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StartseiteKalenderblattGott als großer Dienstherr09.12.2008

Gott als großer Dienstherr

Vor 400 Jahren wurde John Milton in London geboren

Anfang des 17. Jahrhunderts lebte William Shakespeare noch, seine Dramen begeisterten die Menschen wie heute. Doch das Goldene Zeitalter der englischen Königin Elisabeth war vorüber, am Horizont erschienen die Kämpfe um Kirche und Staat - parallel zu den Schrecken des 30jährigen Krieges auf dem Kontinent. In diese Zeit wuchs der Dichter John Milton hinein, sein größtes Werk "Das verlorene Paradies" kennt keine Menschen als Helden wie Shakespeare, sondern Gott und Teufel.

Von Christiane Wyrwa

Der Tower von London (Stock.XCHNG / Colin Cushman)
Der Tower von London (Stock.XCHNG / Colin Cushman)

"Ich will allen Fleiß und alle Kunst darin vereinen, meine Sprache auszuschmücken, damit ich das, was die größten Geister von Athen, Rom oder dem modernen Italien für ihr Land leisteten, als Christ für das meine leiste."

So selbstbewusst und entschieden bestimmte der junge John Milton seine zukünftige Aufgabe. Er wurde am 9. Dezember 1608 als Sohn eines musikliebenden Londoner Notars geboren, und seine Jugendzeit war ganz von Gelehrsamkeit und Poesie geprägt. Dann brach er zu einer langen Reise ins gelobte Land der großen Dichter auf, nach Italien. Doch 1639 trieben ihn Nachrichten aus der Heimat zurück nach London, wo für ihn eine neue Lebensphase begann.

Die Folgen der Reformation hatten überall in Europa zu erbitterten Kämpfen um den rechten Glauben geführt. In England hielten sich die radikalen Puritaner für das auserwählte Volk, die entschiedensten verließen die Heimat, segelten 1620 nach Amerika und gründeten dort ihren Gottesstaat. Die anderen kämpften im Londoner Parlament gegen die Macht von König und Bischöfen.

In Miltons religiöser Überzeugung war Gott sein großer Dienstherr "my great task-master", und dieser Gott forderte nun statt Dichtung wortgewaltige Reden für die puritanische Revolution. In einer flammenden Anklage gegen die Vorzensur ungedruckter Bücher schrieb Milton:

"Denn wer weiß nicht, dass die Wahrheit stark ist, nächst dem Allmächtigen. Sie braucht keine Finten, List oder Zensur zu ihrem Sieg. Das sind nur Ausflüchte und Abwehr, die der Irrtum gegen ihre Macht nutzt. Gebt ihr nur Raum und fesselt sie nicht."

Als 1642 der Bürgerkrieg ausbrach, standen die Royalisten gegen die Puritaner-Armee des Parlaments. Ihrem Anführer Oliver Cromwell gelang der Sieg, König Charles I. wurde angeklagt und im Januar 1649 hingerichtet. England wurde zum Commonwealth, und Milton, der für den Königsmord plädiert hatte, Minister in Cromwells Staatsrat.

Aber dann kam für Milton erneut eine Lebenswende: Der Rebell wurde wieder zum Dichter. Seine schon früh aufgetretene Sehschwäche verstärkte sich so, dass er völlig erblindete. Als nach Cromwells Tod 1660 mit Charles II. ein neuer König herrschte, hatte Milton noch 14 Jahre zu leben. Er schrieb noch drei große Werke, und das erste davon hat den außerordentlichen Ruhm begründet, den John Milton für lange Zeit in England und auf dem Kontinent genoss.

"Des Menschen erste Widersetzlichkeit
und jenes untersagten Baumes Frucht,
die dieser Welt durch sterblichen Genuss
den Tod gebracht und unser ganzes Leid,
mit Edens Fall bis größer als ein Mensch
uns wieder einzusetzen einer komme
und uns den Ort des Heils zurückgewinne,
besinge nun, himmlische Muse"


So beginnt das Epos "Das verlorene Paradies". Die Handlung setzt ein mit dem Höllensturz der rebellischen Engel, die von Gott abgefallen sind. Satan ist ein Machtprotz, der lieber Herrscher in der Hölle als Knecht im Himmel sein will. Er weckt die Hoffnung, in Gottes neu geschaffener Welt werde es neue Wesen geben, an denen er seine unerbittliche Rache vollzieht. Anfangs werden Adam und Eva von den Erzengeln im Garten "in the east of Eden" behütet. Erst im 9. Buch nimmt Satan die Gestalt der Schlange an und verführt Eva zur Frucht vom Baum der Erkenntnis. Aus Liebe zu ihr beißt Adam auch in den Apfel. Als ihnen die Sünde die Augen aufgehen lässt, sieht es so aus, als ob der Teufel triumphiere. Auch wenn Gott die reuevolle Bitte des Paares um Gnade erhört, ist das Paradies verloren. Doch am Ende entlässt der Engel mit dem Flammenschwert Adam und Eva aus den Pforten des Paradieses mit der Verheißung der Erlösung:

"Man muss nicht fromm sein, man muss es auch nicht werden, um sich glücklich den gewaltigen Rhythmen dieses wahrhaft glanzvollen Buchs hingeben zu können."

sagt der Literaturwissenschaftler Rolf Vollmann über "Das verlorene Paradies". Er trifft damit den Kern des wunderbaren Meisterwerks, denn heute berührt uns weniger die Theologie, sondern vor allem die barocke Macht und Pracht von Miltons Versen.

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