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StartseiteInterviewBayer "hätte Gefahren sehen können"14.05.2019

Glyphosat-KlagenBayer "hätte Gefahren sehen können"

Der Agrarchemiekonzern Bayer verliert erneut vor Gericht im US-Glyphosat-Prozess. Wenn das so weitergehe, sehe er die "Bayer AG insgesamt bedroht", sagte der Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Klaus Nieding, im Dlf. Der Fall Monsanto könne zu Schadenersatzansprüchen führen.

Klaus Nieding im Gespräch mit Christoph Heinemann

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Ein Kunde greift in einem Laden in San Rafael, Kalifornien, zu einem Behälter mit dem glyphosathaltigen Mittel Round up, das von Monsanto hergestellt wird. (AFP/JOSH EDELSON)
Ein Kunde greift in einem Laden in San Rafael, Kalifornien, zu einem Behälter mit dem glyphosathaltigen Mittel Round up, das von Monsanto hergestellt wird. (AFP/JOSH EDELSON)
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Christoph Heinemann: Am Telefon ist der Fachanwalt für Wirtschafts- und Finanzfragen, Klaus Nieding. Er ist Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Guten Tag!

Klaus Nieding: Ich grüße Sie, Herr Heinemann.

Heinemann: Herr Nieding, haben Sie verstanden, warum Bayer Monsanto gekauft hat?

Nieding: Nein! Diese Frage muss man wirklich stellen: Warum ist diese Unternehmensübernahme erfolgt? Zumal ja auf den letzten Metern der Unternehmensübernahme bereits die Probleme bei Monsanto bekannt waren und aus unserer Sicht auch durchaus hätten dazu führen müssen, dass der Vorstand die Reißleine zieht.

Heinemann: Herr Nieding, Sie sind Fachmann. Welchen Reim machen Sie sich darauf?

Nieding: Na ja. Man hat manchmal so den Eindruck, dass Unternehmen Übernahmen durchführen um der Übernahme willen. Denn ich sage mal, man hat das ja auch in anderem Zusammenhang etwa bei der Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank gesehen. Da laufen dann solche Projekte und werden dann trotz entgegenstehender Argumente nicht angehalten - möglicherweise nach dem Motto "Augen zu und durch".

Heinemann: Aber irgendjemand in Leverkusen hätte doch mal rechnen müssen.

Nieding: Ja, man hätte rechnen müssen und können, und man hätte auch die Gefahren sehen können. Und ich bin mir sicher, dass auch an der einen oder anderen Stelle in dem Konzern diese Dinge entsprechend thematisiert worden sind. Ich bin ungern Prophet in solchen Dingen, aber ich sage mal voraus, dass der Fall Bayer-Monsanto, wenn er sich denn weiter negativ entwickelt, sicherlich auch ein Thema für Sonderprüfungen nach Aktienrecht und auch mögliche Schadenersatzansprüche der Aktionäre sein wird.

"... dann kriegt Bayer ganz ernsthafte Probleme"

Heinemann: Der Aktienkurs kennt zurzeit nur eine Richtung. Droht der Bayer-Konzern zum Übernahmekandidaten zu werden?

Nieding: Das ist so lange natürlich nicht der Fall, wie die Giftpille der Monsanto-Schadenersatzklagen in den USA da ist. In dem Moment, wo das möglicherweise mal vom Tisch ist, wo vielleicht eine zweite Instanz die Urteile der ersten Instanz kassiert, kann ich mir das durchaus vorstellen. Aber in der momentanen Situation wird kein Übernehmer so dumm sein, dieses Unternehmen anzufassen, denn Sie müssen ja immer davon ausgehen, dass weitere Klagen erfolgen.

Wir müssen ja sehen: Hier findet kein Sammelklage-Verfahren statt, keine Class Action nach amerikanischem Recht, sondern das sind alles Einzelklagen, und wenn, ich sage mal, solche Urteile kommen, wie wir sie jetzt gesehen haben, mit knapp zwei Milliarden Schadenersatz-Zahlungen, das lockt natürlich viele, viele Kläger hinter dem Ofen hervor.

Heinemann: Welche Folgen für die Arbeitsplätze bei Bayer erwarten Sie?

Nieding: Wenn das so weitergeht, sehe ich die Bayer AG insgesamt bedroht. Das ist nichts, was Bayer mal eben so wegsteckt. Wenn Sie sich den Verschuldungsgrad des Unternehmens und des Konzerns anschauen, wenn Sie sich die finanzielle Situation ansehen, haben wir da eine andere Ausgangssituation, als dies beispielsweise bei Volkswagen der Fall ist im Zusammenhang mit dem Dieselskandal. Wenn das richtig in die Hose geht, um es mal etwas salopp auszudrücken, mit Monsanto, dann kriegt Bayer ganz ernsthafte Probleme, und was das dann für die Arbeitsplätze bedeutet, brauche ich nicht weiter auszuführen.

Heinemann: Welchen Schaden nimmt das Ansehen des Unternehmens?

Nieding: Das Unternehmen hat jetzt schon einen Image-Schaden, und wenn weitere Urteile kommen, wird der sich natürlich noch vergrößern. Das schlägt sich dann letztendlich natürlich auch auf den Aktienkurs nieder und möglicherweise auch auf die Motivation der Beschäftigten. Das darf man ja auch nicht am langen Ende vergessen.

Heinemann: Wie könnte sich dieser Image-Verlust sonst für Bayer auswirken?

Nieding: Insgesamt negativ. Klar ist, wir müssen davon ausgehen, dass auch möglicherweise andere Geschäfte davon betroffen sein werden, als mögliche Geschäftspartner dann sehr, sehr vorsichtig werden, ist Bayer da überhaupt noch, sagen wir mal, der Geschäftspartner, der Bayer früher mal war. Das sind alles Fragen, die sich natürlich Vertragspartner stellen.

Wenn Kläger "wie Pilze aus dem Boden schießen"

Heinemann: Und doch sagt Werner Baumann - Sie haben das eben mitgehört -, die Übernahme war der richtige Schritt für Bayer. Wie hoch ist der Haftungs-Koeffizient, der den Bayer-Chef noch mit seinem Stuhl verbindet?

Nieding: Na ja. Bayer ist ja nicht Henkel und da wird ja nicht Pattex hergestellt. Aber klar ist, dass Herr Baumann natürlich nichts anderes sagen kann im Moment. Was soll er denn großartig in der Hauptversammlung sagen? Soll er sagen, ja, das war ein Fehler? Ich sage mal, dann kann er sogar seine D&O-Versicherung vergessen, die natürlich nur dann zahlt, wenn wir hier tatsächlich über Dinge reden, die nicht sofort eingeräumt werden. Und klar ist auch, das ist das Pfeifen im Walde. Man wartet jetzt ab, wie die weiteren Gerichtsentscheidungen in den USA sein werden. Man hofft auf eine zweite Instanz. Aber wenn da die Urteile aus der ersten Instanz bestätigt werden, dann gute Nacht, Marie.

Heinemann: Was raten Sie oder worauf müssen Anlegerinnen und Anleger achten, diejenigen, die Bayer-Aktien halten?

Nieding: Ja, die müssen sich darauf einstellen, dass der Kurs weiter belastet sein wird, und mit jedem negativen Urteil wird, ich sage mal, der Aktienkurs weiter runtergehen. Und man muss ja eines sehen: Da das alles Einzelklagen sind, wird Bayer ja auch nicht in der Lage sein, sich irgendwo zu vergleichen. Die können sich nicht mit dem einen oder anderen Kläger vergleichen, weil das keine Wirkung für und gegen alle anderen Kläger hat. Da werden dann erst richtig die Kläger wie Pilze aus dem Boden schießen und dann gerät das Unternehmen erst richtig unter Druck.

Heinemann: Wie könnte Monsanto für Bayer doch noch zur Erfolgsgeschichte werden?

Nieding: Aus meiner Sicht nur, indem, ich sage mal, die Urteile der ersten Instanz dann in einer zweiten Instanz nicht halten und kassiert werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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