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StartseiteKommentare und Themen der WocheBayer muss raus aus der Wagenburg18.05.2019

Glyphosat-UrteileBayer muss raus aus der Wagenburg

Mit der Übernahme von Monsanto hat sich Bayer in eine Existenzkrise manövriert, die das Traditionsunternehmen in den Abgrund reißen kann, kommentiert Georg Ehring. Ein „weiter so“ ist keine Lösung. Der Konzern braucht einen radikalen Neuanfang mit einer neuen Spitze.

Von Georg Ehring

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Das Bild zeigt das Bayer-Werk in Leverkusen im August 2016. Die Anlage ist beleuchtet, denn es ist Abend. (dpa-Bildfunk / Oliver Berg)
Der Börsenwert des Konzerns hat sich seit der Ankündigung der Übernahme von Monsanto halbiert (dpa-Bildfunk / Oliver Berg)
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www.hier-sind-die-fakten.de. Wer einer Webseite so einen Namen gibt, wähnt sich im Besitz der Wahrheit. Das Publikum soll sie schlucken, Zweifel sind nicht vorgesehen. Eine Kommentarfunktion hat die Seite auch nicht, der Nutzer kann lediglich Fragen stellen. Fragen etwa zur Sicherheit von Glyphosat, denn das Pestizid ist das Thema der Webseite, betrieben wird sie vom Bayer-Konzern.

Vielleicht ist es diese Selbstgewissheit, die Bayer jetzt in Existenznot bringt: Der Vorstand war geblendet von Zahlen und Größenvorteilen, die die Übernahme von Monsanto in einem rosigen Licht erscheinen ließen. Einwände wurden beiseite gewischt, Kritiker als kleinliche Bedenkenträger abgekanzelt. Die Manager in Leverkusen waren offenbar blind für die Risiken – doch mehr als 13.000 Klagen aus den USA wegen Schäden durch Glyphosat sind ein großes Risiko.

Die Kläger fordern Schadensersatz, weil sie intensiven Kontakt mit Glyphosat hatten und darin die Ursache ihrer Leiden sehen. Nun bekommen die ersten von ihnen in erster Instanz Recht. Die Richter bejahen einen Zusammenhang zwischen der Anwendung des Totalherbizids und den Krebserkrankungen und urteilen auf Schadensersatz in Millionen- und sogar Milliardenhöhe. Bayer hat dieses Risiko beim Kauf von Monsanto mit erworben und nicht ernst genommen.

Verdachtsmomente gegen Monsanto bestätigen sich

Als Bayer vor mehr als drei Jahren die Übernahme von Monsanto ankündigte, setzte die Firma sich über viele Bedenken hinweg: Monsanto, das sei ein aggressiver Konzern mit Produkten, die gefährlich für Mensch und Umwelt sind, warnten Nichtregierungsorganisation und Umweltschützer. Ein Unternehmen, das auf gentechnisch veränderte Pflanzen Patente anmeldet und Detektive losschickt, um selbst kleine Bauern zu verklagen. Nun bestätigen sich viele Verdachtsmomente.

Wie ein Geheimdienst führte Monsanto in Europa Dossiers über Journalisten und auch Politiker, über ihre Haltung und über private Hobbies. Die Firma sah die Medien anscheinend als Schlachtfeld an, auf dem es Deutungshoheit zu gewinnen gelte. Man darf gespannt sein, was noch ans Licht kommt.

Radikaler Neuanfang ist nötig

Selbst die verweigerte Entlastung des Bayer-Vorstands durch die Aktionäre hat anscheinend nichts geändert. Vorstand und Aufsichtsrat bei Bayer leben noch immer wie in einer Wagenburg, immun gegen alle Kritik, allein die eigenen Fakten zählen. Sie hören auch nicht auf die Börse. Die berücksichtigt nämlich die Altlasten, der Börsenwert hat sich seit der Ankündigung der Übernahme halbiert. Das Leverkusener Traditionsunternehmen hat sich in eine Existenzkrise manövriert, die den gesamten Konzern in den Abgrund reißen kann.

Ein "weiter so" ist keine Lösung. Wenn in der Krise eine Chance liegen soll, dann braucht das Unternehmen einen radikalen Neuanfang mit einer neuen Spitze. Bisher beschränkt sich die Veränderung auf die PR-Abteilung, die seit Jahresanfang von dem ehemaligen Grünen-Politiker Matthias Berninger geleitet wird. Die Haltung zu Glyphosat ist geblieben, nur mehr Rücksicht auf die Natur wird versprochen – doch das sind erst einmal nur Ankündigungen.

Bayer wird auch künftig gebraucht

Neben einer neuen Führung braucht Bayer auch eine neue Strategie in der Agrarsparte.

In einem hat das Unternehmen allerdings Recht: Öko-Landwirtschaft allein kann die Welt nicht ernähren. Intensiver Anbau muss große Mengen an Lebensmitteln liefern – gerade deshalb muss die Unschädlichkeit der Produkte für den Menschen gesichert sein, und auch für Tiere und Pflanzen. Bayer mit seinen Produkten und Knowhow wird auch künftig gebraucht. Aber nur, wenn das Unternehmen aus der verfehlten Übernahme Konsequenzen zieht.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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