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StartseiteCampus & KarriereAufarbeitung der NS-Vergangenheit gefordert05.07.2018

Goethe-Universität Frankfurt Aufarbeitung der NS-Vergangenheit gefordert

Immer wieder gibt es an Hochschulen Streit um Ehrungen von historisch umstrittene Personen. An der Goethe-Universität Frankfurt fordern nun Studierende, dass eine Ehrung für den Industriellen Adolf Messer gestoppt wird. Denn Messer war NSDAP-Mitglied und beschäftigte in seinem Unternehmen Zwangsarbeiter.

Von Ludger Fittkau

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Die Universität in Frankfurt am Main (picture-alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Die Universität in Frankfurt am Main steht in der Kritik (picture-alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
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Es geht um eine sogenannte "Denk- und Lernfabrik" auf dem Uni-Campus Riedberg der Goethe-Uni. Dort sind vor allem die MINT-Fächer untergebracht. Vor einigen Jahren hat die Adolf-Messer-Stiftung am Riedberg den großzügigen Raum mitfinanziert, damit sich dort Studierende, Doktoranden und Professoren der MINT-Fächer austauschen können. Der Raum heißt heute "Adolf-Messer-Stiftung-Lounge". Damit wird ein hessischer Industrieller geehrt, der NSDAP-Mitglied war und Zwangsarbeiter ausgebeutet hat, kritisiert Neval Jalschin vom AStA der Goethe-Uni Frankfurt am Main:

"Außerdem geht es nicht darum, wie oft thematisiert, ob Adolf Messer nun ein Mitläufer oder ein Obernazi war. Klar ist für uns, jemand mit einer solchen Vergangenheit, der auch im Nationalsozialismus profitiert hat, ist nicht ehrungswürdig für einen Raum. Egal oder Obernazi oder nicht."

Genauso sieht das Sybille Steinbacher. Die Historikerin ist Inhaberin der Holocaust-Professur an der Goethe-Uni in Frankfurt am Main und Direktorin des renommierten Fritz-Bauer-Institutes. Sie erforscht mit ihrem Team zurzeit die NS-Geschichte der Universität:

"Ich halte es für sehr unklug, dass nach Messer dieser Raum benannt worden ist. Man braucht da gar nicht so tief einsteigen in die Firmengeschichte. Sondern der Umstand, dass Messer sich angepasst hat an das NS-Regime, dass er die Expansionschancen, die ihm das Regime geboten hat, genutzt hat, dass er Zwangsarbeiter beschäftigt hat. Allein diese Fakten reichen schon, um daraus den Schluss zu ziehen, nach so jemandem benennt man keinen Raum."

Umstrittene Stiftung mit dem Namen eines NSDAP-Mitglieds

Gemeinsam mit Sybille Steinbacher saß nun die Frankfurter Uni-Präsidentin Birgitta Wolff auf dem Podium einer gut besuchten Veranstaltung des AStA der Goethe-Uni, bei der das Thema diskutiert wurde. Birgitta Wolff argumentierte, dass Präsidium sitze in dieser Angelegenheit zwischen zwei Stühlen. Auf dem einen Stuhl sitzt der Senat der Uni, der eine Umbenennung des Lernzentrums fordert. Auf dem anderen Stuhl sitze die "Adolf-Messer-Stiftung", die vor einigen Jahrzehnten zum Gedenken an den umstrittenen Industriellen Adolf Messer gegründet wurde und die der Goethe-Uni bereits mehr als acht Millionen Euro gestiftet habe. Auf die Frage, ob sie sicher sei, dass der Raum in zwei Jahren einen anderen Namen habe, antwortet Birgitta Wolff am Rande der Podiumsdiskussion:

"Ich bin keine Hellseherin, ich weiß es nicht."

Neval Jalschin vom AStA der Goethe-Uni Frankfurt am Main reicht diese Aussage bei weitem nicht:

"Sie ist keine Hellseherin - das zeugt davon, dass sie sich in einer ohnmächtigen Situation befindet. Was nur daran liegen kann, das eben die Stifter*innen zu viel Einfluss haben, denn was die Universitäts-Mitglieder*innen wollen, ist durch die Abstimmung des Senats ganz eindeutig."

Uni-Präsidentin Birgitta Wolff sieht die wichtige Rolle von industriellen Stiftungen als Co-Finanzier der Goethe-Uni vor dem Hintergrund der Unterfinanzierung mit öffentlichen Mitteln. Auch die historische Forschung und Archivarbeit leide darunter, beklagt Wolff:

"Das ist schon sehr bedauerlich, denn wir haben einfach als Universität genau wie die anderen hessischen Hochschulen einfach nicht die Spielräume, ein Grundbudget aus eigener Kraft zu machen. Das Paradigma der Hochschulfinanzierung hat sich ja in den vergangenen 15 Jahren komplett gewandelt.
Eben weg von der Dauerfinanzierung zu zeitlich befristeter Projektfinanzierung – auch bei der Aufarbeitung der NS-Geschichte der Goethe-Universität."

Mit solchen Finanzierungs-Problemen hat auch die TU Darmstadt zu kämpfen. Auch in Darmstadt beobachtet man die Diskussion um Adolf Messer in der Nachbarstadt sehr genau, so Uni-Sprecher Jörg Feuck. Denn hier wird regelmäßig ein "Messer-Preis" für wissenschaftliche Forschung vergeben - ebenfalls finanziert durch die "Adolf-Messer-Stiftung". Die TU werde sich nun umfangreiche Informationen zu Adolf Messer beschaffen und gegebenenfalls auch den Messer-Preis neu bewerten, so der Sprecher der Technischen Universität.

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