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StartseiteInterviewGottberg: "Die Flucht" ist in Teilen unrealitstisch und klischeehaft07.03.2007

Gottberg: "Die Flucht" ist in Teilen unrealitstisch und klischeehaft

Wilhelm von Gottberg, Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, hat bei der Dokumentation "Die Flucht" einige Defizite zu bemängeln. Der Film ende mit dem Erreichen der Kurischen Nehrung. Die Reise der Flüchtlinge sei dann aber weitergegangen. Angloamerikanische Tieffliegerangriffe hätten viele weitere Opfer verursacht. Das große Publikumsinteresse erkläre er sich mit der tiefsitzenden Traumatisierung, die viele Menschen aus der Zeit davongetragen hätten.

Moderation: Jürgen Liminski

Die Schauspielerinnen Angela Winkler, Stella Kunkat und Maria Furtwängler (v.l.n.r.) spielen in dem zweiteiligen ARD- Fernsehfilm "Die Flucht". (AP Archiv)
Die Schauspielerinnen Angela Winkler, Stella Kunkat und Maria Furtwängler (v.l.n.r.) spielen in dem zweiteiligen ARD- Fernsehfilm "Die Flucht". (AP Archiv)
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Jürgen Liminski: Etwa 12 Millionen Menschen haben den Zweiteiler "Die Flucht" gesehen. Das sind für eine Filmdokumentation ungewöhnlich viele, erst recht, wenn man das Thema bedenkt, ein Thema fast schon der Geschichte, 60 Jahre, zwei Generationen alt. Aber die Geschichte geht bei manchen Themen offenbar im Krebsgang, um ein Wort von Günther Grass zu gebrauchen, der die Flucht in seinem gleichnamigen Roman über den Untergang der Gustloff thematisierte und damit schon eine Diskussion auslöste.

Warum ist das Thema noch so präsent? Hat es nun mit der Geschichte oder auch mit dem Selbstverständnis und der Identitätsfindung der Deutschen zu tun? Wie realistisch, wie politisch korrekt darf man bei diesem Thema heute sein? Fragen, die ich jetzt an den Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, Wilhelm von Gottberg stelle. Zunächst mal guten Morgen Herr von Gottberg!

Wilhelm von Gottberg: Guten Morgen Herr Liminski!

Liminski: Herr von Gottberg, Sie haben den Film auch gesehen, für Sie fast schon eine berufliche Verpflichtung. War das realistisch, historisch korrekt?

von Gottberg: Also ich meine, der Film war in Teilen realistisch, in Teilen unrealistisch, ja, klischeehaft. Ich möchte das gerne an jeweils zwei Beispielen verdeutlichen. Erstes Beispiel: Eine Liebesbeziehung einer adeligen Gutsfrau mit einem französischen Kriegsgefangenen kam in dieser Situation nicht vor. Der Standesunterschied ließ das nicht zu, und die Situation der Flucht erst recht nicht. Da ist eine Romantisierung, wie das im Film teilweise zum Ausdruck kam, völlig unangebracht. Zweites Beispiel: Der den Treck begleitende Wehrmachtsoffizier, ein Major, war immer wie aus dem Ei gepellt. Die Realität aber: Die Menschen auf der Flucht waren verschmutzt, verlaust, die Männer fast durchgängig mit Drei- oder auch Achttagebärten.

Liminski: Sie sagen, das ist in Teilen nur realistisch gewesen, haben zwei Beispiele jetzt gebracht. Hatte Ihrer Meinung nach der Film also vorwiegend Defizite?

von Gottberg: Ja, der Film hat eindeutig Defizite. Für mich das größte Defizit will ich kurz erläutern. Im Film war gewissermaßen die Flucht mit Erreichung des dargestellten Trecks auf der Nehrung beziehungsweise mit Erreichen der Städte Danzig und Gdingen zu Ende. Dann wurde ein Schnitt gemacht, und dann wurde die Ankunft in Bayern gezeigt. In Bayern die Ankunft: Frühling, Sonne, friedliches Camping, kein Militär, keine Besatzungstruppen, alles sehr klischeehaft. Die Realität aber war, wenn es dann den Flüchtlingen gelang herauszukommen, dann nach Swinemünde oder nach Stettin oder auch nach Lübeck und Kiel gebracht zu werden, dann ging das ja weiter. Ich will das noch einmal auch am Beispiel meiner Familie erläutern: Wir fuhren von Gdingen nach Swinemünde. Dort kamen wir raus, und wir hatten Glück, nicht acht Tage vorher in Swinemünde ausgeladen zu werden. Am 12. März 1945 wurde Swinemünde von einem verheerenden amerikanischen Tieffliegerangriff betroffen, Opfer rund 25.000 Menschen, meistens Ost- und Westpreußen.

Das ist ein großes Defizit, das man im Grunde nicht dargestellt hat, dass es im Grunde dann weiterging. Meine Familie ist dann von Schwerin mit dem Pferdefuhrwerk wieder noch acht Tage bis nach Lüneburg getreckt, und dort kam mindestens während des Trecks zwei-, dreimal am Tage vor, dass wir wegen angloamerikanischer Tieffliegerangriffe in den Straßengraben mussten.

Liminski: Herr von Gottberg, Defizite, die Sie gerade geschildert haben. Trotzdem gibt es ein wahnsinnig hohes Interesse in der Bevölkerung an diesem Thema insgesamt. Ihre Landsmannschaft ist vielleicht rege, aber doch nicht so zahlreich. Was bewegt denn die Menschen in Deutschland? Ist es Leid und Schmerz als Gründungselement der Bundesrepublik Deutschland und somit ein völkerpsychologisches Moment, das bleibt, oder was ist es, was so viele Menschen bewegt, diesen Film zu sehen?

von Gottberg: Also ich meine, man darf nicht vergessen, Herr Liminski, dass doch rund 20 Prozent der heutigen bundesdeutschen Menschen irgendwie durch Eltern, Großeltern mit Flucht und Vertreibung konfrontiert waren, also betroffen sind. Das wirkt nach. Das kollektive Gedächtnis der Deutschen ist nicht kurz. Aber darüber hinaus ist Flucht und Vertreibung ja in den Köpfen der Menschen präsent. Denken Sie nur an die Vertreibungen auf den Balkan in den neunziger Jahren durch den Kosovokrieg und die kriegerischen Auseinandersetzungen in Bosnien und auch an die weltweiten Flüchtlingsströme heute, meistens als massenhafte Armutsbewegung, aber auch als Vertreibung noch, sensibilisiert die Menschen auch in unserem Lande.

Liminski: Eine ähnliche Diskussion hat es schon gegeben, als Grass seinen Roman über die Gustloff veröffentlichte. Vermengen sich hier nur Elemente der Vergangenheitsbewältigung oder kann man daraus auch Schlussfolgerungen für die Politik heute ziehen?

von Gottberg: Ganz sicherlich kann man Schlussfolgerungen für die Politik heute ziehen. Schauen Sie, es gibt ja noch zahlreiche Menschen, die Flucht und Vertreibung ganz bewusst erlebt haben. Auch ich zähle mich dazu, obwohl ich erst fünf war in diesen Tagen vor 62 Jahren. Viele Menschen sind bis heute traumatisiert. Sie haben nie darüber sprechen können, und durch die Aufarbeitung des Geschehens vor 62 Jahren lösen sich bei denen, die heute noch auf dieser Welt sind, doch der Gefühlsstau und die Zungen, und sie reden darüber, und insoweit ist es mit langer, langer Verzögerung ein stückweit persönliche Vergangenheitsbewältigung.

Liminski: Wie halten Sie denn qua Landsmannschaft den Bezug zu Ostpreußen aufrecht? Das ist ja auch eine Generationenfrage. Viele sind schon gestorben. Interessiert sich denn die Jugend für das Land ihrer Väter und Mütter, muss man wohl sagen, denn die Mütter haben ja die Hauptlast der Flucht getragen?

von Gottberg: Ja, letzteres ist zweifellos richtig. Also die Jugend, wir müssen ja heute im Grunde von der Enkelgeneration der Vertriebenen sprechen, interessiert sich nur zum Teil, weil sie häufig nicht genügend mitbekommen haben von den Eltern und Großeltern und häufig im Grunde auch hier im täglichen Betriebe doch so weit begrenzt sind, auch historisch nicht gebildet sind, dass das, was die Heimat ihrer Eltern und Großeltern war, nicht in ihrem Denken präsent ist. Es gibt allerdings auch ein kleinerer Teil, die interessieren sich für Ostpreußen, weil sie wissen, dass dort die familiären Wurzeln liegen, und darüber hinaus gibt es junge Menschen, die einfach an der Historie interessiert sind. Sie haben familiär nicht den Bezug zu den Vertreibungsgebieten, aber sie interessieren sich für die uralten deutschen Siedlungsgebiete ostwärts der Oder.

Liminski: Ostpreußen oder wie Deutsche aus der Bewältigung er Vergangenheit Kraft für die Zukunft schöpfen. Das war zu dem Zweiteiler "Die Flucht" ein Gespräch mit dem Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen Wilhelm von Gottberg. Besten Dank für das Gespräch, Herr von Gottberg.

von Gottberg: Ja, ich danke auch, Herr Liminski, und einen guten Tag nach Köln!

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