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StartseiteDie neue PlatteSonnige Momente13.05.2021

Goldner String Quartet und Piers LaneSonnige Momente

Dem Goldner String Quartet eilt der Ruf voraus, das beste Streichquartett Australiens zu sein. In perfekter Symbiose mit dem Pianisten Piers Lane beweist es sein Können, in der Aufnahme zweier Quintette von Fréderic d'Erlanger und Thomas Dunhill.

Am Mikrofon: Johannes Jansen

Ein Mann steht in einem Zimmer mit Holzbalken, er lehnt sich an eine Holzsäule (Keith Saunders)
Stammt ebenfalls wie das Goldner String Quartet aus Australien: Pianist Piers Lane. (Keith Saunders)
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Leben und Werk sind den einschlägigen Musik-Enzyklopädien höchstens zwanzig Zeilen wert, obwohl Frédéric d'Erlanger und Thomas Dunhill zu ihrer Zeit durchaus anerkannte Komponisten waren. Ihr Schwerpunkt lag auf dem Gebiet des Musiktheaters. Einen kleinen, aber keineswegs unbedeutenden Schaffensausschnitt beleuchtet nun die Einspielung zweier Klavierquintette mit dem Pianisten Piers Lane und dem Goldner String Quartet.

Musik: Frédéric d’Erlanger - Klavierquintett, I. Allegro moderato

Genialer Geschäftssinn und musikalische Hochbegabung schließen sich nicht aus. Der amerikanische Komponist Charles Ives zum Beispiel gründete eine erfolgreiche Versicherungsgesellschaft. Frédéric d'Erlanger – für seine Freunde "Baron Freddy" – leitete die Niederlassung eines Bankhauses seiner Familie, die mit Eisenbahn- und Stahlbaronen ebenso Geschäfte machte wie mit echten Königshäusern. Aber sein Herz schlug für die Musik. Das zeigt sich auch im Vergleich seines Klavierquintetts mit demjenigen des Zeitgenossen Thomas Dunhill - kein Großbankier, sondern "nur" Komponist. Macht es einen Unterschied?

Musik: Frédéric d'Erlanger - Klavierquintett, I. Allegro moderato

Dilettantismus klingt anders. Wenn d'Erlanger Dilettant war, dann im eigentlichen Sinne: kein Nichtskönner, sondern ein Künstler aus Passion, der sich um seinen Lebensunterhalt nicht sorgen musste.

Vorliebe für mehrdeutige Musik

Ursprünglich hieß er Friedrich Alfred Freiherr von Erlanger. Er war deutsch-amerikanischer Abstammung und wurde 1868 in Paris geboren. In London ist er 1943 gestorben. In seinem Klavierquintett begegnet uns erstaunlich gediegenes Kompositionshandwerk mit einer Vorliebe für harmonisch mehrdeutige Klänge und variantenreiche Metren; der Klaviersatz verrät den versierten Pianisten. Stilistisch bewegt es sich im Spektrum der Belle Époque mit dezent modernistischen Tupfern. Stets schwenkt die Musik nach kurzen Scheinattacken wieder in ohrenfreundlich elegante Bahnen ein - leicht plüschhaft allerdings im zweiten Satz.

Scherzo mit Sog-Wirkung

Das rhythmisch straffe Scherzo von Frédéric d’Erlanger rüttelt all jene wieder wach, denen im überausführlichen Andante schon das Gurkensandwich aus der Hand zu fallen drohte.

Musik: Frédéric d’Erlanger - Klavierquintett in c, III. Scherzo

Das Finale nähert sich in Gestus und Format wieder dem Kopfsatz an, wirkt aber nicht überdehnt, denn Piers Lane am Klavier und das Goldner-Quartett halten das komplikationsreiche Geschehen über zahlreiche Takt- und Tempowechsel hinweg im Fluss. Da zahlt sich die langjährige Erfahrung dieser Künstler aus, die kaum einen Winkel des Weltrepertoires unerforscht gelassen haben.

Musik: Frédéric d'Erlanger - Klavierquintett in c, IV. Finale

Den Ruf, das führende Streichquartett auf ihrem Kontinent zu sein, macht den Goldners niemand streitig - zwei australische Musikerpaare, die im vergangenen Jahr ihre silberne Ensemblehochzeit feiern konnten. Der Name des Quartetts ehrt Richard Goldner, den Bratscher, Erfinder und Gründer der Organisation Musica Viva Australia, die im Bereich der Musikvermittlung Down Under Bedeutendes geleistet hat.

Routine und Neugier

Aus Australien kommt auch der Pianist Piers Lane, der allerdings in London lebt. Mehr als ein halbes Dutzend Quintette haben sie schon zusammen eingespielt und damit manche Lücke im Schallplattenangebot geschlossen, auch wenn es im vorliegenden Fall Lücken waren, die kaum als solche wahrgenommen wurden.

Musik: Thomas Dunhill - Klavierquintett in c, II. Vivace assai, con fuoco

Ähnlich interessant, in der gleichen Tonart komponiert und auch stilistisch verwandt mit d'Erlangers Werk, ist das nur wenige Jahre später uraufgeführte, aber nie im Druck erschienene c-Moll-Klavierquintett von Thomas Dunhill.

Musik: Thomas Dunhill - Klavierquintett in c, II. Vivace assai, con fuoco

Der Brite Thomas Dunhill lebte von 1877 bis 1946. Er war ein Komponist, dessen vorzügliche Begabung auf dem Gebiet der eher leichten bis mittelschweren Muse lag, "so gesellig, vital und so englisch wie die South Downs an einem sonnigen Tag". Das CD-Booklet zitiert diese wohlwollend ironische, speziell auf Dunhills Kammermusik gemünzte Einschätzung der Zeitgenossin Marion Scott, die im gleichen Umfeld tätig war wie er.

Engagement für Komponistinnen

Dunhill setzte sich als Organisator von Konzerten für Scotts Vereinigung komponierender Frauen ein - damals keine Selbstverständlichkeit. Daneben lehrte er am Royal College of Music und nahm Prüfungen in Australien und Neuseeland ab. Als Verfasser von Musikaufsätzen und Büchern war er ebenfalls bekannt, darunter eines über Edward Elgar, die Übergestalt britischer Musik im frühen 20. Jahrhundert und auch für ihn gewiss ein Vorbild, obwohl er Schüler des Elgar-Opponenten Charles Villiers Stanford war.

Musik: Thomas Dunhill - Klavierquintett in c, III. Satz: "Elegie"

Die klangschönsten Sätze von Dunhills Quintett sind die beiden mittleren, zunächst das - in Umkehrung der konventionellen Satzfolge - feurige Scherzo mit einem anmutig tändelnden Mittelteil, wie eben gehört. Von der Substanz her könnte es, wäre es nur etwas länger, auch als Schlusssatz dienen.

Wohldosierter Zuckerguss

Dunkler timbriert mit dankbaren Aufgaben für Bratsche und Cello dann der ins Träumerische ausschweifende dritte Satz mit dem Titel "Elegie". Da legen auch die stets auf Schlankheit bedachten Goldners spürbar Schmelz in ihren Klang, ohne die Disziplin im Zusammenspiel zu lockern.

Musik: Thomas Dunhill - Klavierquintett in c, III. Satz: "Elegie" 

Wie sich die Streicher mit dem Klavier verbinden, sodass wirklich kein Blatt dazwischen passt, ist ein seltener Genuss und natürlich auch das Verdienst des Pianisten, der sich bei aller Anpassungsbereitschaft dennoch nie versteckt. Im Finale hebt er dann die Pranke und treibt die leicht angestrengt wirkenden Geigen vor sich her. Eine Cello-Kantilene bringt vorübergehend Ruhe, ehe sich alle in nochmals forciertem Tempo dem Ziel entgegenwerfen. Einige Metronomstriche weniger Prestissimo hätten allerdings auch gereicht.

Musik: Thomas Dunhill - Klavierquintett in c, IV. Allegro con brio – Prestissimo

Dem spätromantischen Klavierquintett in c-Moll op. 20 von Thomas Dunhill und einem Schwesterwerk des Zeitgenossen Frédéric d'Erlanger haben das Goldner String Quartet und der Pianist Piers Lane eine CD gewidmet, die beim Label Hyperion erschienen ist. Die Musik hält, was das Cover-Bild des Meer- und Landschaftsmalers Donald Maxwell verspricht: sonnige Momente.

Klavierquintette von Frédéric d'Erlanger und Thomas Dunhill
Piers Lane (Klavier)
Goldner String Quartet:
Dene Olding, Dimity Hall (Violinen)
Irina Morozova (Viola)
Julian Smiles (Violoncello) 
Label: Hyperion

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