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StartseiteHintergrundGott und die Welt - Die Macht der Religionen30.12.2012

Gott und die Welt - Die Macht der Religionen

"Wegmarken", Teil 4 - Die christliche Perspektive: Religion und Moral - Der Tanz um das Goldene Kalb

Der Kapitalismus ist ins Gerede geraten. Gefordert wird deshalb mehr Wirtschaftsethik. Häufig richtet sich dabei der Blick auf die Religionen. Von ihnen wird erwartet, der Gesellschaft jene Ressourcen von Gemeinsinn und Solidarität zuführen zu können, die auf konkurrenzbestimmten Märkten knapp geworden sind.

Von Friedrich Wilhelm Graf

Religiöse Wirtschaftsethiken suchen zu verhindern, dass das Ökonomische in unserem Leben zu einer Allmacht wird.
Religiöse Wirtschaftsethiken suchen zu verhindern, dass das Ökonomische in unserem Leben zu einer Allmacht wird.
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Friedrich Wilhelm Graf ist seit 1999 Ordinarius für Systematische Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München

I. Gerechtigkeit als Leitbegriff der wirtschaftlichen Ordnung

Kaum eine Religion ohne Vorstellungen guten Lebens. Jedenfalls finden sich in zahlreichen Heiligen Schriften auch Tugendkataloge mit harter Kritik der vielen Laster des Menschen, klar formulierte göttliche Gebote und lehrreiche Geschichten darüber, wie der Mensch sich selbst die Hölle bereitet, wenn er sein Leben falsch, gegen Gottes gute Schöpfungsordnung führt. Gewiss kann man ethische Ideale und moralische Verbindlichkeiten auch rein säkular, ohne Bezug auf Gott oder die Götter begründen. Aber die Experten sind sich weithin einig: Fromme Menschen sehen sich in der Herzensbindung an ihren Gott besonders stark dazu verpflichtet, ihr Leben nach ethischen Maßstäben zu führen; sie wollen den Geboten ihres Gottes folgen.

Besonders wichtig ist für zahlreiche religiöse Ethiken die Vorstellung der Gerechtigkeit. Gerecht soll es in der Welt zugehen, um Ausbeutung und Entrechtung, Erniedrigung und Verarmung zu verhindern. Gerade in den jüdischen und christlichen Überlieferungen spielt Gerechtigkeit eine zentrale Rolle. Gerechtigkeit soll nicht nur in der kleinen Gruppe, etwa in der Familie herrschen. Sie soll vielmehr auch die politische Ordnung prägen: Gut ist ein Herrscher, wenn er gerecht ist, und verwerflich, illegitim ist seine Herrschaft, wenn er seine Untertanen willkürlich, nach Lust und Laune und ohne jeden Sinn fürs Angemessene behandelt.

Gerechtigkeit ist in den jüdischen wie christlichen Überlieferungen zudem ein Leitbegriff für die wirtschaftliche Ordnung im Zusammenleben der Menschen. Die Ökonomie, das wirtschaftliche Handeln des Menschen ist für sein Leben insgesamt viel zu wichtig, als dass es ethisch nicht eigens bedacht werden müsste. "Du sollst nicht stehlen", heißt es im siebten Gebot des Dekalogs, den Mose von Gott am Sinai erhalten hat. Und das Neunte der Zehn Gebote lautet: "Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Haus". Dies sind Grundregeln einer religiös fundierten Wirtschaftsethik, die Gerechtigkeitsprinzipien in eine von Konkurrenz und Knappheit, Habgier und Geiz geprägte Welt von Produktion und Handel einzuzeichnen sucht.

Blanker Eigennutz und unbegrenztes Gewinnstreben werden in vielen religiösen Wirtschaftsethiken ebenso verurteilt wie die Vorstellung, dass das Leben des Menschen primär aus Arbeit und Geldverdienen bestehe. Der Mensch muss hart arbeiten, um überleben zu können. Er muss und darf unter den Bedingungen der Arbeitsteilung Tauschgeschäfte machen. Es ist moralisch legitim, die je eigenen Interessen wahrzunehmen und im Rahmen der Rechtsordnung durchzusetzen. Aber zugleich gilt: Das Leben des Menschen geht in seinem ökonomischen Handeln nicht auf. Jeder Mensch ist noch sehr viel mehr und anderes als nur ein wirtschaftlich Handelnder, sei es als Arbeiter oder als Unternehmer. Arbeit und die Teilnahme an Marktprozessen sind ein Teil unseres Lebens. Religiöse Wirtschaftsethiken suchen zu verhindern, dass das Ökonomische in unserem alltäglichen Leben zu einer Allmacht wird, die alle anderen möglichen Dimensionen menschlichen Lebens überschattet und dominiert. Geld ist wichtig. Aber es darf nicht zum Goldenen Kalb fetischisiert werden.

II. Das Spektrum der christlichen Wirtschaftsethik

"Das Christentum" gibt es nicht. Den Begriff "Christentum" sollte man daher pluralisieren, also von den diversen Christentümern sprechen. Das gilt gerade mit Blick auf die Ethik und religiös begründeten Konzepte guten Lebens. Hier gibt es keinen großen ökumenischen Konsens, sondern konfliktreiche Vielfalt. Die verschiedenen Christentümer haben höchst unterschiedliche Ethiken ausgeprägt, und gerade in Sachen Wirtschaftsethik lassen sich fundamentale, bis heute wichtige Gegensätze beobachten. Zwar stützen sie sich auf dieselben biblischen Texte, und niemand käme auf die Idee, den Tanz ums Goldene Kalb zu einer heiligen, gottwohlgefälligen Aktion zu erklären. Auch müssen die verschiedenen Christentümer auf dieselben Fragen Antworten geben: Darf man Zinsen nehmen, wenn man Geld verleiht? Gibt es für Waren gerechte Preise, sodass ein höherer Preis als Wucher verurteilt werden kann? Wo liegen mögliche Grenzen des Privateigentums? Darf der Mensch Luxus schätzen? Was ist ein gerechter Lohn für geleistete Arbeit?

Sehr viele Religionen prämieren Haltungen von Askese, Verzicht und Bescheidenheit. Aber genau besehen formulieren die großen Virtuosen der verschiedenen Religionen zu den genannten Fragen ganz unterschiedliche Antworten. Auch zwischen den christlichen Konfessionen lassen sich in Sachen Wirtschaftsethik fundamentale Differenzen beobachten, die bis heute wichtig sind. Dies gilt gerade mit Blick auf den modernen Kapitalismus und die ihn prägende Zweckrationalität. Schon im 18. Jahrhundert stritten europäische Gelehrte darüber, ob nicht Luthertum und Calvinismus im Verhältnis zum Katholizismus die ökonomisch moderneren, weil viel Fleiß und Handel stimulierenden Formen des Christentums seien. Die katholischen Länder Europas und die altgläubigen Territorien im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation hatten in den Krisenreichen Prozessen der kapitalistischen Transformation der Ökonomie keine Vorreiterrolle gespielt. Sie blieben bis weit ins 20. Jahrhundert hinein durch signifikante Entwicklungsrückstände geprägt.

Der bayerische Aufklärer Johann Adam von Ickstatt stellte 1772 die Frage: "Warum ist der Wohlstand der protestantischen Länder so gar viel größer, als der catholischen?". Seine Antwort: "Nur die Religion ist es, welche den großen Unterschied des Wohlstands verursacht. … Außer den Sonntagen haben die Protestanten gar wenig Feyertage und also auch wenig Versäumnis. An den Werktagen verrichtet jeder sein Gebeth in seinem Hause. Von besonderen Andachtsübungen wissen sie nichts, sie werden demnach von Jugend auf zur Arbeit der Werktage und nicht zum Müßiggang der Feyertage gewöhnt." Auch viele andere Gelehrte betonten: Die Protestanten arbeiteten länger, härter und effizienter, weil Martin Luther sie gelehrt habe, dass der wahre Gottesdienst des Christen die treue Wahrnehmung des je eigenen innerweltlichen Berufs sei, der konkrete Dienst an anderen und für das Gemeinwesen.

An diese Debatten knüpften um 1900 Max Weber und Ernst Troeltsch in Heidelberg an, als sie nach der "Kulturbedeutung" des Protestantismus für die Entstehung jenes Habitus fragten, der im 17. Jahrhundert ursprüngliche kapitalistische Akkumulation ermöglicht habe. Noch heute erklären Sozialwissenschaftler weltweit Max Webers berühmten Aufsatz "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" von 1904 und 1905 zum wichtigsten soziologischen Text der Moderne. Weber führte jenen "Geist" oder jene "Mentalität", die den okzidentalen Betriebskapitalismus mit seiner Zweckrationalität der Kapitalvermehrung allererst ermöglicht hatte, auf die "innerweltliche Askese" vor allem der Puritaner zurück. Ob er damit recht hat, wird noch immer kontrovers diskutiert. Aber deutlich ist: Die verschiedenen Christentümer haben ganz unterschiedliche Einstellungen zum modernen okzidentalen Betriebskapitalismus ausgebildet. Gerade in den bürgerlichen Eliten sind die meisten Protestantismen deutlich kapitalismusfreundlicher als der Katholizismus, dessen Soziallehre immer auch ein starkes Misstrauen gegen die Institution des Marktes kultivierte.

III. Glaubensgemeinschaften als Vermittler von Werten

Der moderne Kapitalismus ist in den vergangenen Jahren verstärkt ins Gerede geraten. Kaum ein Tag, an dem man nicht über Korruption in bekannten deutschen Industrieunternehmen oder Betrügereien in großen europäischen Banken lesen kann. Vor allem im globalen Finanzkapitalismus herrschte lange Zeit eine Mentalität von Raffgier, schneller Selbstbereicherung und wohl auch des Kontrollverlusts. Kriminell manipulierte Zinssätze, verbotene Insidergeschäfte, Steuerbetrug – die Liste dessen, was nahezu täglich auf den Wirtschaftsseiten der Zeitungen über das Fehlverhalten von Managern und leitenden Angestellten berichtet wird, ist lang.

Beklagt wird die Erosion überlieferter Sitten und das Verschwinden des ehrbaren Kaufmanns. Nicht ohne moralisches Pathos wird sodann nach neuen Werten und einer Wiederkehr der Tugend gerufen. Ehrlicher, verlässlicher, anständiger sollen die Menschen wieder werden, die in Banken und Industrieunternehmen Verantwortung tragen. In den Beschwörungen einer besseren Sozialmoral ist man sich von links bis rechts weithin einig. So fordert man mehr Wirtschaftsethik und klagt eine neue, durch moralische Normen geprägte Unternehmenskultur ein. Nur selten wird jedoch gefragt, woher neue Werte kommen sollen. Die Hoffnung, die Krisenphänomene moderner Gesellschaften durch eine Renaissance besserer Moral bewältigen zu können, mag verständlich sein. Aber ist diese Hoffnung nicht trügerisch? Denn Werte fallen nicht vom Himmel, und sie gelten nicht schon dadurch, dass man verzweifelt nach ihnen ruft. Woher sollen sie kommen, wenn sie denn wirklich verschwunden sind? Nicht selten richtet sich der Blick hier auf die Religion und, gerade im deutschen Fall, auf die beiden großen Kirchen. Von ihnen wird erwartet, der pluralistischen Gesellschaft der vielen verschieden denkenden und lebenden Individuen jene kommunitären Ressourcen von Gemeinsinn und Solidarität zuführen zu können, die auf konkurrenzbestimmten Märkten für alles Mögliche so knapp geworden oder gar schon völlig verschwunden sind. Gegen einen alle Gemeinschaftsbindungen relativierenden oder sie auflösenden starken Individualismus sollen die Religionen neuen Gemeinschaftssinn wecken. Das ist eine sehr alte und auch altehrwürdige Vorstellung: die Religion als eine Kraft der starken moralischen Vergemeinschaftung von ansonsten Ich fixierten Individuen. Mit religiös fundierter Moral hofft man die destruktiven Tendenzen einer pathologisch entgleisten Moderne begrenzen und eine Gegenmacht zu einem Ökonomismus aufbauen zu können, der alle Phänomene des Lebens mit einer bloß zweckrationalen Logik von Tausch, Markt und Geld zu durchdringen sucht.

Jürgen Habermas hat von einer "Kolonisierung der Lebenswelt" gesprochen, und auch er artikuliert die Hoffnung, dass sich in den symbolischen Sprachen der Religion und speziell in ihren rituellen Praktiken, etwa im Abendmahl, wichtige Gehalte eines humanen Selbstverständnisses des Menschen finden ließen, die eine rein instrumentelle, funktionalistische Deutung und Behandlung von Menschen verhindert. Doch können die Religionen und in Deutschland speziell die christlichen Kirchen, die jüdischen Synagogengemeinden und die Moschee-Gemeinden dies tatsächlich leisten? Ein Blick auf die wachsende religiöse Vielfalt im Lande legt die Antwort nahe: Einige religiöse Gemeinschaften sind bemerkenswert erfolgreich darin, Gemeinsinn zu stärken, andere eher nicht.

IV. Das Spannungsverhältnis zwischen Wirtschaftsethik und Finanzkapitalismus

Religion ist nicht gleich Religion. In manchen religiösen Lebenswelten werden äußerst autoritäre Bilder Gottes als eines allmächtigen Herrschaftssubjekts tradiert, das den Menschen nur enge Spielräume von Freiheit und Selbstbestimmung lässt. Andere Gläubige sehen in Gott eine universale Macht der Liebe, die primär in Nächstenliebe unter den Menschen Gestalt gewinnt und ein Ethos der wechselseitigen Anerkennung als gleicher und freier Wesen fördert. Gottesglaube ist ein hoch ambivalentes, widersprüchliches Bewusstseinsphänomen. Er kann uns Menschen zur Einsicht in die Endlichkeit unseres je individuellen Lebens verhelfen und darin ein Ethos von Demut und Selbstbegrenzung stärken. Religiöser Glaube kann über die sozialen Grenzen von Stand, Klasse, Geschlecht und ethnischer Identität ein tendenziell universalistisches Ethos der gleichen Würde und Freiheit aller Menschen stiften.

Religion kann den Menschen zivilisieren und humanisieren, aber leider auch barbarisieren und zu Fanatismus, Intoleranz und Menschenverachtung verführen. Fromme Menschen können aus ihrem Glauben die souveräne Kraft gewinnen, selbst ganz anders Denkenden mit jener weisen Großzügigkeit zu begegnen, die nun einmal um die unendlich variable Verschiedenheit der Menschen weiß. Gottesglaube kann aber auch in bornierte Engstirnigkeit und einen spießbürgerlichen Kleingeist führen. Deshalb gibt es auf die Frage, ob denn Religion die Kraft hat, in den Krisen des globalen Kapitalismus ein umgreifendes Ethos von Anstand, Regelkonsens, Fairness und tätiger Solidarität mit den Schwächeren zu stiften, keine generelle, für alle religiösen Gemeinschaften gültige Antwort. In manchen religiösen Lebenswelten wird ein kommunitäres Ethos nur insoweit gepflegt, als man scharfe Innen-Außen-Grenzen markiert und Solidarität immer schon auf die Mitglieder der eigenen Gruppe einschränkt. Andere religiöse Akteure hingegen pflegen ein eher universalistisches Ethos und sehen sich in der Verantwortung für die Gesellschaft insgesamt. Man muss deshalb zwischen unterschiedlichen Typen religiöser Ethik unterscheiden, um im Einzelfall sagen zu können, inwieweit eine Glaubensgemeinschaft Werte kommuniziert und stärkt, die ein mehr oder minder starkes Gegengewicht zu den zerstörerischen Potenzen des globalisierten Kapitalismus bieten können.

Nicht jeder religiöse Glaube macht die Frommen besser als sie von Hause aus sind. Gerade die christlichen Überlieferungen erinnern mit gebotenem Realismus auch daran, dass der Mensch nun einmal ein notorischer Sünder ist, in sich selbst verstrickt, wenig offen für andere. Aber religiöse Symbole und Erzählungen können im gelingenden Fall ein starkes Differenzbewusstsein erzeugen: Indem sie zwischen Schöpfer und Geschöpf, Diesseits und Jenseits, Zeit und Ewigkeit unterscheiden, halten sie das Bewusstsein präsent, dass unsere Welt und jeder von uns selbst eine Bestimmung hat, die jeden Status quo transzendiert. Jeder Mensch ist noch sehr viel mehr und anderes als was er aus sich selbst gemacht hat und was andere an ihm wahrzunehmen vermögen. Niemand geht in den sozialen Bezügen auf, in denen er steht. Diese innerweltliche Transzendenz des Individuums, die Einsicht, dass kein Mensch letztgültig verrechenbar ist, bildet auf je eigene Weise das Gravitationszentrum der jüdischen und christlichen Überlieferungen – jedenfalls dann, wenn man diese Überlieferungen als befreiende Botschaften liest. Dass unter den Bedingungen der aktuellen Kirchenkrise die beiden großen Volkskirchen Kräfte der Begrenzung kapitalistischer Marktdynamiken sein werden, mag man aus guten Gründen bezweifeln. Aber solange sie die innerweltliche Transzendenz des Individuums verkünden, bezeugen sie eine Sicht unseres Lebens, die zu den zweckrationalen Logiken von Markt, Tausch und Kapitalakkumulation in unaufhebbarer Spannung steht. Religiöse Ethiken werden selbst sehr frommen Bankern nicht dabei helfen können, den brutalen Zwängen eines offenkundig immer härteren Finanzkapitalismus zu entgehen. Aber sie können dafür sensibilisieren, dass die Welt noch nicht so ist, wie sie sein sollte.

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