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StartseiteUmwelt und VerbraucherImker fühlen sich im Stich gelassen30.01.2020

Glyphosatbelastung von HonigImker fühlen sich im Stich gelassen

Glyphosat im Bier, Glyphosat im Brot: Das umstrittene Herbizid wurde schon in vielen Lebensmitteln gefunden, wo es nicht hineingehört - auch im Honig. Vier Tonnen eines Imkerbetriebs mussten vor kurzem erst vernichtet werden. Seitdem steht das Landwirtschaftsministerium in der Kritik.

Von Daniela Siebert

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DEU, Deutschland, Baden-Württemberg, Stuttgart, 24.04.2019 - Imker mit Smoker (Rauchapparat) überprüft Honigwaben eines Bienenvolkes. *** DEU Germany Baden Württemberg Stuttgart 24 04 2019 Beekeeper with smoker smoker checks honeycomb of a colony of bees (imago | Arnulf Hettrich Imkern)
Imker überprüft Honigwaben eines Bienenvolkes (imago | Arnulf Hettrich Imkern)
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"Ein Schlag ins Gesicht der Betroffenen" so die Aurelia-Stiftung vor ein paar Tagen wörtlich in ihrer Pressemitteilung. Die kleine Berliner Organisation zum Schutz der Bienen empört sich darin über das Verhalten des Bundeslandwirtschaftsministeriums und der Ministerin Julia Klöckner. Sie lasse, so die Schlagzeile, "Imker und Bienen bei Glyphosatbelastungen von Honig im Stich". Thomas Radetzki, Vorstand der Aurelia-Stiftung:
 
"Weil sie keinen Schutz schafft, der leicht möglich wäre. Wir erwarten vom Ministerium auch für diese Saison jetzt, dass ein Verbot der Anwendung von Glyphosat in blühende Pflanzenbestände erfolgt. Und bisher tut das Ministerium so, als wenn kein Handlungsbedarf sei."

Honigproduktion für den Müll

Wenige Tage zuvor hatte ein Fall aus Brandenburg – mit Hilfe von Aurelia - Schlagzeilen gemacht, weil bei einer dortigen Imkerei in großem Umfang im Honig Glyphosat oberhalb des Grenzwertes festgestellt worden war. Er darf nicht verkauft und verzehrt werden. In einer öffentlichkeitswirksamen Aktion hatten die Imker den entsprechenden Honig dem Ministerium auf die Eingangstreppe gekippt. Eine Stellungnahme aus dem Landwirtschaftsministerium spach in diesem Zusammenhang von bedauerlichen Einzelfällen. Radetzki ärgert das, er spricht von Regelfällen.

"Zu der Aussage komme ich als Imker, weil wir wissen: Wenn irgendwo was blüht, sind die Bienen da, trinken den Nektar und wenn behandelt worden ist, ist das selbstverständlich auch im Honig."

Wo gemessen wird, wird auch eine Belastung gefunden

Radetzki stützt diese Aussage auch auf Messungen aus Niedersachsen und Brandenburg. Werte aus dem gesamten Bundesgebiet liegen ihm nicht vor.

"Wir haben aus Niedersachsen Daten, dass drei Prozent der Honige über dem Grenzwert mit Glyphosat belastet sind, und wenn wir diesen Prozentsatz umrechnen auf Brandenburg, sind 30.000 Kilo Honig belastet. Wir haben keinen Anlass davon auszugehen, dass in anderen Ländern eine geringere Glyphosat-Belastung in Honig auftritt."

Dieser Schluss ist allerdings durchaus umstritten. Torsten Ellmann, Präsident des Deutschen Imkerbundes.

"Solange ich keine amtlichen oder wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse vorliegen habe, kann ich auch nicht sagen, ob es mehr Fälle sind oder weniger."

Ziel: Kein Glyphosat auf blühende Bestände

Fakt ist: Flächendeckende Erkenntnisse über Glyphosatbelastungen hat niemand. Denn Honig wird in Deutschland nicht systematisch untersucht.
Einig sind sich Thomas Radetzki und Torsten Ellmann, dass das derzeit erlaubte Besprühen von Blüten mit Glyphosathaltigen Mitteln ein Problem ist.

"Das muss verboten sein. Jeder Landwirt ist aufgerufen, nicht in blühende Bestände zu spritzen, weil er einfach auch Lebensräume vernichtet, für Wildbestäuberinsekten, für Honigbienen - blühende Bestände müssen für einen Landwirt tabu sein. Es muss unser Ziel sein, dass blühende Bestände durch die Bespritzung von Glyphosat und anderen Pflanzenschutzmittel ausgeschlossen werden."

Im aktuellen Brandenburger Fall hält Thomas Radetzki den Einsatz von Glyphosat gegen Löwenzahn auf einem Feld mit Luzerne-Gras für ursächlich. Außerdem den Einsatz kurz vor der Ernte auf einem Getreidefeld.

Bundeslandwirtschaftsministerium spricht von Einzelfällen

Das Bundeslandwirtschaftsministerium wollte uns keinen Interviewpartner zum Thema stellen. Stattdessen verweist es auf das eigene Statement vom 15. Januar. Zitat:

"Bei den bislang aus Brandenburg bekannten Höchstgehaltsüberschreitungen von Glyphosat in Honig, die über den geltenden EU-Grenzwert hinausgehen, handelt es sich um Einzelfälle, von denen unter anderem ein Biolandimkerpaar betroffen ist. Der betroffene Honig ist nachweislich nicht verkehrsfähig. Als Ministerium bedauern wir das sehr."

Ob sich der Landwirt, der hier für die Glyphosat-Verunreinigung verantwortlich ist, nicht entsprechend der guten fachlichen Praxis verhalten hat, muss von den Behörden vor Ort lückenlos aufgeklärt werden. "

Auf Nachfrage betonte das Ministerium, man wolle zeitnah weitere Beschränkungen für die Glyphosatanwendung einführen, darunter ein vollständiges Verbot der sogenannten Sikkation, einer Anwendung kurz vor der Ernte. Die weitergehenden Verbotspläne listen aber nicht den geforderten Schutz von Blüten auf. Immerhin: Für Ende 2023 sei das völlige Aus für Glyphosat in Deutschland geplant.

Landwirte und Imker sollen sich im Vorfeld austauschen

Annette Seehaus-Arnold vom Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbund findet die Einstufung des Glyphosatproblems als Einzelfälle respektlos vom Ministerium, das Problem werde kleingeredet.

Torsten Ellmann vom Deutschen Imkerbund, der nach eigenen Angaben drei Viertel der Deutschen Imker vertritt, setzt dagegen Hoffnungen auf einen kooperativen Weg mit dem Ministerium, man fühle sich nicht im Stich gelassen.

"Mir hat die Bundesministerin auf der "Grünen Woche" eindeutig gesagt, dass sie das Problem geklärt haben möchte, dass sie da unsere Unterstützung haben möchte. Wir müssen jetzt einfach gucken, dass wir sach- und fachbezogen die Argumente austauschen, wenn alle alles angeblich richtig gemacht haben, warum haben wir solche Problematik!? Es darf nicht sein, dass wir keinen verkehrsfähigen Honig dann produzieren, wenn alle alles richtig machen."

Auch sonst setzt Ellmann auf den Dialog: Landwirte und Imker sollten sich im Vorhinein austauschen, wo welche Bienenvölker stehen und welche Einsätze von Pflanzenschutzmitteln geplant sind.

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