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Startseite@mediasresGreta Thunberg, die Traube in der medialen Mostpresse03.04.2019

GlosseGreta Thunberg, die Traube in der medialen Mostpresse

Unser Kolumnist Arno Orzessek befürchtet, das Greta Thunberg und den Klimawandel bald ein ähnliches Schicksal ereilt wie die anderen Top-Themen der letzten Jahre: Wie Trauben in der Mostpresse werden sie bis zum letzten Tropfen ausgequetscht, und dann ist erst mal Schluss mit dem Hype.

Von Arno Orzessek

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Die schwedische Schülerin Greta Thunberg bei den von ihr initiierten Fridays-for-Future-Klimaschutzprotesten in Stockholm (AFP/TT/ Pontus Lundahl)
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Drehen wir die Uhr ein halbes Jahrhundert zurück. Vielleicht hatte dieser John Lennon doch nicht recht, als er 1966 locker vom Hocker behauptete, die Beatles seien "populärer als Jesus". Das konnte ja keiner so richtig überprüfen damals. Von Klicks, Likes und Followern, unserer inflationären Krypto-Währung für virtuelle Popularität, hatte die Welt noch keinen Schimmer. Und der Platten-Verkauf, bei dem Jesus ziemlich weit zurück lag, war keine wirklich faire Messlatte. Soll heißen: Vielleicht war der Sprücheklopfer John selbst ein Opfer der Beatlemania, dem irren Komplott ausgerasteter Fans und ausgerasteter Medien.

Trotzdem gilt noch heute: Wer auch nur in den Verdacht gerät, "populärer als Jesus" zu sein, hat aufmerksamkeitsökonomisch gesehen seine Schäfchen im Trocknen. So wie jetzt gerade Greta Thunberg - die mit Jesus die Predigt-Power und mit John das weltgeistige Charisma teilt, aber wegen des blöden Klimawandels halt scharf darauf ist, den Homo sapiens insgesamt mal so richtig kreissägenmäßig zu nerven.

Die Wahrheit über die Halbwertszeit von medialen Top-Themen

Nicht schlecht für eine 16jährige: Radikal populistisch auf Umwelt-Panik machen - und der halbe Planet, wenn nicht der ganze, hört interessiert zu. Aber das funktioniert natürlich nur, weil die Medien mitspielen. Und nur, solange sie es tun. Und in diesem Punkt ist die monothematische Greta nicht ganz so gut gerüstet wie Jesus und John.

Erinnern wir uns: Die Botschaft von Jesus wurde mittels einer eigens für ihn gegründeten Religion zum Longseller, obwohl der flüssige Buch- und Zeitungsdruck erst 1500 Jahre später in Gang kam. Und John warf mit den anderen Pilzköpfen nach seinem kessen Jesus-Statement noch mehrere Jahre ganz und gar nicht monothematische Mucke auf den Markt.

Was dagegen Gretas ohnehin gut abgehangene "Wir müssen endlich was tun"-Botschaft angeht - tja, was kann da noch Substantielles nachkommen? Wir wünschen Gretas Klima-Mission natürlich alles Gute und gern auch den Friedensnobelpreis, für den sie vorgeschlagen wurde. Aber die bittere Wahrheit lautet: Vielen Top-Themen ergeht es in den Medien so wie Trauben in der Mostpresse. Sie werden bis zum letzten Tropfen ausgequetscht, und dann ist erst mal Schluss mit dem Hype.

Selbst das Thema 9/11 war für viele Medien schnell "durch"

Das war selbst nach 9/11 so, ein Ereignis, das manche Journalisten zur gewaltigsten Zäsur seit der urzeitlichen Trennung der Kontinente stilisiert haben. Es konnte nicht genug darüber geschrieben, gesagt und gesendet werden. Doch schon in der zweiten Woche nach dem Fall der Twin Towers, da hatten dieselben Journalisten teils keinen Bock mehr. "Osama bin Laden? Ground Zero? Ach nee, ist doch durch!"

Und genau darin liegt, jetzt mal aus der Sicht eines gehypten Themas gesprochen, das Erbarmungslose: Du kannst ganz schnell wieder durch sein, jedenfalls fürs erste; sogar wenn du 9/11 bist.

Übrigens, es nutzt gar nichts, wenn ein Thema deshalb flennend zu den Medien rennt: "Buhu, warum bin ich denn so was von durch bei Euch? Was habe ich falsch gemacht?"

Nichts, liebes Thema! Journalisten wissen auch nicht genau, warum deine Zeit vorbei ist. Sie wittern nur, dass es so ist, und prüfen anhand anderer Medien, ob ihre Witterung sie trügt. Wenn nicht, bist du durch.

Was wurde eigentlich aus Greta Thunberg?

Was das für Greta Thunberg bedeutet? Nun, falls sie den Klimawandel zügig stoppen könnte, bliebe sie wohl bis zum Abschluss des Projekts in den Schlagzeilen. Aber ein solcher Stopp, die Thunberg'sche Notbremsung quasi, ist laut Klimaforschung und gesundem Menschenverstand unwahrscheinlich. 

Das Klima dürfte sich vielmehr auch künftig schneller wandeln als die Drecksschleuder Mensch, und neue Mahner werden uns deshalb tüchtig ins Gewissen reden, getragen von neuen Hypes. Und wenn einst die schwedische Aktivistin von anno 2019 fast vergessen ist, dann wird irgendein Medium seine Lust auf Reste-Verwertung in die Frage kleiden: "Was wurde eigentlich aus Greta Thunberg?"

Ein Szenario, das heute komplett unglaubwürdig erscheint, wohl wahr! Aber umso deutlicher zeigt sich: Die Medien stellen mit unserer Wahrnehmung echt die unheimlichsten Dinge an.

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