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StartseiteFirmenporträtSeit Jahrhunderten unveränderte Rituale04.04.2014

GlockengießerSeit Jahrhunderten unveränderte Rituale

Glockenbau ist immer noch weitgehend Handarbeit. Nur wenige Maschinen haben bei der Glockengießerei Petit und Gebrüder Edelbrock im westfälischen Gescher Einzug gehalten. Nirgendwo ist ein Computerdisplay. Die Produktion steht inzwischen unter Denkmalschutz.

Von Remko Kragt

Eine große Glocke steht am Mittwoch (17.08.2005) vor dem Papsthügel auf dem Marienfeld in Köln. Bis zum 21.08. findet in Köln der XX. Weltjugendtag statt, an dem auch Papst Benedikt XVI. ab Donnerstag (18.08.2005) teilnehmen wird.  (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
Das vielleicht bekannteste Werk der Gießerei Petit ist die "Weltjugendtagsglocke" von 2005, die heute in der Kölner Kirche St. Aposteln hängt. (picture alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
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Nach Gesang und Gebet schlägt der Glockengießer den Ofen auf und lässt die gut 1250 Grad heiße, flüssige Bronze - die sogenannte Glockenspeise - in die Glockenformen fließen. Das Ritual ist seit Jahrhunderten fast unverändert. Ein Besuch in einer Glockengießerei wie dem Unternehmen Petit und Gebrüder Edelbrock im westfälischen Gescher hat etwas von einer Zeitreise.

Seit mehr als 300 Jahre steht das Unternehmen am gleichen Standort. Die Glockengießerei hat sich seitdem kaum verändert. Nur wenige Maschinen hielten Einzug in die Produktion, sagt Geschäftsführer Rainer Esser: "Wenn Sie sich die Antriebe angucken, die wir hier haben, wenn Sie sich die Maschinen angucken, die sind sehr, sehr alt, und das ist auch der Grund, warum wir jetzt unter Denkmalschutz gestellt werden."

Lange, lederne Antriebsbänder treiben träge ein Mahlwerk an, in dem Lehm aus dem nahegelegenen Flüsschen Berkel zerkleinert wird. "Für diesen Lehm ist der Herr Petit 1690 hier geblieben und den schöpfen wir nach wie vor, wir haben also nach wie vor Schöpfrechte." Aus Lehm werden die Formen für die Glocken hergestellt. Das ist Feinarbeit - auch wenn die Glocken mehrere Tonnen auf die Waage bringen.

Thomas Hisker, seit 25 Jahren im Betrieb, schaufelt den Lehm aus der Mühle auf ein feines Sieb. Es ist ruhig im düsteren Backsteinbau. Keine Hektik, nirgendwo ein Computerdisplay. Hier und da gehen einzelne Mitarbeiter ihrem Handwerk nach. Es riecht nach Lehm und Feuer. Nach wenigen Schritten erreichen wir den sogenannten Dom. Rainer Esser: "Das ist die große Glockengrube mit dem großen Ofen, der Ofen wird jetzt hundert Jahre alt. Dieser Ofen ist mit einem Gewicht von 13.000 Kilo, also 13 Tonnen zu bestücken, das heißt, wir könnten gleichzeitig 12,5 Tonnen Glocken hier gießen, den Rest brauchen wir für die Gießkanäle. Der Guss geht durch Kanäle, die aus Stein gebaut werden, und dafür brauchen wir einen Rest Material."

Acht Wochen von der Form bis zur Glocke

In einer Ecke schichten zwei Mitarbeiter einen Kreis aus Backsteinen auf. Darauf soll später eine von sieben Glockenformen stehen. Wenn alle Formen fertig sind, wird der Raum mit Sand zugeschüttet. Von den Glockenformen ist dann nicht mehr zu sehen als das Loch, durch das die Bronze in die Form fließen soll.

Acht bis zehn Wochen braucht es vom Bau der Formen bis zur abgekühlten Glocke. Dann erst zeigt sich, ob die ganze Arbeit erfolgreich war. "Und das ist Handarbeit, jedes Stück ist Handarbeit, das muss natürlich alles sehr schön vorbereitet werden."

Kaum etwas kann in diesem Unternehmen modernisiert oder rationalisiert werden. Das macht die Produktion aufwendig. Auch die hohen Preise für die Bronzezutaten Kupfer und Zinn tragen ihren Teil dazu bei. Hinzu kommt, dass der Markt sich in den vergangenen Jahren verändert hat. Einerseits ist er geografisch geschrumpft: "Wir haben in Amerika, in Afrika, in Thailand, überall Glocken geliefert, nur das ist heute kein Geschäft mehr in dem Maße, wie es einmal war, weil der Transport dieser schweren, großen Glocken einfach so unglaublich teuer ist, dass das heute keiner bezahlen will und kann."

Glockengießer sehen nicht nach neuen Geschäftsfeldern um

Andererseits bestellen Kirchen nur noch wenige neue Glocken. So sehen sich die vier Glockengießereien, die es in Deutschland noch gibt, nach neuen Geschäftsfeldern um. "Der größte Geschäftszweig ist die Sanierung, die Wartung, Reparaturen von Glockenanlagen in Kirchen. Früher war das anders, da war das Glockengießen nach dem Krieg - es wurde ja im Krieg alles zerstört und zu Kanonen umgebaut -, danach hat dieses Unternehmen natürlich geboomt. Heute haben wir 23 Mitarbeiter, damals waren es 80."

Heute befinden sich Werkstätten in zwei der drei früheren Gussgruben. Eine Schreinerei etwa für den Bau hölzerner Glockenstühle. Ein weiteres Standbein ist der Guss bronzener Kunstwerke, für den das Unternehmen vier Mitarbeiter beschäftigt.

Sie erwirtschaften etwa 15 Prozent des Gesamtumsatzes, der bei zwei Millionen Euro liegt. Schnelles Geld aber gibt es weder bei Kirchen noch bei Künstlern, sagt Rainer Esser. Oft müsse man lange warten, bis die Kunden das nötige Geld aufgetrieben haben.

Nach schwierigen Zeiten bietet das Unternehmen heute sichere Arbeitsplätze. Es sind interessante und vielseitige Aufgaben, die auf die Mitarbeiter warten. Generalisten braucht das Unternehmen, sagt Rainer Esser, etwa in der Wartung.

"Wenn Sie auf dem Kirchturm sind, dann haben Sie Mechanik, dann haben Sie Holz, Stahl, Elektronik, Elektrik, da brauchen Sie nicht Glockengießer zu sein, da müssen Sie, sage ich mal, Allround-Handwerker sein. Sie müssen auch Sommerhitze ertragen können, da oben ist es immer tierisch warm, und im Winter Kälte. Das ist schon ein harter Beruf, aber wer das mal angefangen hat, der liebt das, weil er natürlich da draußen auch selbstständig ist, und er hat es mit Musikinstrumenten zu tun."

Eines davon steht im Hof - mitten in dem Ort, der im Laufe der Jahrhunderte um die Gießerei herum gewachsen ist und den das Unternehmen jetzt prägt.

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