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StartseiteSport am WochenendeEine Welt ohne Fußball22.03.2020

GlosseEine Welt ohne Fußball

Bis auf weiteres wird es keine Fußball-Bundesliga in Deutschland geben. Für unseren Autor Jürgen Roth eine Zeit des Innehaltens und eine Voraussicht auf eine Welt, in der das runde Leder nicht mehr unseren Alltag bestimmt. Eine Glosse.

Von Jürgen Roth

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BVB-Fans zeigen Banner mit den Gesichtern von Dietmar Hopp (l-r), Fritz Keller und Karl-Heinz Rummenigge mit roter Clownsnase. Darunter ist ein Banner mit der Aufschrift "Die hässlichen Fratzen des Fußball!".  (dpa / Bernd Thissen)
BVB-Fans zeigen Banner mit den Gesichtern von Dietmar Hopp (l-r), Fritz Keller und Karl-Heinz Rummenigge mit roter Clownsnase (dpa / Bernd Thissen)
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In einem in sogenannten Fußballkulturkreisen nicht ganz unbekannten Brief an seine Schwester Ottla schrieb Franz Kafka am 3. Oktober 1923: "Vielleicht hört der Fußball jetzt überhaupt auf." Knapp hundert Jahre später hat der Fußball auf unbestimmte Zeit aufgehört zu existieren, zack und wusch!, es gibt ihn einfach nicht mehr, er ist weg, weg, weg, und täuschen die Auspizien nicht, spricht einiges dafür, daß der gegenwärtige vollständige Stillstand, daß die kürzlich noch unvorstellbare totale Einstellung des Gebolzes und Gerennes und Gegröles und Gegeifers, daß das nahende Versiegen jeglichen nervtötenden Geplappers auf einem Plastiksender wie Sport.1 und in einem strammen Edelblatt wie Sport Bild ein, mit Ernst Bloch zu reden, "Vorschein" auf eine Welt ohne Fußball sein könnte, eine Welt ganz und gar ohne Fußball, und die sogenannte Fußballkultur, von der man erst redet, seit der Fußball sämtliche Züge von Kultur abgestreift hat, wäre in einem Aufwasch gleich mitverklappt.

"Aufhören, bitte!" 

Was für eine erquickende Aussicht. Es käme dies einem Segen messianischen Ausmaßes gleich. "Aufhören, bitte", flehte vor einer guten Woche Christian Spiller auf ZEIT Online, und da war noch im Gespräch, den ganzen planetarischen Unfug eines kapitalverwertungsgetriebenen Berufsfußballs in Form hanebüchen alberner Geisterspiele weiterzubetreiben. Unvermindert geströmt wären die grunzdummen, fetischistisch angehimmelten Millionen oder Trillionen, die irgendwelche durch und durch entbehrlichen, hochgradig ideologischen TV-Buden raustun, um mittels dieses grotesken Irrationalismus namens Profifußball die ohnehin demolierten Köppe der konsequent zu seelisch kaputten Konsumenten heruntergewirtschafteten Menschen unausgesetzt mit noch mehr Müll zu fluten.

Rhönradturnen, Seniorenwaldlauf und Boule

Mag sein, daß, wie die FAZ spekuliert, angesichts des Zerbröselns des Rackets aus Vereinsbonzen und zutiefst unseligen Sportsendern wie Sky und DAZN, die jetzt – ach, es ist allzu schön – keine Bilder und keine krawalldementen O-Töne mehr in den geplagten Äther hinauspesten können, das demnächst zu vergebende Bundesligarechteschrottpaket vom still triumphierenden Monopolisten Amazon eingehamstert wird. Das Geld, es möge an sich selber ersticken, und vielleicht wird man danach wieder über würdevolle Sportarten berichten, über Rhönradturnen, Seniorenwaldlauf und Boule. Was wäre das für ein Sportjournalismus, der Schönheit, Dignität und das menschliche Maß wiederentdeckte.

"Einfach aufhören", flehte Christian Spiller. Ja. Aber bitte richtig aufhören – und nicht, weil zwei Bayern-Spieler auf ein paar Mäuse verzichten und ein Mister Messi und ein Monsieur Ronaldo sich per Twitter in ihren Gratisgesten gefallen, gleich Spiller wie ein Kleinkind hoffen, es möge künftighin doch alles, alles bitte, bitte gut werden; nicht gleich Spiller "hoffen, daß im durchkommerzialisierten Sport noch nicht alles verloren ist. Daß er womöglich solidarischer und demütiger aus der Krise hervorgehen könnte. Daß er sich bei künftigen Exzessen etwas unwohler fühlen wird."

"Nichts mehr, wie es vorher war"

Nein, nein und noch mal: nein. Im Vermehrungs-, Verdrängungs- und Verwahrlosungsgeschäft Fußball ist nichts mehr zu retten, es sei denn, es hört das alles auf. Seltsamerweise hat ausgerechnet Joachim Löw, der jahrelang kein Wort zum Managerbullshitting seines Kompagnons Bierhoff fallenließ, das offenbar instinktiv begriffen. Der Bundestrainer sprach, und man nahm ihm seine Besorgnis tatsächlich ab, auf einer Pressekonferenz davon, daß sich die Erde gegen den vollkommen wahnsinnig gewordenen, raubenden und schlachtenden Homo sapiens des Kapitalozäns stemme und wehre, gegen jenen "Menschen, der immer denkt, daß er alles kann und alles weiß" und in dessen affigem Großhirn genau drei Begriffe Platz finden, nämlich "Machtgier, Profit und Rekorde". "Das Tempo", so Löw, "war nicht mehr zu toppen", und nun sei "nichts mehr, wie es vorher war". Heißt: Schluß, Ende, Feierabend. Für immer. Mit dem verfluchten Fußball und mit allem, wofür er, auch gemäß seinem pervers aufgepumpten, narzißtischen Selbstbild, steht. Schicht. Im. Schacht.

"Hinter jedem großen Vermögen steht ein Verbrechen."

Man male sich das aus: kein öffentliches Forum und kein Betätigungsfeld mehr für eine widerwärtige, egomanisch via Facebook herumrandalierende, ihre spezielle "innovative" und "visionäre" Leistungs- und Lügenkultur zusammenzimmernde neoliberale Blablasprechblase namens Jürgen Klinsmann, für einen hinterhältigen Schwabensäckel, der Spieler ungeniert nach ihrem "Mehrwert" taxiert und, fällt deren value zu gering aus, kurzerhand entsorgt; für den, wie ihn die Nürnberger Nachrichten am Donnerstag nannten, "Ehrensohn" Dietmar H. aus H., der Fans, die ihn und seinen dreckigen Reichtum nicht bejubeln, bespitzeln läßt und am liebsten sofort in den Knast schmisse, und der sich, die "Gunst" der Stunde nutzend, "als möglicher Retter der Menschheit" inszeniert. Denn wahr bleibt, solange dieser Fußball weiterlebt, was der bürgerliche Schriftsteller Honoré de Balzac sagte: "Hinter jedem großen Vermögen steht ein Verbrechen."

"Kernschmelze des deutschen Fußballs"

Man male sich das aus: Nach der – laut Spiegel – "Kernschmelze des deutschen Fußballs", nach dem Heideggerschen "Nichten des Nichts" wird uns kein inkarniertes, vier Milliarden Euro dickes BWL-Lehrbuch wie der DFL-Macker Christian Seifert mehr behelligen. Kein unermeßlicher Karl-Heinz Rummenigge wird mehr dreitagebärtig in den Kulissen hocken und erzählen: "Am Ende des Tages geht es um Finanzen." Kein Aki Fatzke wird mehr in Sportschau-Sondersendungen zum besten geben können: "Ich bin auch nicht bereit … Am Ende des Tages können nicht die Klubs, die ein bißchen Polster angesetzt haben in den letzten Jahren, dann im Prinzip die Klubs, die das wiederum nicht gemacht haben, dafür dann auch noch belohnen." Und kein wundersam benamter Kölner Sportdirektor, kein Mann, den man Heldt ruft, wird mehr, nachdem ein bayerischer Ministerpräsident moderat empfohlen hat, die Gehaltsmillionäre mögen eventuell eine Handvoll Pfennige in den Opferstock legen, in die Mikrophone kotzen, "es wäre absolut sinnhaft, daß man sich mit populistischen Scheißausdrücken erst mal zurückhält".

Von dem italienischen Philosophen Antonio Gramsci stammt die nicht ganz unbekannte Sentenz: "Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster." Ignorieren wir die absolut sinnlosen Fußballmonster so lange, bis sie dort angelangt sind, wo sie hingehören: im Vergessen.

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