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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Folgekosten der Monsanto-Übernahme20.03.2019

Glyphosat-Entscheidung in USADie Folgekosten der Monsanto-Übernahme

Bayer habe die Risiken bei der Übernahme des Saatgutherstellers Monsanto systematisch unterschätzt, kommentiert Georg Ehring nach dem Urteil im Glyphosat-Prozess in den USA. Das Leverkusener Unternehmen müsse sich die Frage stellen, warum es die Gefahren nicht habe kommen sehen.

Von Georg Ehring

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Die Logos von Bayer und Monsanto nebeneinander (picture alliance / Patrik Stollarz, John Thys)
Rückschlag für Bayer im Prozess um das umstrittene Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat seiner Tochter Monsanto (picture alliance / Patrik Stollarz, John Thys)
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Es nur eine erste Entscheidung im Prozess, das Urteil folgt später. Doch die hat es in sich: Eine sechsköpfige Jury am Bezirksgericht von San Francisco ist zu dem Ergebnis gekommen, dass das Pestizid Roundup mit dem Wirkstoff Glyphosat ein wesentlicher Grund dafür ist, dass der Kläger an Krebs erkrankt ist. Das Urteil steht noch aus, doch horrende Schadensersatz-Summen sind möglich und das nicht nur in diesem Fall. Wegen möglicher Schädigung durch Glyphosat stapeln sich in den USA mehr als 10.000 Klagen auf den Schreibtischen der Bayer-Rechtsabteilung und viele Gerichte könnten sich auf die Einschätzung der Jury in San Francisco stützen. Allein für die Rechtsstreitigkeiten hat Bayer 660 Millionen Euro zurückgestellt, für Schadensersatz könnte ein Vielfaches davon fällig werden.

Bayer hat Risiken des Kaufs unterschätzt

All das wären Folgekosten der Übernahme von Monsanto. Glyphosat vergiftet Pflanzen, auf die es gesprüht wird, der Kauf des US-Agrarriesen ist Gift für die Bilanz von Bayer. Sein Vorstand hat offenbar die Risiken, die er damit eingekauft hat, systematisch unterschätzt. Der Umsatzbringer Glyphosat ist auch in Europa umstritten – die EU ist auf Ausstiegskurs, die Zulassung wurde Ende 2017 nur um fünf und nicht um 15 Jahre verlängert. Und das Mittel ist nur ein Teil des Geschäftsmodells, das Monsanto über Jahrzehnte verfolgt hat.

Das US-Unternehmen war auch Pionier bei gentechnisch veränderten Nutzpflanzen, die in Europa und anderen Teilen der Welt von Vielen abgelehnt werden. Noch stärker als Bayer setzte Monsanto auf industrialisierte Landwirtschaft – eine zumindest einseitige Strategie in einer Welt, die die Risiken der Zerstörung von Natur und Umwelt immer weniger hinzunehmen bereit ist.

Börsenwert sank direkt nach dem Urteil

In der Firmenzentrale in Leverkusen wird jetzt das große Rechnen beginnen: Wie viel könnten Niederlagen in Prozessen letztlich kosten und wie können diese Summen dann aufgebracht werden? Sparprogramme, Stellenabbau, der Verkauf von Unternehmensteilen, der Verzicht auf Investitionen in Forschung und Entwicklung - all das ist möglich und vielleicht auch nötig. Bayer wollte mit der Übernahme eine kritische Masse gewinnen, am Ende könnte die Firma kleiner da stehen also zuvor. Der Börsenwert sank heute nach Bekanntwerden der Entscheidung aus San Francisco rasend schnell um acht Milliarden Euro – die Anleger machen sich also auf einiges gefasst.

Noch wissen wir nicht, wie das Urteil ausfallen wird. Schadensersatz wird nur dann fällig, wenn die Jury auch zu der Ansicht kommt, dass Monsanto damals seine Pflichten gegenüber dem Kläger verletzt hat und damit für den Schaden haftet, etwa durch Verharmlosung von vorhandenen Gefahren. Doch es geht längst um mehr. Und das Leverkusener Unternehmen muss sich die Frage stellen, warum es anders als viele Kritiker, die Gefahren nicht hat kommen sehen, die mit der Übernahme von Monsanto verbunden waren.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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