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StartseiteSprechstundeEine erstaunlich starke Kombination29.12.2020

Glück und GesundheitEine erstaunlich starke Kombination

Ein besonderes Jahr geht zu Ende und unter dem Eindruck der Corona-Pandemie wünschen wir uns "Glück und Gesundheit" mit einem neuen Bewusstsein. Doch sind glückliche Menschen gesünder als unglückliche? Antworten von den Ärzten Eckart von Hirschhausen und Tobias Esch von der Universität Witten/Herdecke.

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Gruppe Kinder als multikulturelles Team im Kreis (picture alliance / Zoonar)
Kinder und Jugendliche empfinden Glück anders als ältere Menschen (picture alliance / Zoonar)

Es gibt einen Zusammenhang zwischen der inneren Einstellung eines Menschen und der Fähigkeit zur Selbstheilung. Wer positiv denkt, handelt und fühlt, stärkt seine eigenen Selbstheilungskräfte und damit auch die der Gemeinschaft. Je mehr zufriedene Menschen es gibt, desto besser geht es allen. Und das Schöne ist: Glück lässt sich bis zu einem gewissen Grad trainieren.

Verschiedene Formen des Glücks

Das Hochmoments-Glück zeigt sich in ekstatischen Gefühlen, wenn etwas Besonderes eintritt, man sich auf etwas besonders freut. Wenn man während eines Streits, einer Erkrankung, einer schwierigen Situation einen Moment zum Durchatmen, zur Erleichterung erlebt, dann fühlt sich dieses Glückgefühl wiederum ganz anders an. Glückseligkeit oder Zufriedenheit ist eine dritte Kategorie – ein eher leises Gefühl, das einen vielleicht innerlich lächeln lässt.

In der Glückforschung wurde lange Zeit vernachlässigt, dass sich das Glück über die Lebensspanne hin verändert. Es gibt einen Unterschied zwischen einem kindlichen Vorfreude-Glück und der Zufriedenheit oder inneren Einkehr, sagt Tobias Esch vom Institut für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung an der Universität Witten/Herdecke im Dlf. Diese Zufriedenheit könne man eher in fortgeschrittenen Altersstufen sehen. "Wenn wir Experten für Zufriedenheit suchen, dann sind das die Älteren, die viel erlebt haben und mit Gelassenheit auf Dinge blicken". Kinder und Jugendliche, die sich aufmachen, die Welt zu erkunden, erleben eher stark fühlbares Glück.

In der zweiten Lebenshälfte sind die meisten Menschen – über 90 Prozent – zufriedener als in der ersten, bestätigt auch der Arzt und Autor Eckart von Hirschhausen im Dlf.

Glück in Zeiten von Corona

Schwere Krisen bedeuteten nicht automatisch, dass das Glücksempfinden sinkt. "Wir sehen trotz Corona momentan noch keine substanzielle Zunahme von psychischen Erkrankungen. Durchaus psychische Beeinträchtigungen, die im Verhältnis aber eher mild sind. Den Deutschen geht es trotz Corona insgesamt ziemlich gut, aber bei den Jüngeren mache ich mir Sorgen", so Esch.

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"Menschen, die vor der Pandemie schon einsam waren, sind es jetzt noch mehr. Es fehlen uns Berührungen, in den Arm genommen werden." Social Distancing sei für viele Menschen qualvoll. Der Körper sehnt sich nach Haptik und sinnlichen Erfahrungen, so von Hirschhausen.

Für Jugendliche und Kinder, die sich weniger mit Freunden treffen können, momentan nicht einfach in die Welt raus können, sich ausprobieren können, seien die langfristigen Folgen noch nicht eindeutig absehbar.

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Corona spaltet die Gesellschaft

Ein Grundpfeiler von Glück ist das Gefühl, gebraucht zu werden, einen sinnvollen Beitrag zu leisten. Die Gesundheitsberufe und systemrelevanten Berufe sind gerade am Limit. Die andere Gruppe, vor allem auch die gesamte Kulturbranche, vermisst positive Gemeinschaftserlebnisse und hat das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. "Diese Branche ist gerade hochdepressiv unterwegs", unterstreicht von Hirschhausen.

Die Rolle von Glück in der Medizin

"Ein Glückserleben ist wie eine Frischzellenkur für das Immunsystem. Wir sehen, dass das Immunsystem deutlich besser funktioniert", erläuterte Esch. Gleichzeitig nehme die Zahl von Herzinfarkten oder Bluthochdruck messbar ab, wenn Menschen eine positive, optimistische oder auch glückliche Lebenseinstellung hätten. Ein ganz wesentlicher Faktor, der damit zusammenhängt, ist offensichtlich das Glück. Denn: Glückliche Gefühle, die sozusagen über das Belohnungssystem ausgelöst werden, reduzieren Stress und Effekte von Stress."

Und zu guter Letzt: Menschen, die mit sich und dem Leben zufrieden sind, verhalten sich gesünder. Sie ernähren sich gesünder, rauchen deutlich weniger, haben weniger Übergewicht oder bewegen sich mehr – und sie haben intaktere soziale Beziehung. "All das zusammengenommen führt dazu, dass Glück einen substanziellen Effekt auf die Lebenserwartung und auf die Krankheitswahrscheinlichkeit hat."

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Dinge, die Glück reduzieren

Soziale Einsamkeit und chronische Erkrankung, vor allen Dingen Schmerz, reduzieren Lebenszufriedenheit. Gleichzeitig ist Glück ein gutes Mittel gegen Stress und chronische Belastung. Und dafür kann man durchaus auch aktiv etwas unternehmen. "In Japan gibt es zum Beispiel Rezepte für das Waldbaden. Da hat man automatisch zwei Dinge, die einem guttun. Körperliche Bewegung und Naturerlebnis", erläutert von Hirschhausen. Und genau diesen Weg hätten ja auch viele Menschen in der Pandemie neu für sich entdeckt. Die Gegend zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkunden, in der Natur joggen anstatt ins Fitness-Studio zu gehen.

Es selbst in die Hand nehmen

Entspannungsverfahren bieten viele unterschiedliche Möglichkeiten, um auf die Gesundheit einzuzahlen. Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung, Yoga oder Meditation helfen dabei, mit sich selbst gut umzugehen, so Tobias Esch. Menschen, die Rituale der inneren Einkehr nutzen, die versuchen, trotz Stress von außen oder Krisensituation entspannt zu bleiben, entwickeln besser ein inneres Gefühl von Zuversicht und Glück.

Menschen, die regelmäßig Gartenarbeit verrichten, tun dies oft über einen sehr langen Zeitraum und in Verbindung mit viel Freude. Es sei wichtig, etwas zu finden, was zu einem passt. Wer ohnehin schon viel sitzt, sucht vielleicht nicht ausgerechnet Ruhe in der Meditation, sondern geht lieber an die frische Luft und sucht Bewegung.

Antennen für Glücksmomente schärfen

Glück kann man nicht erzwingen, aber bewusst wahrnehmen. Dabei hilft eine Methode aus der kognitiven Verhaltenstherapie: sich am Ende eines Tages drei Dinge aufzuschreiben, die einen glücklich gemacht haben – und seien es noch so flüchtige Momente.  

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