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StartseiteEuropa heuteDas Lotteriegeschäft wird verstaatlicht18.02.2020

Glücksspiel-Eldorado BulgarienDas Lotteriegeschäft wird verstaatlicht

In Bulgarien haben Regierung, Parlament und Staatsanwaltschaft einen Strich durch die Geschäfte von Wassil Bozhkow gemacht. Der reichste Oligarch des Landes konnte mit seiner Sofortlotterie jahrzehntelang das große Geld machen. Von nun an ist die Sofortlotterie in staatlicher Hand.

Von Clemens Verenkotte

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Frauen mit Lottoscheinen vor einem Lottogeschäft in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. (imago stock&people / Xinhua/Velko Angelov)
Glücksspiel in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. (imago stock&people / Xinhua/Velko Angelov)
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Sofortlotterie heißt das Glücksspiel, gehörte bislang dem reichsten Mann des Landes Wassil Bozhkow, und ist in Bulgarien, einem Glücksspiel-Eldorado, äußerst beliebt: Rund 60 Prozent der Bevölkerung machen dabei mit. Es spielten vor allem Ältere, Ärmeren und Arbeitslose. Experten schätzen, dass besonders auf dem Land, in kleinen Dörfern und Kommunen, viele ärmere Menschen die Hälfte bis zwei Drittel ihrer Einkommen für Lotteriescheine ausgegeben haben:

"Ich kaufe Lotteriescheine, denn ich gewinne kleine Summen, die mir gleich ausgezahlt werden. Es ist also kein Problem. Ich habe nie mehr als 100 Lewa, rund 50 Euro, gewonnen. Ich weiß nicht, wieviel Geld ich dafür ausgegeben habe, ich habe es nicht gezählt."

"Schwierig zu widerstehen"

Seit 2014 wurden die Sofort-Lotteriescheine nahezu überall verkauft: Auf den Postämtern, wo die Pensionäre ihre Renten, die Arbeitslosen ihr Arbeitslosengeld und die Armen ihre Sozialhilfe abholen, in den kleinen Lebensmittelläden und den großen Handelsketten, den Cafés, sogar an den Zeitungskiosken in den Krankenhäusern. Tichomir Beslow, Sicherheits- und Kriminalitätsexperte am Zentrum für Demokratieforschungen in Sofia:

"Stellen Sie sich vor: 60% spielen die Sofortlotterie, gleichzeitig sind 80% für die Begrenzung und sogar für das Verbot des Glücksspiels. Das heißt, die Leute kennen das Problem, aber sie sind abhängig. Es ist sehr schwierig zu widerstehen, wenn der Zugang so leicht ist: Der Schein kostet einige Lewa und kann überall gekauft werden."

Der Jahresumsatz betrug zuletzt rund 770 Millionen Euro. Die Gewinne: Zunächst steuerfrei, dann sehr niedrig besteuert. Für den bisherigen Besitzer der Sofortlotterie, Wassil Bozhkow, eine wahre Goldgrube. Bozhkow, genannt der "Schädel", ein 63jähriger Oligarch, hatte bis vor wenigen Wochen als reichster Mann Bulgariens nichts von der Politik und von der Justiz zu befürchten.

Anklage gegen Besitzer der Sofortlotterie

Das änderte sich, als er Ende Januar in elf Punkten angeklagt wurde, unter anderem wegen Steuerhinterziehung, Leitung einer organisierten kriminellen Gruppierung, Erpressung, Bestechungsversuch von Beamten, Besitz von kulturellen und historischen Wertgegenständen, die nicht gesetzmäßig registriert worden sind und es wird gegen ihn auch wegen Mordes und Vergewaltigung ermittelt. Bozhkow floh umgehend in die Vereinigten Arabischen Emirate, die kein Auslieferungsabkommen mit Bulgarien haben. Bulgariens Generalstaatsanwalt Iwan Geschew:

"Wir werden alles Mögliche tun, um den angeklagten Bozhkow aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zurück zu bringen. Ich sage es: Es gibt keine Unberührbaren mehr, es ist vorbei. Das muss zu Ende gehen, nicht, weil die Staatsanwaltschaft das will, sondern weil die bulgarischen Bürger es wollen."

Neues Gesetz gilt nicht für Casinos und Spielhallen

Mit aggressiver Werbung lockte die Sofortlotterie immer neue Kunden: Jeden Tag zeigte der zweitgrößte Fernsehsenders Nowa TV zur besten Sendezeit einfache Menschen, die über Nacht das große Geld gewonnen hatten. Nur: Keiner der "Millionäre" erhielt seine Millionen. Das Geld sollte erst im Verlauf von bis zu 20 Jahren gezahlt werden. Betroffen von dem neuen Glücksspielgesetz sind Tausende von Händlern, die bislang Lotteriescheine verkauft haben. Sie besitzen Lotteriescheine für insgesamt 13,8 Millionen Euro, die jetzt vernichtet werden sollen.

"Wenn ich Ihnen sage, wieviel Lotteriescheine ich noch habe... Es ist einfach schrecklich! Man soll eine Übergangsfrist für solche Änderungen geben, es geht nicht von heute auf morgen. Die Scheine habe ich bezahlt. Ich habe bestimmt Scheine für 300 Lewa, etwas mehr als 150 Euro, liegen. So etwas ist bisher nie passiert, dass ich für eine Woche Scheine für 300 Lewa nicht verkaufen konnte. Nie! Für manche Leute sind 300 Lewa nichts, aber für mich ist das viel Geld. Ich betreibe ein kleines Geschäft. So ist es gekommen, dass man Angst haben soll, etwas anzufangen. Man investiert Geld, und am Ende wird man beschissen."

Das neue Gesetz lässt jedoch alle Casinos und Spielhallen außen vor. Enteignet wird nur der flüchtige Oligarch Wassil Bozhkow, dem die größte und kostbarste private Antiken-Sammlung auf dem Balkan gehört – und auch diese wurde nun beschlagnahmt.

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