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StartseiteKalenderblatt"Good evening, Ladies and Gentlemen"02.11.2005

"Good evening, Ladies and Gentlemen"

Vor 85 Jahren startete in Pittsburgh die erste regelmäßige Radiosendung der Welt

Bei der Erfindung des Sprechfunks dachte noch niemand daran, die Technologie auch für das Radio in seiner heutigen Form zu nutzen, sondern nur an den militärischen Signalfunk oder die drahtlose Telefonie. Von Anfang an aber zog die Radioübertragung das Interesse zahlreicher technikbegeisterter Bastler auf sich, die bald nicht nur Funksprüche, sondern auch Aufnahmen ihrer Schellackplatten in den Äther schickten. Die erste regelmäßige Radiosendung in den USA vor 85 Jahren markiert also auch über den Übergang vom Amateur- und Militärfunk zum Unterhaltungsmedium.

Von Ingo Kottkamp

Die goldene Zeit des Radios  (Deutschlandradio)
Die goldene Zeit des Radios (Deutschlandradio)

"Good evening, Ladies and Gentlemen of the radio audience. This is station KDKA Pittsburgh."

Viele amerikanische Mythen beginnen in Garagen: dem Ort, wo geniale Tüftler die Weltgeschichte in die Hand nehmen. Und wer die Historie des amerikanischen Radios personalisieren will, erzählt von Frank Conrads Garage. Dort legte der ehemalige Navy-Offizier und Mitarbeiter der Radio- und Telegrafenfirma Westinghouse seit Anfang 1920 Grammophonplatten auf, ließ einen seiner Söhne Klavier spielen und bat die benachbarten Funkamateure um Rückmeldung, wie gut der Empfang sei. Seine samstagabendlichen Plattenkonzerte wurden zum gesellschaftlichen Ereignis, und irgendwann kam zum Erfindergeist die zweite Zutat des amerikanischen Traums: die geniale Geschäftsidee. Sie bestand darin, dass Westinghouse billige Empfangsgeräte anbot, die einfach und nicht nur von Amateurfunkbastlern zu bedienen waren. Geworben wurde für die Empfänger in einer nun Abend für Abend aus Pittsburgh gesendeten Radioshow des von Conrad neu gegründeten Senders KDKA - zum ersten mal bei einer Liveübertragung der Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen Warren Harding gegen James Cox am 2. November 1920. KDKA steht übrigens für einen so genannten "Rufcode", wie er bis heute von der amerikanischen Telekommunikationsbehörde an Rundfunkstationen vergeben wird.

Conrad war aber nicht der einzige - neben KDKA nahmen um dieselbe Zeit auch andere Sender ihren regelmäßigen Betrieb auf. Zuvor hatte der Erste Weltkrieg die technische Entwicklung vorangetrieben - zu Kriegs- und nicht zu Unterhaltungszwecken. Was lange Zeit hauptsächlich für die Übermittlung kriegswichtiger Informationen per Morsecode, für die Rettung Schiffbrüchiger und allenfalls für die Verbreitung von Wetterberichten eingesetzt wurde, entdeckte man nun fürs Entertainment.

Die Pläne dafür lagen längst in den Schubladen. Fünf Jahre zuvor hatte der Ingenieur David Sarnoff in einer betriebsinternen Notiz der Marconi-Gesellschaft die Geschäftsidee einer preisgünstigen, flächendeckenden Unterhaltung formuliert, die zudem von Sponsoren finanziert werden sollte. Überall im Land begannen kleine Radiostationen die typisch amerikanische Mischung aus Unterhaltung und Geschäft zu pflegen. Ein Beispiel unter vielen: die Radioshow einer Dachdeckerfirma.

"This is the voice from the housetop. Brought to you by the courtesy of the Becker roof Company.

Hear the rain falling down upon the roof. And speaking of roofs: are you sure the next thriving rain won't crackle through your roof? Phone the Becker roofing company for a free inspection. "

Und nicht nur die Hersteller von Zahnpasta, Limonade und Frühstücksflocken nutzten das neue Medium in ihrem Sinne.

"Ladies and Gentlemen, the President of the United States. "

"I believe in the American constitution ... "

Klang 1924 die Antrittsrede des Präsidenten Calvin Coolidge noch recht blechern durch den Äther, so erwies sich später Franklin D. Roosevelt als souverän im Umgang mit dem neuen Medium Radio, das er in sogenannten Fireside chats, also Kamingesprächen, zum Sprachrohr seiner Politik machte.

"So may American democrazy succeed. You and I will do our part."

Amerikanisches Radio war von Anfang an das Radio der Lieblingssendungen, die sich zur festgesetzen Uhrzeit wiederholten und die einen durchs Leben begleiteten. Um 1930 galt es als unhöflich, zwischen 7 und 7.15h abends ein Telefonat zu führen. Man konnte nämlich fast sicher sein, dass der Angerufene in dieser Zeit die Amos and Andy Show hörte.

Für das heutige Ohr ist der gigantische Erfolg dieser Serie schwer nachzuvollziehen: zwei weiße Schauspieler imitieren den Slang von Schwarzen, die aus den Südstaaten nach Chicago gekommen sind und dort durch eine endlose Serie von Missgeschicken schliddern. In den 60er Jahren wurde Amos and Andy vom Fernsehen adaptiert - die goldene Zeit des Radios war vorbei. Doch die Serien, Jazzkonzerte, Shows und Moderatoren aus den Anfangsjahren sind bis heute stilbildend - was Frank Conrad und andere in ihren Garagen und improvisierten Studios begannen, prägt noch immer das Radio in der ganzen Welt.

"So I'm gonna say good night. Thanks for the use of your loudspeaker."

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