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StartseiteKommentare und Themen der WocheNicht nur Corona bekämpfen29.05.2021

Globale ImpfungleichheitNicht nur Corona bekämpfen

Die ungleiche Verteilung von Covid-19-Vakzinen als Impfstoff-Apartheid zu bezeichnen, sei ignorant, kommentiert der Journalist Peter Pauls. Diese Kritik vernachlässige, dass viele Krankheiten in ärmeren Ländern jedes Jahr unzählige Menschenleben forderten. Corona hingegen werde hoffentlich eines Tages besiegt.

Ein Kommentar von Peter Pauls, freier Journalist

Einem Mann wird in Nairobi ein Corona-Impfstoff in den Arm gespritzt (picture alliance / NurPhoto | Robert Bonet)
in vielen ärmeren Ländern werden die Menschen nicht nur von Corona bedroht, sondern von vielen anderen todbringenden Krankheiten (picture alliance / NurPhoto | Robert Bonet)
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Als zum Jahreswechsel erstmals Corona-Serum öffentlich gespritzt wurde, kam rasch ein politischer Kampfbegriff auf. In internationalen Statements war von Impfstoff-Apartheid die Rede. Eigentlich steht Apartheid für den Rassismus, der in Südafrika Verfassungsrang hatte, für die Unterdrückung von Schwarzen durch Weiße. Wer heute einen so gravierenden Vorwurf äußert, will sagen, dass Rassismus bei der Verteilung von Impfserum im Spiel ist, dass reiche Staaten sich zulasten armer bedienen.

Die Unterstellung weist in die richtige Richtung. Aber Millionen von Menschen auf dieser Erde leben in Armut und Unterentwicklung. Nur ein Beispiel: Über zwei Milliarden der insgesamt rund 7,9 Milliarden Menschen an Weltbevölkerung haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Allerdings ist bislang niemanden eingefallen, von Wasser-Apartheid zu sprechen.

Kritik an Impfstoff-Spende für Olympische Spiele

Warum ist es jetzt anders? Die Pandemie ist ein weltumspannendes Phänomen. Wirklich jeder kann auf eine eigene Betroffenheit verweisen, auch ohne sich infiziert zu haben. Corona hat das Leben aller verändert und dies insbesondere in den auch klimatisch gemäßigten Breiten Europas, wo derartige Themen bislang allenfalls in Horrorfilmen Platz fanden.

Leere Transportboxen des Astrazeneca-Impfstoffes stehen am 4. März 2021 in Kitengela in Kenya in einer Covax-Einrichtung auf dem Boden.  (picture alliance / AP / Ben Curtis)Covax-Einrichtung im kenianischen Kitengela (picture alliance / AP / Ben Curtis)Ärzte ohne Grenzen: Covax-Initiative verfehlt Ziele
Laut Elisabeth Massute von Ärzte ohne Grenzen hat die Covax-Initiative bisher nur rund ein Drittel der geplanten Impfstoffdosen verteilt. Es sei zu wenig Impfstoff bestellt worden, da reiche Länder schon zu viel für sich reserviert gehabt hätten. 

Ist es tatsächlich ein so schlichter Unterdrückungsmechanismus, der hier wirkt? Eine aktuelle Meldung passt dazu. Mit 100 Millionen Impfdosen will die Europäische Union, die EU, die Olympischen Spiele in Japan unterstützen. Diese seien ein Symbol der globalen Gemeinschaft, sagte Ursula von der Leyen dazu. Ob der EU-Kommissionspräsidentin klar ist, dass sie das Bild einer Elite bedient, die Spiele für das Volk über die Gesundheit der Armen im Süden setzt?

Dabei steht hinter spektakulären Coronakrisen häufig nationales politisches Versagen. In Brasilien ignorierte Präsident Jair Bolsonaro die Pandemie so lange, bis das Gesundheitssystem kollabierte. Indiens Ministerpräsident Narendra Modi hatte Corona voreilig für beendet erklärt - und damit indirekt eine verheerende zweite Welle ausgelöst. Doch während dort auf offener Straße Menschen sterben, treibt er den Umbau seines Regierungsviertels voran, der rund zwei Milliarden Euro kostet.

Südafrikas Regierung schließlich hatte schlicht vergessen, Vakzine zu bestellen - als sei sie nicht für die Versorgung der eigenen Bevölkerung verantwortlich. Die 4,32 Euro pro Dosis, die das Land dann zahlen sollte, sind nur ein Fünftel dessen, was den Frühbesteller Israel jede Impfung kostete. Doch trotz Regierungsversagens war auch hier von Impfstoff-Apartheid die Rede.

Karte zeigt Anteil an der Gesamtbevölkerung, der mindestens eine Impfstoffdosis erhalten hat. (Deutschlandradio / Our World in Data) (Deutschlandradio / Our World in Data)Welchen Erfolg hat die Covax-Initiative?
In vielen Industrienationen wurden längst Millionen Menschen gegen Corona geimpft. Viele ärmere Länder warten bis heute auf die begehrten Vakzine. Die Covax-Initiative sollte für eine gerechtere Verteilung sorgen.

Wo endet das Unvermögen von Regierungen, sich als Dienstleister zu verstehen und wo setzen sich tatsächlich die Rassisten, die Weißen, die Reichen dieser Welt durch? Und wann würde selbst millionenfach verimpfter Wirkstoff wirkungslos verpuffen, wenn - wie in Indien - zu Massenversammlungen aufgerufen wird, weil gerade Wahlkampf herrscht? Oder weil Kühlketten unterbrochen werden oder Eliten Günstlinge bevorzugen und Impfungen auf dem schwarzen Markt landen?

Andere Krankheiten werden vernachlässigt

Dabei ist die Situation seit Jahrzehnten eindeutig. Die Mehrheit der Weltbevölkerung lebt in Ländern, die als unterentwickelt gelten. Allein über eine Milliarde Menschen leiden unter Krankheiten wie HIV, Tuberkulose, Malaria und der Schlafkrankheit, die von Armut und den damit zusammenhängenden Lebensumständen begünstigt werden.

Hat jemand von der Sichelanämie gehört? Sie kommt in Indien und Afrika vor und bedeutet, dass rote Blutkörper unter Anstrengung verklumpen. Die Krankheit verbirgt sich als Ursache hinter Schlaganfällen, Lungenkrankheiten, Gehirnentzündungen, Malaria oder jahrelangem Siechtum. Obwohl jährlich hunderttausende Afrikaner und Inder an ihr sterben, ist sie weitgehend unbekannt. Noch nicht einmal als vernachlässigte Tropenkrankheit wird sie geführt.

Eine Kritik, die mit Begriffen wie Impfstoff-Apartheid arbeitet, verkommt zur ignoranten Geste, wenn man darüber die vielen notorischen Killer vernachlässigt, die in armen Ländern Jahr für Jahr Menschenleben in unermesslicher Zahl fordern. Im Kreis dieser Krankheiten ist Covid-19 lediglich ein weiterer Zugang und wird eines Tages hoffentlich besiegt sein. Doch die Unterentwicklung wird bleiben und mit ihr die todbringenden Krankheiten. Das ist der eigentliche Skandal. Wie immer man ihn auch nennen will.

Peter Pauls (Stefan Worring)Peter Pauls (Stefan Worring)Peter Pauls, Jahrgang 1953, studierte Germanistik und Sozialwissenschaften an der Universität in Köln. Er ist seit 1977 beim "Kölner Stadt-Anzeiger" tätig. Im Jahr 1980 absolvierte er ein Volontariat in der Mantelredaktion und arbeitete anschließend in der Lokal- und der Bezirksredaktion. 1989 wechselte er in die Politikredaktion und von 1995 bis 1998 war er Afrika-Korrespondent mit Sitz in Johannesburg, bevor er bis 2002 Stellvertretender Chefredakteur des "Kölner Stadt-Anzeiger" wurde. In den Jahren 2002 bis April 2009 war Peter Pauls Beauftragter des Herausgebers Alfred Neven DuMont und von 2009 bis 2016 Chefredakteur.

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