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StartseiteTag für TagBlondinen bevorzugt 06.05.2019

GlosseBlondinen bevorzugt

Ein Drehbuchschreiber denkt sich eine Fernsehserie über jüdisches Leben in Deutschland aus. Für eine Rolle hat er eine blonde Frau vorgesehen. Die aber kann doch keine Jüdin sein, denkt er. Warum eigentlich nicht, fragt unser Autor.

Von Gerald Beyrodt

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Happy young woman lying on a bed in garden model released Symbolfoto property released (imago images/ Westend61)
Die blonde "Schickse" und der jüdische Arzt: Ideen aus der bunten Welt der Fernsehserien (imago images/ Westend61)
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Fast hätte ich mal in der bunten Welt der Fernsehserien Karriere gemacht. Jedenfalls sollte ich einen Drehbuchautor und Stoffentwickler beraten, er hieß Werner. Er sollte sich eine Fernsehserie über jüdisches Leben in Deutschland ausdenken. Ich besuchte mit Werner Synagogen, machte lange Spaziergänge mit ihm, hörte mir seine Ideen an, stritt mich mit der Produktionsfirma über ausbleibende Honorare.

Wochenlang, nein monatelang brütete Werner an seiner Idee. Im Mittelpunkt sollten ein junger jüdischer Mann stehen, ein Arzt, und - Überraschung: eine junge Frau, eine nicht-jüdische junge Frau. Die junge Frau platzt beim Kiddusch herein, den der junge Arzt mit seiner Mutter feiert. Selbstverständlich erklärt der junge Arzt ausführlich, was eine Kiddusch ist: das Ritual mit Brot und Wein, das Juden am Anfang des Schabbat feiern. Ich glaube, der junge Arzt hieß Samuel. Warum sie hereinplatzt, weiß ich nicht mehr, es hatte irgendeinen Grund. Die Nicht-Jüdin stellt reichlich dämliche Fragen: Was denn die Kappe auf dem Kopf zu sagen hätte etc. Aber selbstverständlich gewinnt sie Samuels Herz.

"Diese Schickse ist anders"

Und weil sie durchaus Witz hat, auch das Herz von Samuels Mutter. "Diese Schickse ist anders", sagt die ältere Dame. Schüchtern versuchte ich Werner von dem Wort "Schickse" für Nicht-Jüdin abzubringen. Ich hatte das schon mal in irgendwelchen Büchern gelesen, aber in der jüdischen Welt so noch nie gehört. Es gehe ja in Wirklichkeit darum, dass die Dame den Sohn nicht hergeben will, sagte Werner, sie sei ja gar nicht jüdisch-religiös. "Und weshalb sollte sie dann ‚Schickse‘ sagen?", beharrte ich. Und auch Werner beharrte auf seiner Schickse.

Samuel hat einen Tick, eine Obsession. Er steht auf blonde Frauen. Und die gibt es in der jüdischen Welt nicht, dachte jedenfalls Werner, der Drehbuchautor. Leider konnten ihn die gemeinsamen Synagogenbesuche nicht vom Gegenteil überzeugen. Warum half kein gutes Zureden? Vielleicht weil ohne Samuels Blondinen-Schicksen-Tick die Story nicht ins Laufen gekommen wäre. Warum habe ich nicht noch eindringlicher gesagt, dass es in der jüdischen Welt sehr wohl blonde Frauen gibt - und ja, lieber Werner, auch naturblonde Frauen? Vielleicht fühlte ich mich als eine Art Muse und wollte Werners Idee nicht kaputtmachen.

Und was eigentlich störte mich an den Blondinen-Schicksen, fragte ich mich. Verlangte ich ernsthaft von einem Fernsehserien-Autor, ohne Klischees auszukommen? Wollte ich die Weisheit durchsetzen, dass Judentum keine Rasse ist und dass es es überhaupt keine Menschenrassen gibt? Vielleicht störte mich am meisten, dass Werner so realistätsrestistent war , denn es gibt recht viele blonde Juden. Überdies bin ich auch blond, naja sagen wir mal dunkelblond. Übrigens unterhielt ich mich mal mit einem jüdischen Arzt, der sich wunderte, dass ich auch jüdisch sein sollte: "Sie sehen gar nicht so aus," sagte er. Und ich dachte: Entschuldigung, nächstes Mal komme ich mit Hakennase und Wulstlippe.

Werners Projekt erwies sich übrigens als Reinfall.Keine Rundfunkanstalt kaufte die Serien-Idee, vielleicht war sie trotz allem nicht mainstreamig genug. So sind Samuel und seine Blondinen nie über die Mattscheibe gegangen. Irgendwie war ich erleichtert, auch wenn meine Karriere in der bunten Welt der Fernsehserie damit zu Ende war. Jetzt bin ich beim Radio. Da spielt die Haarfarbe keine Rolle.

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