Mittwoch, 06. Juli 2022

Globale Ernährungssicherheit
Indiens Weizen-Exportstopp ist notwendig

Dass die G7-Staaten Indien für den Weizen-Exportstopp kritisieren, sei unangemessen, kommentiert Silke Diettrich. Ohne Export-Stopp drohe in Indien Hunger. Die Industrienationen sollten stattdessen selbstkritisch auf sich selbst gucken: In Deutschland landeten schließlich 80 Prozent des Weizens im Tank oder Trog.

Ein Kommentar von Silke Diettrich | 21.05.2022

Arbeiter sitzen in Indien auf Reissäcken
Indien sei zwar der zweitgrößte Weizen-Produzent der Welt, habe aber auch 1,3 Milliarden Menschen zu versorgen, kommentiert Silke Diettrich (picture alliance / AA)
„Sehr kritisch“ so sieht der deutsche Agrarminister Cem Özdemir die Entscheidung von Indien, nun doch keine großen Mengen Weizen an andere Länder abzugeben. „Sehr kritisch“ hätten er und auch die Händler auf dem Weltmarkt vielleicht erst einmal sein sollen, als der indische Premierminister großmäulig angekündigt hat, die Welt mit indischem Weizen ernähren zu wollen. Wie hätte er dieses Angebot je einhalten können? Eine kleine Recherche hätte da helfen können.
Erst einmal: Indien ging davon aus, dass zehn Millionen Tonnen Weizen zum Export bereit stehen würden. Noch nie hat Indien so viele Millionen Tonnen exportiert. In der Regel schafft das Land nicht einmal einen Bruchteil dessen. Zum zweiten: Wie soll man mit zehn Millionen Tonnen überhaupt die Welt retten können? Das sind weniger als 1,3 Prozent dessen, was weltweit geerntet wird.

Indien war noch nie eine große Weizen-Export-Nation

Zum Dritten: Indien leidet unter den heftigsten Hitzewellen, die das Land seit Wetteraufzeichnung je erlebt hat. Wochenlang fast 50 Grad, die Nächte gehen kaum unter 40. Es ist viel zu lange viel zu heiß, Flüsse trocknen aus, Vögel fallen dehydriert vom Himmel und Menschen sterben an Hitzeschlägen. Und natürlich! Auch der Weizen kommt mit der Hitze nicht klar, die Ernteerträge fallen niedriger aus.
Und zum Letzten: Indien war noch nie eine große Weizen-Export-Nation. Zwar ist das Land der zweitgrößte Produzent der Welt. Aber hier leben mehr als 1,3 Milliarden Menschen. Und weit mehr als die Hälfte von denen ist auf subventionierten Weizen angewiesen, weil die Menschen ansonsten hungrig ins Bett gehen müssten.

Deutschland ist nicht einmal zum Gas-Verzicht bereit

Was also fällt den G7-Ländern ein, Indien so zu kritisieren? Cem Özdemir hatte mit Blick auf Indien auch noch die Chuzpe zu sagen: „Wir alle haben miteinander auch eine Verantwortung für den Rest der Welt“. Ist das so? In Deutschland kann man sich ja nicht einmal dazu durchringen, auf russisches Gas zu verzichten, damit niemand frieren muss. Aber Indien soll nun seinen Weizen exportieren und die eigenen Leute verhungern lassen?
„Sehr kritisch“ ist gar kein Ausdruck dafür, was es für Indien bedeutet hätte, den Export-Stopp nicht auszurufen. Und es hat den ja sogar noch aufgeweicht: Die Länder, mit denen es schon Verträge gegeben hat und die, die in großer Not sind, werden noch beliefert. Die ersten Tonnen Richtung Ägypten sind jetzt trotz Exportstopp schon unterwegs.
Statt Indien zu kritisieren, sollen die G7 Länder doch „sehr kritisch“, bei sich selbst schauen, wo ihr Weizen derzeit landet: Im Falle Deutschlands ist das nämlich nicht auf den Tellern im Rest der Welt, sondern zu 80 Prozent im Tank oder Trog.