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Startseite@mediasresInitiative für mehr Interviewpartnerinnen11.11.2019

GleichberechtigungInitiative für mehr Interviewpartnerinnen

Die Medienwelt wird von Männern dominiert: Es kommen mehr Experten als Expertinnen zu Wort, mehr Männer als Frauen verfassen Kommentare in Zeitungen. Dass das allerdings nicht zwangsläufig so bleiben muss, zeigt ein vielversprechendes Projekt aus Großbritannien.

Von Ada von der Decken

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Fußgänger vor dem Hauptgebäude der BBC in London (picture alliance /dpa /EPA /Facundo Arrizabalaga)
Die BBC will für mehr Ausgewogenheit in ihrer Berichterstattung sorgen (picture alliance /dpa /EPA /Facundo Arrizabalaga)
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Es ist ein ambitioniertes Projekt, das die BBC gestartet hat: "BBC 50:50 began on one BBC news program in January 2017."

50:50 - das heißt: Die Beiträge in Fernsehen und Radio sollen zu gleichen Teilen von Frauen und Männern beigesteuert werden. Außerdem sollen ebenso häufig Expertinnen wie Experten im Programm auftauchen. Die Initiative soll für mehr Ausgewogenheit in der Berichterstattung sorgen. Die Redaktionen konnten freiwillig teilnehmen. Schafften es zu Beginn nur ein Viertel der Teams gleichermaßen Frauen wie Männer einzubinden, waren es nur ein Jahr später schon drei Viertel der teilnehmenden Redaktionen.

"50:50"-Projekt zeigt Wirkung

Umfragen zeigen, dass immerhin ein Fünftel der Zuschauerinnen einen Unterschied bemerkt haben. Der höhere Frauenanteil im Programm habe zudem dazu geführt, dass ihnen das Programm besser gefalle. Mehr Akzeptanz bei den Zuschauerinnen? Ein Erfolg für den gebührenfinanzierten Sender.

Und es bleibt nicht bei der BBC. Mittlerweile nehmen auch andere Medienhäuser am 50:50-Projekt teil. Wie etwa die Tageszeitung "Financial Times": Mit nur einem Viertel Abonnentinnen und einem Fokus auf traditionell männerdominierte Branchen kein einfaches Unterfangen.

Die Financial Times hatte bereits mit einem automatisierten Programm experimentiert: Die Software "She said, he said" - übersetzt "Sie sagte, er sagte" - analysiert seit einem Jahr Namensnennungen in allen Texten und spuckt eine Statistik darüber aus. Digitalredakteurin Kes Hennessy ist bei der Financial Times für die Leserbindung zuständig und resümiert: Das Werkzeug gebe zwar Auskunft über die Ungleichheit, das sei durchaus nützlich - allerdings hätten die Mitarbeiter diesen Statistiken kaum Beachtung geschenkt.

Financial Times folgt dem Beispiel der BBC

Das "She said, he said"-Programm läuft nach wie vor, ebenso wie "Janet", ein Analysewerkzeug für Bilder. Der Durchbruch kam aber erst mit dem 50:50-Projekt, das die FT seit einem halben Jahr von der BBC übernommen hat. Der Clou ist die besondere Auswertungsmethode:

"Bei 50:50 versuchen wir die Dinge auszuschließen, die wir nicht in der Hand haben. Wir zählen Präsident Trump nicht mit, weil fast jedes Team ihn zitiert. Das verzerrt das Bild. Die Teams zählen, worüber sie selbst Kontrolle haben: Also, sehr wohl die Expertinnen und Experten, die im Text auftauchen. Oder wer für Kolumnen beauftragt wird."

In Teams nehmen sich wechselnde Mitarbeiterinnern und Mitarbeiter jeder Ausgabe vor und zählen per Hand die genannten Frauen und Männer durch, die nicht durch die Nachrichtenlage gesetzt waren. Dadurch sei das Thema Geschlechtergleichheit viel präsenter im Redaktionsalltag geworden, sagt Kes Hennessy. Zahlen könne man noch nicht präsentieren, aber der Trend weise in die richtige Richtung.

Männer sagen Interviews schneller zu

Bei der Suche nach weiblichen Stimmen falle bislang ein Unterschied zwischen den Geschlechtern auf:

"Frauen sind insgesamt zurückhaltender. Die möchten sich gerne ganz sicher sein, auf dem neuesten Stand zu sein, bevor sie auf eine Frage antworten. Männer hingegen, so höre ich es oft, sind da selbstsicherer. Die antworten geradeheraus, obwohl sie nicht unbedingt mehr wissen als Frauen."

Diese Erkenntnis deckt sich mit Shani Orgads Untersuchungen. Die Professorin für Medien und Kommunikation an der London School of Economics schätzt die Anstrengungen der Medienhäuser für mehr Ausgewogenheit zwischen den Geschlechtern.

Geschlechterverhältnis soll Bevölkerung abbilden

"Wer in den Nachrichten zu Wort kommt, ist ein Zeichen von Autorität. Wenn man also eine sehr voreingenommene Berichterstattung hat, ständig deutlich mehr Zitate eines bestimmten Geschlechts gegenüber dem anderen hat, dann ergibt sich daraus eine Botschaft darüber, welche Stimmen Gewicht haben. Und wer demnach die Macht hat."

Das Thema müsse sowohl in der Ausbildung als auch in der Weiterbildung von Journalistinnen und Journalisten deutlich mehr Gewicht bekommen, sagt Shani Orgad. Frauen machen schließlich die Hälfte der Bevölkerung aus, die Medien bildeten das aber längst noch nicht so ab.

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