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StartseiteKultur heuteKein nennenswerter Impuls24.01.2015

"Golden Hours" von de KeersmaekerKein nennenswerter Impuls

Ein Song aus dem Album "Another green world" von Brian Eno trägt den Titel, den Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker zum Titel ihres Tanzstücks in Brüssel gemacht hat: "Golden hours" – die goldenen Stunden bezeichnen die Zeit des Sonnenuntergangs. Doch was so zwischen Dämmerung und Dunkelheit geschah, sorgte eher für Unmut.

Von Wiebke Hüster

Aufgenommen am 12.04.2007 (picture alliance / dpa / belga Herwig Vergult)
Die belgische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker (picture alliance / dpa / belga Herwig Vergult)

Wir haben uns daran gewöhnt, Popmusik wie Kunstwerke zu betrachten. Und das Vergnügen daran, Songs anzuhören mit hermeneutischer Andacht wird noch erhöht dadurch, dass wir nicht wissen, wie schnell wir ein bestimmtes Album wieder vergessen haben werden oder nicht mehr mögen.

Popmusik gibt uns das Gefühl, unser Leben stärker zu spüren und genauer zu wissen, was die Gegenwart ausmacht. 20 Jahre später kann das sehr merkwürdige Empfindungen auslösen. Das fand ich mal gut? O Gott. Und möchte ich wirklich an das erinnert werden, was los war, als ich diese Musik hörte?

Um so großartiger, wenn man Musik der Vergangenheit wiederhört und diese auf neue Weise fantastisch findet - und ganz und gar nicht veraltet. Das ist, als würde man ein Stück seiner Identität wiedergewinnen. Genau um diese Fragen eines vergangenen und erneut gegenwärtig gemachten Lebensgefühls hätte es Anne Teresa de Keersmaeker gehen können in ihrem neuen Stück "Golden Hours" zu drei Songs aus Brian Enos Album "Another Green World" von 1975.

Vier Mal nacheinander das gleiche Lied

Keersmaeker feiert die Unvergänglichkeit des schönsten Stücks aus dem Album, indem sie zu Beginn ihres zweieinhalbstündigen Abends "Golden Hours" vier Mal hinter einander laufen lässt. Lange bleibt die leere Bühne dabei in einem schwarz schimmernden Halbdunkel liegen, einzig beleuchtet von einer laufstegartigen Konstruktion mit Neonröhren, die über der Szene schwebt. Dann treten die elf Tänzer in coolen Sneakers, schwarzen Leggings und bunten Oberteilen hinzu und schreiten als Gruppe in Zeitlupe auf das Publikum zu und wieder von ihm fort.

Melancholie, vermischt mit einer leichtfüßigen, ironischen und vor Pop-Selbstbewusstsein strahlenden Poesie verströmen Brian Enos-Verse und Melodien. Aber anstatt sich dem mit der ihr eigenen spröden, minimalistischen Ernsthaftigkeit hinzugeben, verschenkt de Keersmaeker die Chance. Ihr Ensemble, vier Männer und sieben Frauen, alle so jung, dass sie Kinder der 54-jährigen Choreografin sein könnten, richtet sich in einem überheblich präsentierten Manierismus ein. Getanzt wird mit verschlossenen Gesichtern und einer bedeutungsvoll dargebotenen Nachlässigkeit.

Um die Verwirrung vollständig zu machen, werden links und rechts des Portals Texte aus Shakespeare's Komödie "Wie es euch gefällt" projiziert. Ein Tänzer mit schulterlangen Locken verkörpert Shakespeare's Heldin Rosalind. Der Tanz – bei dem sich die Tänzer mit den Blicken festhalten – entwickelt niemals einen eigenen Fluss. Halb gestische, niemals ganz verständliche Phrasen werden mit Blick auf den Partner vorgetragen wie Sätze. Das gibt dem Stück etwas unfreiwillig komisch Stummfilmhaftes.

Keine neuen Impulse

Aber um die Verhandlungen um Macht und Liebe, Geschlecht und Sexualität zu reflektieren, die bei Shakespeare so geistreich und kurzweilig geführt werden, ist Keersmaekers Geschehen zu matt, zu repetitiv. Das Stück bleibt blass, der Tanz fügt weder der Musik noch Shakespeare's Text etwas Nennenswertes hinzu, umgekehrt scheinen Text und Komposition auch den Tanz nicht mit neuen Impulsen zu versorgen.

Brian Enos Album "Another Green World" meint eine zweite Welt irgendwo im Universum, die genauso wie die Erde aussieht. Oder anders gesagt, man kann noch so weit reisen in der Imagination und findet doch immer wieder nur sich selbst. Manche Künstler bestreiten daraus ein ganzes schöpferisches Leben. Anne Teresa de Keersmaeker's Choreografie wirkt nur, als sei sie vor sich selbst auf der Flucht.

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