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StartseiteForschung aktuellSuche nach Gegenmaßnahmen23.04.2018

Gletscherschmelze Suche nach Gegenmaßnahmen

Schmelzende Pole, ansteigender Meeresspiegel, untergehende Küstenstädte: Um dieses Szenario so lange wie möglich hinauszuzögern, suchen Forscher nach Möglichkeiten, um das Schelfeis zu schützen. Manches klingt abstrus - wie der Vorschlag, Unterwassermauern zu errichten, um warme Strömungen vom Eis fernzuhalten.

Von Tomma Schröder

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Eine NASA-Aufnahme vom 11.09.2017 zeigt den massiven Eisberg, der sich in der Antarktis vom Larsen-C-Schelfeis gelöst hat.  (dpa / NASA / Jesse Allen)
In der Antarktis hat sich Eisberg A68 vom Schelfeis gelöst und treibt ins Meer hinaus (dpa / NASA / Jesse Allen)
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"Das war auch unsere Reaktion, als wir das erste Mal darüber nachdachten: Es ist verrückt! Aber wenn wir es irgendwann mit einem Meeresspiegel zu tun haben, der in einigen Jahrzehnten um einen Meter steigt, dann werden sich die Prioritäten sehr schnell ändern", meint John Moore vom College of Global Change and Earth System Science in Peking. Er beschäftigt sich tagtäglich mit den Prognosen zum Meeresspiegelanstieg und weiß: Ändert sich nichts, werden viele Küstengebiete früher oder später nicht mehr zu halten sein.

Gletscher vor warmem Wasser schützen

Schon für die nächsten 100 Jahre wird ein Anstieg von circa einem Meter - wenn es schlecht läuft, von eineinhalb Metern - erwartet. Und auch danach wird das Meer weiter steigen - und zwar vor allem durch die Eisschmelze an den Polen, besonders in der Antarktis. Dort gibt es bereits jetzt einige Gletscher, deren Eismassen immer weiter in Richtung offenes Meer abrutschen. Eben die, so meint John Moore, könnte man vielleicht zumindest für ein paar Jahrhunderte noch beschützen.

"Die Gletscher schmelzen vor allem durch warmes Wasser. Gerade in der Antarktis, wo es an der Oberfläche kaum taut, gibt es eine tiefe warme Ozeanströmung, die dazu führt dass sich das Schelfeis bis zu 100 Meter zurückzieht. Und die einfachste Lösung wäre, dieses warme Wasser zu stoppen und einfach gar nicht unter das schwimmende Eis fließen zu lassen, indem man eine Mauer baut."

Denn das schwimmende Eis der Westantarktis wird den Meeresspiegel zwar nicht ansteigen lassen, wenn es schmilzt. Aber es wirkt wie eine Art Korken - fehlt es, wird auch das dahinter liegende Landeis immer schneller ins Meer abrutschen. Und dann steigt der Meeresspiegel tatsächlich.

Mauerbau wäre enorme Herausforderung

Doch kann eine Mauer gegen die Gletscherschmelze helfen? Das klingt so einfach wie absurd. John Moore schiebt deshalb schnell hinterher: Man müsse nur an bestimmten Stellen eine wenige Kilometer lange bis zu 100 Meter hohe Unterwassersperre errichten. Damit könne man den Ozeanstrom mit warmem Wassers quasi am Eis vorbeilenken. Auch das ist in einer unwirtlichen, vollkommen abgelegenen Region wie der Antarktis eine enorme Herausforderung.

Aber es sei nicht unmöglich, meint Moore. Er vergleicht den Aufwand eines solchen Projektes mit dem chinesischen Süd-Nord-Wassertransferprojekt oder dem Bau des Suez-Kanals und schätzt die Kosten auf mehrere hundert Milliarden Dollar.

Alternativ: Künstliche Insel oder Gletschergrund austrocknen

Ähnlich teuer wäre auch der zweite Vorschlag von Moore und seinen Kollegen.

"Die zweite Möglichkeit wäre, eine Art künstliche Insel zu errichten, die den Gletscher und das Eis stabilisiert. In offenen Buchten kann das Eis ja ungehindert in den Ozean abgleiten. Wenn man aber eine Insel bauen würde, würde das Eis dagegen gedrückt werden und könnte nicht mehr so leicht abbrechen."

Die dritte und letzte Maßnahme, die Moore und seine Kollegen zur Erhaltung der Gletscher vorschlagen, wäre mit geschätzten Kosten von 500 Millionen Euro deutlich günstiger. 

"Die Idee ist, den Gletschergrund auszutrocknen. Weil der Gletscher sich schnell über den Grund bewegt, entsteht dort ganz unten Wasser - eine Art Gleitfilm. Dieses Wasser könnte man durch eine Bohrung abfließen lassen. Und dadurch wird dieser Gletscher dann abgebremst."

Unbekannte Nebenwirkungen

Moore betont bei allen drei Methoden, dass es sich um Vorschläge handelt, die noch ausführlich untersucht werden müssten. Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung glaubt indes nicht, dass einer der drei Vorschläge irgendwann tatsächlich einmal in die Tat umgesetzt wird. Man wisse noch viel zu wenig über die Gletscherdynamik und mögliche Nebenwirkungen solcher Eingriffe, meint der Klimaexperte.

"Sie verändern die Ozeanströmung und wie sie die verändern, ist nicht unbedingt klar. Das ist sehr, sehr schwer vorherzusagen und ich würde mich da auch nicht auf die derzeitigen Modelle verlassen."

Suche nach berechenbaren Geoengineering-Verfahren geht weiter

Levermann und seine Kollegen hatten selbst vor zwei Jahren eine Möglichkeit durchgerechnet, wie sich das Abschmelzen der Pole zumindest aufschieben ließe. Ihre Idee: Riesige Pumpen müssten Wasser mehrere hundert Kilometer weit aufs Land zurückbefördern und dort mit Hilfe unzähliger Schneekanonen als weiße Pracht wieder aufs Land rieseln lassen. Dafür würde die Energie von 850.000 Windrädern in Volllast benötigt werden. Ein Vorschlag, der nicht weniger größenwahnsinnig klingt nach Meinung Levermanns, aber besser berechenbar ist als Mauern oder Inseln im Ozean.

Einig sind sich beide Forscher darin, dass man jetzt beginne müsse, sich über mögliche Geoengineering-Verfahren in der Antarktis oder Arktis Gedanken zu machen. Denn auch wenn es noch ein paar Jahrhunderte dauern könnte: Irgendwann wird die Eisschmelze das Meer einige Meter steigen lassen. Und dann seien auch Küstenstädte wie Hamburg, Shanghai oder auch New York wahrscheinlich nicht mehr zu schützen, sagt Levermann.

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