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StartseiteKommentare und Themen der WocheUnter dem Radar unserer Aufmerksamkeit03.08.2021

Gräuel in der Konflikt-Region TigrayUnter dem Radar unserer Aufmerksamkeit

Die fehlende internationale Aufmerksamkeit für die Gräuel in der Region Tigray spielen der äthiopischen Regierung in die Hände, kommentiert Bettina Rühl. Dabei sind die Warnungen vor einer Katastrophe nicht mehr zu übersehen - die Konfliktparteien befinden sich im Kriegsrausch.

Ein Kommentar von Bettina Rühl

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Ein zerstörter Wagen liegt auf einer Straße nach Abi Adi in der nordäthiopischen Region Tigray (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Ben Curtis)
In der nordäthiopischen Region Tigray wütet ein grausamer Bürgerkrieg (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Ben Curtis)
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Die Lage in Tigray ist furchtbar. Zwei Schlaglichter geben eine kleine Ahnung davon: In einem Grenzfluss zwischen der umkämpften nordäthiopischen Provinz und dem Sudan wurden in der vergangenen Woche etwa 50 Leichen entdeckt und geborgen. Der Fluss fließt durch einige der Gebiete, die am schwersten von dem Konflikt in Tigray betroffen sind. Bei den Toten handelt es sich offenbar um Menschen, die vor den Kämpfen fliehen wollten. Augenzeugen zufolge wurden einige von ihnen mit gefesselten Händen oder Schusswunden gefunden. Andere wurden offenbar durch Axthiebe getötet.

Ein zweites Schlaglicht: Das Foto eines schwer verletzten Mädchens im Krankenhaus auf der Online-Seite der britischen BBC. Der Körper ist großflächig bandagiert, aber das Gesicht und ein Stück des linken Armes sind zu sehen - die Haut ist weg, verbrannt oder verätzt, womöglich nach einer Explosion, einem Bombenangriff. Unter dem Foto der Agentur AFP steht keine Erklärung, nur dass die Verletzte aus Tigray stammt.

Schwer erträgliche Meldungen aus Tigray

So schwer erträglich solche Meldungen und Fotos sind, so wertvoll sind sie auch. Weil es kaum möglich ist, sich einen eigenen Eindruck von der Situation in Tigray zu verschaffen. Wieder einmal haben Medien keinen Zugang zur umkämpften Region. In den neun Monaten, die der Krieg bereits dauert, hat die äthiopische Regierung unabhängige Beobachterinnen und Beobachter nur sehr sporadisch ins Land gelassen.

Ein Kämpfer der Amhara Special Forces auf seinem Posten in Dansha, Äthiopien (AFP/Eduardo Soteras) (AFP/Eduardo Soteras)Eskalation in Äthiopiens Tigray-Region
Der Konflikt um die abtrünnige äthiopische Region Tigray ist schnell zu einem blutigen Krieg eskaliert. Unicef ist alarmiert: Fünf Millionen Kinder, Frauen und Männer sind auf Hilfe angewiesen, es gibt Berichte über Massaker an der Zivilbevölkerung. Einblicke und Hintergründe.

Immerhin werden einzelne UN-Vertreter nach Tigray gelassen, die über das, was sie sehen, informieren. Auch einige internationale Hilfsorganisationen haben begrenzten Zutritt. Es gibt die Berichte von Flüchtlingen im Sudan. Die Warnungen vor einer Katastrophe sind also eigentlich nicht mehr zu überhören. Nach UN-Angaben hungern in Tigray bis zu 400.000 Menschen, rund 1,6 Millionen Menschen sind auf der Flucht.

Alle Konfliktparteien rüsten weiter auf

Und das alles ist vermutlich erst der Anfang: Alle Konfliktparteien rüsten weiter auf, mobilisieren weitere Kämpfer, scheinen im Kriegsrausch zu sein. In den deutschen Medien ist von all dem wenig zu lesen. Wir sind offenbar zu sehr mit uns selbst beschäftigt, drehen uns in Bezug auf die Corona-Pandemie und das Impfprogramm um die immer gleichen Fragen, gucken noch auf die Hochwassergebiete und auf die Brände in Südeuropa. Damit handeln wir ganz im Sinne der äthiopischen Regierung, die den Konflikt sowieso am liebsten unter dem Radar der internationalen Aufmerksamkeit halten möchte.

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