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StartseiteSport am WochenendeGrassierende Bestechungskultur im Sport18.10.2010

Grassierende Bestechungskultur im Sport

Keine Aussicht auf eine Welt-Anti-Korruptions-Agentur

Korruption ist gängige Praxis im internationalen Sport und darin ist der Weltfußballverband FIFA einsame Spitze. Insofern konnten die Recherchen der Londoner Sunday Times über Stimmenkauf bei Fußball-Funktionären nicht überraschen. Die Idee einer konzertierten Aktion gegen Bestechung im Sport scheint aber, nichtsdestotrotz, inzwischen zu Grabe getragen.

Von Jens Weinreich

Es gibt keine ernsthafte Initiative, der  Korruption im milliardenschweren Sportbusiness Einhalt zu gebieten. (AP Archiv)
Es gibt keine ernsthafte Initiative, der Korruption im milliardenschweren Sportbusiness Einhalt zu gebieten. (AP Archiv)

Der Kanadier Declan Hill hat vor einiger Zeit eine aufsehenerregende Dissertation vorgelegt. Sein Buch über das Wirken der internationalen Wettmafia wurde in Dutzenden Ländern veröffentlicht. Hill erhielt Journalistenpreise und ist seither gefragter Gesprächspartner. Seine Erkenntnisse trägt er vor hochrangigen politischen Gremien vor und erhebt stets die Forderung nach einer Welt-Anti-Korruptions-Agentur (WACA) - analog zur Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) im Sport. Als Hill kürzlich vor den Sportministern des Europarats in Baku auftrat, hatte er den Eindruck, die Politiker seien endlich bereit, Maßnahmen zu ergreifen.

Doch Hill hat sich getäuscht. Teilnehmer jenes Sportgipfels in Baku sagen, es hätte nur höflichen Applaus gegeben. Es gibt keine ernsthafte Initiative im politischen Bereich, der grassierenden Korruption im milliardenschweren Sportbusiness Einhalt zu gebieten. Und es liegt auch vor dem EU-Sportministertreffen Ende der Woche in Antwerpen und dem ersten Weltgipfel der Sportminister am Sonnabend in Acapulco keine Initiative vor.

Die Politik sieht nahezu tatenlos zu, stellt gerade Verbänden wie der FIFA bedenkenlos Steuer- und Zollbefreiungen und andere Vergünstigungen aus; behandelt korrupte Funktionäre wie Staatsgäste.

Zu den wenigen hochrangigen Funktionären, die die Gründung einer WACA als notwendig erachten, gehören der Kanadier Richard Pound, die Schwedin Gunilla Lindberg und Prinz Willem Alexander aus den Niederlanden. Pound war lange Jahre IOC-Vizepräsident und Chef der WADA – doch sein Wort findet im IOC kaum noch Gehör. Lindberg ist IOC-Mitglied und hat viele andere wichtige Funktionen, so leitet sie die Evaluierungskommission für die Winterspiele 2018 – ihre Haltung zur WACA dürfte durchaus als Signal an die Bewerber München, Pyeongchang und Annecy verstanden werden. Prinz Willem Alexander ist unabhängig genug und hat nicht nur einmal die IOC-Ethikkommission über unsaubere Vorgänge informiert.

Die Frage ist aber: Wie glaubwürdig sind derlei Ethikkommissionen, ob nun im IOC oder in der FIFA? Gerade wegen der fehlenden Unabhängigkeit dieser Gremien, die regelmäßig katastrophale Vorgänge kleinreden, scheint die Gründung einer WACA geboten. Nichtregierungsorganisationen wie Transparency International oder Play the Game fordern das seit Langem.

Nur haben weder der Sport noch die Politik Interesse daran. Zwar arbeiten Sportkonzerne wie der Welt-Cricketverband, die FIFA oder das IOC nun seit einiger Zeit mit Kriminalisten zusammen, kooperieren mit Scotland Yard, Interpol und anderen Fahndern – doch dabei geht es fast nur um Wettbetrug und Spielmanipulationen. Es gibt keine Instanz, die der Korruption unter Sportfunktionären, die zumeist mehrere Generationen im Amt sind, Einhalt gebieten könnte.

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