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StartseiteForschung aktuellCoronakrise bewirkt größten Einbruch seit Zweitem Weltkrieg30.04.2020

Globaler EnergieverbrauchCoronakrise bewirkt größten Einbruch seit Zweitem Weltkrieg

Lockdowns und Reiseverbote haben weite Teile der Industrie lahmgelegt und die Straßen leer gefegt. Die Internationale Energie-Agentur schätzt, dass der Energiebedarf in diesem Jahr um sechs Prozent sinken wird. Allerdings könnten die Erneuerbaren Energien Rekordwerte erreichen.

Volker Mrasek

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Kohlekraftwerk Niederaußem mit Windpark  (Imago / CHROMORANGE)
Kohlekraftwerk Niederaußem mit Windpark (Imago / CHROMORANGE)
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Global Energy Review 2020 der Internationalen Energie-Agentur

Energiestudie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe

Datenmonitor Corona-Krise des Kieler Instituts für Weltwirtschaft

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Aus Sicht der Internationalen Energie-Agentur (IEA) ist die Corona-Krise der "größte Schock für das globale Energiesystem" seit dem Zweiten Weltkrieg. In ihrem Bericht Global Energy Review 2020 ist zu lesen, bis zum 28. April sei mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung von einem vollständigen oder partiellen Stillstand der Wirtschaft betroffen. Hotels, Geschäfte und Gastronomiebetriebe seien geschlossen, in Fabriken laufe die Produktion meist, wenn überhaupt, nur gedrosselt. Dazu komme ein starker Rückgang des Verkehrsaufkommens.

Die Fachautoren schreiben, es werde "immer wahrscheinlicher", dass diese Einschränkungen nur langsam und schrittweise aufgehoben werden. Darauf stützen sie ihre Prognose für 2020: Demnach wird der Strombedarf in diesem Jahr weltweit um fünf Prozent sinken und der Energiebedarf insgesamt um sechs Prozent. Das wäre laut IEA der stärkste Rückgang seit dem Zweiten Weltkrieg. Zum Vergleich: Das entspricht dem gesamten Energieverbrauch Indiens.

Die Coronakrise ist auch eine Krise von Öl und Kohle

Doch nicht alle Kraftwerke müssen ihre Leistung drosseln. Das zeigen die Zahlen für das erste Quartal dieses Jahres. Demnach ist die Corona-Krise auch eine Krise der fossilen Energieträger, während die Erneuerbaren Energien sogar weiter zulegen. Hier sagen die Zahlen: Der Kohle-Verbrauch ist in den Monaten Januar bis März weltweit um fast acht Prozent gesunken, die Erdöl-Nachfrage ging um rund fünf Prozent zurück und Erdgas um circa zwei Prozent. 

Dagegen ist der Bedarf an Erneuerbaren Energieträgern trotz der Coronakrise gestiegen. Das liegt daran, dass Solar- und Windkraftanlagen weiterhin weltweit zugebaut werden. Außerdem werden sie im Betrieb immer günstiger und sauberer Strom hat in vielen Ländern Vorfahrt bei der Einspeisung ins Netz. 

Für das gesamte Jahr 2020 geht die Energie-Agentur davon aus, dass die Trends im weiteren Jahresverlauf so bleiben, wobei die Erdöl- und Erdgas-Nachfrage noch weiter sinken soll. Kohle würde laut der Prognose schließlich bei minus acht Prozent stehen.

Nicht-fossile Energieträger könnten Rekord brechen

In einer weiteren aktuellen Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe steht, dass eigentlich erwartet worden war, dass der weltweite Kohleverbrauch in diesem Jahr weiter steigt - um rund zwei Prozent. Ganz anders die nicht-fossilen Energieträger: Laut der Energie-Agentur könnten Sonne, Wind-, Wasser- und Kernkraft 2020 einen Rekordanteil der globalen Energie bereitstellen, und zwar 40 Prozent. Die Autorinnen und Autoren betonen allerdings: Es könnte sein, dass die Wirtschaft schneller wiederbelebt wird als in ihren Annahmen – aber auch, dass eine zweite Infektionswelle die Welt wieder zum Stillstand zwingt. 

Beispiel Österreich - noch ist die Nachfrage nicht stark gestiegen 

Die Studienautoren gehen davon aus, dass Corona-Beschränkungen nach und nach gelockert werden. Das legt etwa auch der Datenmonitor Corona-Krise des Kieler Instituts für Weltwirtschaft nahe. Die Wirtschaftsforschenden des Instituts haben sich die Entwicklung in Österreich genau angesehen. Das Land hat früher als Deutschland Einschränkungen umgesetzt und auch früher gelockert. Dort sieht man laut Datenmonitor aber "noch keinen deutlichen Anstieg des Stromverbrauchs". Der liege in Österreich immer noch weit unter dem Normalwert, und zwar bei etwa elf Prozent. Das Forschungsteam schließt daraus: Die Erholung der Wirtschaft geht nicht so schnell. Die Experten der IEA rechnen sogar damit, dass sie sich noch bis ins kommende Jahr hinziehen wird. 

Für Deutschland haben die Kieler Weltwirtschaftsforschenden vor allem die letzte Märzwoche und die ersten drei Wochen im April näher analysiert, also die Zeit, in der die schärfsten Maßnahmen gegen das Coronavirus umgesetzt wurden. In dieser Zeit hat Deutschland den Analysen zufolge an Werktagen 7,5 Prozent weniger Strom verbraucht als erwartet. Nach den ersten Lockerungen am 20. April liege der Stromverbrauch noch 6,6 Prozent unter den Erwartungswerten. 

Schlechte Nachrichten für die Energiewirtschaft? Gute für das Klima

Die Internationale Energie-Agentur prognostiziert: Der weltweite Ausstoß von Kohlendioxid könnte dieses Jahr um 2,6 Milliarden Tonnen niedriger ausfallen als 2019 - sofern man von einer langsamen Wiederbelebung der Wirtschaft ausgeht. Das wäre der stärkste Rückgang aller Zeiten: Die Emissionen lägen dann acht Prozent unter dem Niveau von 2019 und damit ungefähr auf dem Stand von 2010. 

Wenn die Wirtschaft allerdings wieder boomt, könnten die Treibhausgas-Emissionen umso stärker steigen. So war es auch nach der Finanzkrise 2008: Im Folgejahr schoss der CO2-Ausstoß um fast sechs Prozent in die Höhe. 

Die IEA hat selbst ihren Kurs zu Energieträgern radikal geändert. Nach ihrer Gründung von den Industrieländern, um die weltweite Energiesicherheit im Blick zu haben, propagierte sie lange, fossile Energieträger auszubauen. Inzwischen sieht die Agentur die Lösung im Ausbau erneuerbaren Energien. Klimafreundlichkeit und der sinkende Preis sind inzwischen wichtige Kriterien, wenn es um Energiesicherheit geht.

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