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StartseiteHintergrundDas afrikanische Viertel von Paris01.08.2020

Goutte d’OrDas afrikanische Viertel von Paris

Lange galt Goutte d’Or als Schmuddelviertel der französischen Hauptstadt. Doch mittlerweile erliegen immer mehr Pariserinnen und Pariser dem Charme des vorwiegend afrikanisch geprägten Einwandererviertels mit seinem Mix an Kulturen. Die Probleme von Goutte d'Or jedoch bleiben.

Von Sabine Wachs und Martin Bohne

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Mitarbeiter eines Bekleidungsgeschäfts verteilen am 10. Mai 2020 kostenlose Schutzmasken an die Bewohner des beliebten Pariser Stadtteils 'Goutte d'Or' in Paris, Frankreich.  (picture alliance / dpa / Maxppp / Christophe Petit Tesson)
Das Einwandererviertel Goutte d’Or wird auch bei Parisern immer beliebter (picture alliance / dpa / Maxppp / Christophe Petit Tesson)
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Mams Yaffa kennt gefühlt jeden in seinem Viertel Goutte d´Or und er kann über jedes Geschäft, über jeden Winkel etwas erzählen. 

"Das ist ein enorm vielfältiges Viertel. Eben waren wir in einem afrikanischen Modeladen, jetzt gehen wir an der Pinta Africa von Monsieur Fofana vorbei, dann kommt eine islamische Bücherei, da ist ein Halal-Schlächter und direkt neben der Moschee ein Weinladen. Das ist das Kosmopolitische hier."
 
Ein Stückchen Afrika mitten in Paris - so empfindet es Mams Yaffa. Seine Eltern kamen aus Mali hierher, er ist in Goutte d´Or geboren. Der Mittvierziger fühlt sich voll und ganz als Franzose und genießt es zugleich, dass er in den paar Straßenzügen um die Rue de la Goutte d´Or alles findet, was Afrika ausmacht.

"Hier gibt es einfach alles, alles, alles, alles. All die Lebensmittel, die man braucht, um ein Essen wie in Afrika vorzubereiten. Und hier gibt es all die Stoffe aus denen wir unsere afrikanischen Kleider machen können. Genau das macht die Stärke dieses Viertels aus. Wenn ich Lust auf senegalesisches Essen habe, oder auf marokkanisches, tunesisches, dann kann ich das tun."

Zum Beispiel bei Farida:

"Wenn du eine Paella, eine Tagine oder Pastilla essen willst, dann geht das hier."

Menschen mit Mund-Nasen-Schutzmasken gehen am 12. Mai 2020 durch das Pariser Viertel, Goutte d'Or.  (AFP / Ludovic MARIN)Das Pariser Viertel Goutte d'Or ist vor allem afrikanisch geprägt (AFP / Ludovic MARIN)

Bunter Trubel zwischen grauen Häusern

Das ist es eine richtige Familie hier, sagt Farida zum Abschied und ruft mir, der ihr als deutscher Journalist vorgestellt wurde, hinterher, dass sie am liebsten Arte sieht.

Es sind in der Tat nicht die meist grauen Häuserfassaden, die einen hier an ferne Welten denken lassen. Es ist das Gewusel der Menschen, etliche im Kaftan oder in den typischen batikbedruckten bunten Baumwollkleidern. Besonders bunt und trubelig geht es zwischen der Re Stephenson und der Rue Dejean zu. Rund um die Metrostation Chateau Rouge liegt einer der Lieblingsorte meiner Kollegin Sabine Wachs: 

Der Geruch nach Minze steigt mit direkt in die Nase. Ich stehe in der Rue  Stephenson und schaue von oben auf die Gleise des großen Pariser Bahnhofs Gare du Nord. In der kleinen, kopfsteingepflasterten Straße reiht sich ein Laden an den nächsten. Alle haben große Kübel mit frischer Minze vor und in den Läden stehen. Viele Händler verkaufen die Kräuter kübelweise an die unzähligen arabischen Teesalons, die es im Pariser Viertel Goutte d’Or gibt. 

"Das Viertel war schon immer ein Zuwanderungsgebiet. Schon im 19. Jahrhundert."

Erzählt mir Sandra Cominotto. Die Historikerin ist spezialisiert auf die Pariser Stadtgeschichte und hat schon viele Führungen durch Goutte d’Or gemacht.

"Die Menschen kamen aus den Überseegebieten. In den 50er-Jahren und später kamen die Algerier, Tunesier, viele Nordafrikaner und Menschen aus Subsahara Afrika." 

Sie prägen bis heute das Straßenbild des Viertels. Ich schlendere in Richtung Metro-Station Chateau Rouge. Jetzt riecht es nach Gewürzen, nach Kräutern und nach Fleisch. Nicht weit von hier ist die Rue Dejean, die Marktstraße des Viertels. Jeden Tag, außer montags, haben die Stände geöffnet. An einem Metzgersstand bleibe ich stehen und schaue mir die außergewöhnliche Auslage an. Alfa, dem Metzger fällt mein interessierter Blick auf. Er stammt ursprünglich aus Ghana und arbeitet seit mehr als 15 Jahren auf dem Markt von Chateau Rouge. Was er alles anbietet, frage ich ihn. Denn vieles, von dem, was in der Kühltheke liegt, habe ich nämlich noch nie gesehen.

"Wir haben hier allerhand Spezialitäten. Geräucherten Schafskopf zum Beispiel. Kalbsfüße und Kalbskopf, Schafsfüße, Kutteln und Rinderlungen. Das ist eine absolute afrikanische Spezialität. Das ist nichts für Franzosen."

Das ist sehr lecker, sagt Justin, ein Kunde, der sich in unser Gespräch einklinkt. Er stammt aus Kamerun. Seit 2009, erzählt uns der junge Familienvater, lebt er in Frankreich. Er kauft einen geräucherten Schafskopf.

"Das Schaf ist frisch geräuchert. Das riecht schon super. Das hat einen richtig guten Geschmack. Wie in Afrika."

Justin nickt. Der Mann aus Kamerun lebt im Pariser Umland. Vor allem der Metzger des Marktes von Chateau Rouge hat es ihm angetan.

"Jede Woche komme ich, also fast, mindestens einmal im Monat und kaufe hier, was ich aus Afrika kenne. Die afrikanischen Produkte sind besser, als die französischen. Weniger Pestizide, das ist fast schon wie Bio."

Die komplette, kleine Rue Dejean ist von Markständen gesäumt. Neben den Metzgern, die mit Sicherheit für europäische Augen die spannendste Auslage haben, gibt es auch Fischhändler, Gewürzhändler und natürlich Obst und Gemüse. Es ist ein ganz besonderer Ort hier, sagt Metzger Momo.

"Die Auslage macht den Markt aus. Gäbe es sie nicht, dann wäre es auch kein Markt, die Atmosphäre wäre ein völlig andere. Im Laden einkaufen ist etwas völlig anderes. Die Leute wollen den Markt und keine Geschäfte."

Ein Ort voller Leben und Lebensgeschichten

Die Verkäufer lieben ihre Arbeit in der wuseligen und bunten Marktstraße Rue Dejean in Chateau Rouge. Momo, der Metzger kann gar nicht mehr anders, denn er hat hier schon fast die Hälfte seines Lebens verbracht. 

"An diesem Ort habe ich mit 24 Jahren angefangen zu arbeiten. Heute bin ich 43. Es macht Spaß hier zu arbeiten. Es ist nicht nur Arbeit, hier herrscht eine tolle Stimmung. Es ist kein reiches Viertel, aber die Menschen sind entspannt und fast immer gut gelaunt. Ich fühle mich gut hier." 

Der Markt von Chateau Rouge ist für mich einer der lebendigsten und schönsten Orte in Goutte d’Or. Ich mag es, mit den Händlern ins Gespräch zu kommen und dabei nicht nur das ein oder andere afrikanische Kochrezept aufzuschnappen, sondern auch etwas über das Leben der Leute hier im Viertel Goutte d’Or zu erfahren.

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Die verruchteste Straße von ganz Paris

Die Rue Myrha führt geradewegs zum Montmarte. Die weiße Basilika Sacre-Coeur erscheint von hier zum Greifen nah. Aber selbst in Vor-Corona-Zeiten verirrte sich kaum mal ein Tourist von dort oben nach hier unten. Und es ist noch gar nicht so lange her, da traute sich nicht mal ein normaler Pariser hierher. Mams Yaffa erinnert sich gut.

"Das war die verruchteste Straße von ganz Paris. Die Straße des Crack. Heute kann man sich das nicht mehr vorstellen. Vieles ist renoviert worden, immer mehr Boutiquen entstehen. Zum Beispiel der Modeladen hier von Peulh Vagabond, den hat ein Mädchen aus dem Viertel aufgemacht."

Djena Diao hat Erfolg mit ihrem afrikanischen Modelabel Peulh Vagabond. Längst verkauft sie ihre Kleider per Internet in alle Welt. 

"Peulh, das weist auf meine Herkunft hin, ein Nomadenvolk im subsaharischen Afrika. Daher auch Vagabund. Peulh Vagabond. die Idee ist, dass ich die afrikanische Kultur mit meinen Kreationen bekannt mache."
 
Mams Yaffa freut sich über den Geist des Aufbruchs in seinem Viertel.
Eine Entwicklung, die nicht ohne Gefahren ist. In der Rue Myrha stehen schon einige schicke Neubauten. Das lebendige Flair des Viertels zieht allmählich die hippen Schichten an. Die Gentrifizierung hat nun auch Goutte d´Or erreicht.

"Die Mieten steigen und viele Alteingesessene können es sich schon nicht mehr leisten, hier im Viertel zu leben."

Corona im Einwandererviertel

Die Coronakrise dürfte nun die Probleme in dem tradtionellen Einwanderer- und Arbeiterviertel weiter verschärfen. Viele der rund 30.000 Menschen hier halten sich durch Gelegenheitsjobs über Wasser. Und die gibt es jetzt oft nicht mehr.

"Es gibt eine hohe Arbeitslosigkeit hier. Und viele haben Jobs, die keine Sicherheit bieten. Zum Beispiel in der Gastronomie oder als Reinigungskräfte. Da haben sie ja gar nicht die Möglichkeit, Home office zu machen. Und wenn man nicht von zu Hause arbeiten kann, wird es schwierig."

Zu fünft auf zehn Quadratmetern

Und auch die wochenlangen strengen Ausgangsbeschränkungen waren für die Menschen in Goutte d´Or besonders schwer zu ertragen.

"Weil die Wohnungen in Goutte d´Or meistens sehr klein sind. Da leben die Eltern schon mal mit zwei, drei Kindern auf zehn Quadratmetern. Wir leben daher viel draußen, auf der Straße und jetzt durften wir die Wohnung nicht verlassen. Es ist etwas anderes, als wenn man eine große Wohnung mit Garten oder einen Landsitz hat. Das kann man nicht vergleichen."

Mams Yaffa hat viele solche schwierigen Wohnverhältnisse gesehen. Mit seinem Verein Esprit d´Ebene war während der Ausgangssperre viel unterwegs, hat Geld gesammelt, die Lebensmittel dann an Bedürftige verteilt. Und Computer an die Kinder, damit sie am Fernunterricht teilnehmen können. 

"In so einem Viertel können viele Leute ganz schnell ganz tief sinken, wenn es keine gegenseitige Hilfe gibt. Wenn man einen Armen sieht, dann gibt man ihm was."

Rassismus gehört zum Alltag

Und die ökonomischen Probleme verbinden sich im Einwanderviertel Goutte d'Or mit den Wunden, die der alltägliche Rassismus schlägt. Auch bei denen, die wie Mams Yaffa Franzosen sind - und das mit vollster Überzeugung:

"Ich habe afrikanische Wurzeln, aber in erster Linie bin ich Franzose. Ich bin ganz einfach ein junger Franzose, der Forderungen stellt, der vieles nicht gut findet. Aber der sich der Französischen Republik verbunden fühlt, mit allem, was dazugehört."

Drei Polizisten bewachen die Zufahrt zu einer Straße. (AFP / Lionel Bonaventure)Die Polizei ist in Goutte d'Or allgegenwärtig (AFP / Lionel Bonaventure)

Was ihn nicht vor Diskriminierung schützt:

"Das ist etwas, was ich auf eine sehr sehr direkte Art spüre. Wenn ich außerhalb des Viertels unterwegs bin, auf Veranstaltungen, in Museen. Es ist die Art, wie du gemustert wirst, wie man mit dir spricht. Wenn du nicht vorankommst, weil Du eine andere Hautfarbe oder eine andere Religion hast. Ich sage nicht, dass ganz Frankreich rassistisch ist, ich sage, es gibt Rassismus in Frankreich."

Und eben auch und besonders unter den Polizisten, beklagt Mams Yaffa:

"Es gibt Viertel, da sieht man kaum Polizisten. Hier im Goutte d´Or ist die Polizei aber allgegenwärtig. Klar, es gibt hier auch Probleme mit der Kriminalität, aber die Polizei muss deshalb nicht so einschüchternd und aggressiv auftreten. Und als Schwarzer oder Araber wird man auch viel öfter kontrolliert. Ich kenne viele Leute, die von der Polizei misshandelt worden sind."                                                     

Nach einer Erhebung des französischen Menschenrechtsbeauftragten ist die Wahrscheinlichkeit für einen afrikanisch oder maghrebinisch aussehenden Jugendlichen, von der Polizei angehalten zu werden, zwanzig Mal höher als für einen Jugendlichen mit weißer Hautfarbe.

Ein Pulverfass, das jederzeit explodieren kann

Corona-Folgen, wachsende Armut und die Diskriminierung der Menschen mit Migrationshintergrund - Frankreich befinde sich in einer bespiellosen Krise.

"All das zusammen führt dazu, dass wir auf einem Pulverfass sitzen, in den Vorstädten, in den einfachen Vierteln von Paris. Und wenn die Regierung nicht aufpasst, können wir sehr große Probleme bekommen. Und das kann explodieren."

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Mams Yaffa ist jetzt in einer Position, um besser Einfluss auf die Entwicklung im Viertel nehmen zu können. Ich treffe ihn vier Wochen nach unserem Streifzug durch Goutte d´Or wieder. Dazwischen liegt die zweite Runde der Kommunalwahlen. Mams Yaffa war für die Grünen angetreten im 18. Pariser Bezirk, zu dem sein Viertel gehört. Erfolgreich. Und nun ist der vor 44 Jahren in Nouakchott, Mauretanien geborene Franzose einer der 16 Stellvertreter des sozialistischen Bezirksbürgermeisters. Noch muss er sich an die neue Rolle gewöhnen:

"Ja, die Leute sehen mich schon mit anderen Augen, einige nennen mich schon Monsieur le maire. Mal sehen, wie das wird." 

Aber allein schon seine Wahl habe eine große Signalwirkung für das Viertel.

"Das ist das erste Mal, dass ein Franzose afrikanischer Herkunft und der im Viertel aufgewachsen ist, im Stadtrat sitzt. Das hat es noch nie gegeben. Und wir sind jetzt sogar zweit. Das ist grandios. Und die Leute im Viertel sind stolz darauf. Das sagen uns viele. Besonders die mit afrikanischen Wurzeln haben nun einen Hoffnungsschimmer. Endlich sind welche von uns im Rathaus Und können dort über unsere täglichen Probleme reden." 
 
Mams Yaffa ist nun zuständig für Sport im Stadtbezirk. Aber sein übergreifendes Ziel ist die Stärkung des Zusammenhalts im Viertel:

"Wir müssen es schaffen, dass die Leute weiter zusammenleben können. Dass nicht auf der einen Seite die Schwarzen stehen, auf der anderen Seite die Weißen und dazwischen die Asiaten. Als ich klein war, habe ich auch in der Kirche gespielt, obwohl ich Moslem bin.

Wir kennen in Goutte d´Or auch solche Probleme mit der religiösen Abkapselung bisher nicht. Bei uns läuft das sehr gut. Es gibt Vereine im Viertel, die laden zu ihren Events alle Religionen ein, die Moslems, die Juden, die Hindus, die Katholiken. Und alle machen Party zusammen."

Viele Kulturkreise, kaum Gemeinsamkeiten

Nicht alle sehen das so positiv. Das ist zumindest die persönliche Erfahrung meiner Kollegin Sabine Wachs, die oft in Goutte d’Or unterwegs ist: 

Wenn vielleicht auch die verschiedenen Religionen im Viertel Goutte d’Or keine große Rolle spielen, die ursprünglichen Nationalitäten tun es noch immer. Auch, weil es nur wenige Begegnungsorte gibt, an denen sich die Menschen unterschiedlicher Kulturkreise treffen können.

Ein solcher Ort ist die 360 Paris Music Factory. Ihr Gründer, der französische Musikproduzent Said Assadi ist selbst im Viertel Goutte d’Or aufgewachsen. Er kennt die Probleme der Menschen hier, vor allem auch der jungen Leute, und er will ihnen eine Kulturstätte bieten.

Mehr als 15 Jahre hat es gedauert, von der Planung bis zum Bau. Im Januar 2020 konnten Said und sein Team dann endlich die Eröffnung feiern.

Eine Bierflasche mit dem Schriftzug "Goutte d'Or / Chateau Rouge" steht neben einem Glas Bier. (picture alliance /dpa / MAXPPP / Eric Le Mitouard) "Goutte d'Or" gibt es auch als Bier, das in Paris gebraut wird  (picture alliance /dpa / MAXPPP / Eric Le Mitouard)

Im neuen Konzertsaal ist die Tribüne zum Sitzen ausgefahren. Auf der Bühne, die mit Teppich, Sessel und Stehlampe an ein gemütliches Wohnzimmer erinnert, spielen Jazz-Pianist Paul Lay und Sängerin Isabel Sörling. 

"Wir sind dabei, diesen Ort zu entdecken und fühlen uns hier sehr wohl. Es gibt es alles, was ein Musiker braucht, es gibt Zimmer zum Übernachten, es gibt Proberäume, außerdem ein Studio für Aufnahmen und natürlich den Konzertsaal. Das ist ein toller Ort für uns Künstler. Ich lebe zwar nicht hier im Viertel, aber man spürt direkt, dass dieser Ort das Viertel belebt."

"Wir beobachten in unserem Viertel eine große Abschottung"

Durch die großen Fenster des Restaurants der Factory kann jeder von draußen in die Bar gucken. Die ist gut gefüllt. An Holztischen, über denen hippe Glühbirnen als Lampen hängen, sitzen die Gäste, essen spanischen Schinken oder Couscous-Salat und trinken im Viertel gebrautes Bier. Auf der anderen Straßenseite vor der kleinen, runtergekommenen Kneipe mit dem Kanterbräu-Logo hängen die Jugendlichen des Viertels auf der Straße ab. Noch kommen sie nicht in die Music-Factory. Gründer Said Assadi will das aber ändern.

"Wir beobachten in unserem Viertel eine große Abschottung. Zum Beispiel bei Konzerten. Es gibt Konzerte einer Band aus diesem oder jenem afrikanischen Land und über 90 Prozent des Publikums stammen auch aus diesem Land. Wir wollen das ändern und Künstler aus verschiedenen Kulturkreisen und verschiedene Stilrichtungen mit dem Publikum zusammenbringen. Sie arbeiten zusammen, machen zusammen Musik."

Über 30 Jahre schon ist Said Assadi im Musikgeschäft, hat unter anderem das Label Accords Croisés gegründet, das Musikerinnen und Musiker aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammenbringt. Die Music-Factory aufzubauen, war lange sein Traum. Finanziell wird das Kulturprojekt von der Stadt und der Region Ile de France unterstützt und Said Assadi selbst hat mit Partnern Geld investiert.

Schon als das Gebäude der Music Factory noch eine Baustelle war, wurde das erste Musikvideo hier gedreht Toulo heißt der Song, den Said Assadi zusammen mit der Pariser Band Arad Kilo, der malischen Sängerin Mamani Keita und dem US-Rapper Mike Ladd produziert hat.

Was auf musikalischer Ebene funktioniert, soll nun auch das Leben im Viertel Goutte d’Or bereichern. Ob das funktioniert, ist im Moment noch nicht abzusehen. Die Music Factory zeigt ganz plastisch, welchen Wandel das lange Zeit als Schmuddel-Viertel bezeichnete Quartier durchmacht. Es wird attraktiver, immer mehr Pariserinnen und Pariser erliegen dem Charme des Mix an Kulturen, dem Shabby Chic der einst verruchten Gegend.

France, Paris, cityscape with Place Charles-de-Gaulle, Eiffel Tower and Avenue des Champs-Elysees PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY WDF04885 (imago images | Westend61 )Wahrzeichen von Paris - der Eifelturm. Viele Pariser zieht es mittlerweile aber auch in das als Schmuddelviertel verschriene Goutte d'Or (imago images | Westend61 )

Ein ganz anderes Gesicht von Paris

Noch ist Goutte d’Or aber nicht vollkommen gentrifiziert, noch gibt es Plätze wie den Imbiss von Farida, wie den Markt von Chateau Rouge, oder die Schneiderei Barakatou von Issa.

In Goutte d’Or kann man ein ganz anderes Gesicht von Paris kennenlernen. Auch wenn das Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen, das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Lebenswelten viele Probleme mit sich bringt, La Goutte d’Or entdecken, das lohnt sich.

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