch auf 94 Prozent aller Vorstandsposten in Unternehmen? Und auch in Politik und Gesellschaft ist noch Luft nach oben. Zumindest wenn es nach einer Gruppe von Frauen geht, die sich an diesem Abend im Gebäude des schwedischen Reichstags trifft.

Hier präsentiert Veronica Palm, vormals sozialdemokratische Abgeordnete, ihr Buch zum Thema Schwesternschaft. Gekommen sind ein gutes Dutzend Parlamentarierinnen ihrer Partei. Und Palm, 45 Jahre alt, hat auch eine ihrer Zwillingstöchter, die 15-jährige Clara, dabei.

Die sozialdemokratische Abgeordnete Veronica Palm diskutiert mit Parteikolleginnen ihr Buch über Schwesternschaft vor (Deutschlandradio / Victoria Reith)Die sozialdemokratische Abgeordnete Veronica Palm (Mitte) diskutiert mit Parteikolleginnen ihr Buch über Schwesternschaft (Deutschlandradio / Victoria Reith)

Die Idee zu ihrem Buch sei am 3. Oktober 2014 entstanden, dem Tag, an dem Parteigenosse Stefan Lövfen seine erste Regierung präsentierte.

Sie zählt die Vornamen der weiblichen Minister auf: Ylva und Magda. Die anderen: Urban, Thomas, Anders, Morgan, Mikkel, Peter und so weiter.

"Frauen mussten die Gleichberechtigung organisieren"

Sie habe nicht glauben können, dass nur zwei Frauen dazu getaugt hätten, Minister zu werden, erzählt Palm:

"Ich wusste schon, dass ich selbst nicht Ministerin werde. Aber für mich war wichtig, gemeinsam mit anderen zu erkennen, dass es eine Schieflage gibt. Es ist eine gute, eine feministische Regierung, aber die Macht innerhalb der Regierung war ungleich – zumindest am Anfang."

Doch strukturelle Probleme bestehen fort, auch mit den eigenen Partnern zu Hause.

"Wir Frauen sind diejenigen, die die Gleichberechtigung erst mal organisieren mussten. Wir haben die Aufteilung übernommen, wer die Kinder zum Kindergarten bringt und abholt. Wir bereiten die Waschküche im Haus vor, damit unsere mit Sorgfalt ausgewählten, gleichberechtigten Männer jedes zweite Mal Wäsche waschen können."

"Was eine Frau auch tut, sie wird kritisiert"

Hillevi Larsson, eine Abgeordnete aus Südschweden, Anfang 40, wirft ein, sie selbst müsse sich immer rechtfertigen, dass ihre Kinder in Malmö sind, während sie als Abgeordnete knapp die Hälfte ihrer Zeit in Stockholm verbringt:

"Ich skype abends mehrere Stunden mit meinen Kindern. Ich arbeite dann, aber sie wissen, dass sie mich unterbrechen können und eine Zeichnung zeigen können oder erzählen können, was sie in der Schule gemacht haben. Und ich habe das Gefühl, dass ich das erzählen muss, weil ich ansonsten für eine schlechte Mutter gehalten werde.

Männer hätten es da leichter:

"Wenn es ein Mann seine ganze Kraft in die Arbeit investiert, wird er dafür nicht kritisiert. Man denkt dann, er ist kompetent und jemand anders kümmert sich daheim. Und wenn er Elternzeit nimmt und die Kinder aus dem Kindergarten abholt, denken alle: 'fantastisch und so wichtig, dass er sich so sehr für seine Kinder einsetzt'."

Bei einer Frau sei es umgekehrt. Stürze sie sich in die Arbeit, gelte sie als Rabenmutter. Wenn sie viel Zeit mit den Kindern verbringe, bekomme sie keine Führungsposition.

"Was eine Frau auch tut, sie wird kritisiert. Das ist eine Form der Doppelbestrafung, die sehr gefährlich für die Gleichberechtigung ist."

Dieses Stück ist eine Wiederholung aus der Sendung Gesichter Europas vom 09.06.2018

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