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StartseiteDlf-MagazinGregor und Sahra26.09.2013

Gregor und Sahra

In der Linken-Fraktion bahnt sich ein Führungskampf an

Die Linke ist drittstärkste Kraft im Bundestag, doch die SPD wird sie wohl nicht in eine Koalition holen. Doch Fraktionschef Gregor Gysi gibt den Berufsoptimisten. Gut stehe sie da, die Linke. Doch aus den Flügeln ereilt den Fraktionschef der Ruf nach einer Doppelspitze – ausgerechnet mit Sahra Wagenknecht.

Von Gerhard Schröder

Sahra Wagenknecht und der Fraktionsvorsitzende Gysi (beide Die Linke) (dapd / Maja Hitij)
Sahra Wagenknecht und der Fraktionsvorsitzende Gysi (beide Die Linke) (dapd / Maja Hitij)

Dichtes Gedränge vor dem Fraktionssaal der Linkspartei. Es wird Sekt gereicht, die Stimmung ist ausgelassen. Dietmar Bartsch, der hochgewachsene Realo aus Schwerin, steht an einem Stehtisch und scherzt mit Parteifreunden. Sahra Wagenknecht, die Galionsfigur des linken Flügels, heute ganz in Rot gekleidet, gibt Interviews. Dann bildet sich eine Menschentraube, die Kameraleute bringen sich in Position: Gregor Gysi, der Fraktionschef ist da.

Zwar hat auch die Linkspartei bei der Wahl einige Federn lassen müssen. Aber was heißt das schon. Wir sind drittstärkste Fraktion im Parlament, ruft Gysi den Abgeordneten zu.

"Wenn ich das 1990 prophezeit hätte, wäre ich in die Psychiatrie geschickt worden und hätte mich auch nicht gewehrt. Weil es so absurd geklungen hat, damals. Das zeigt, dass wir einen guten Weg zurückgelegt haben."

Gysi ist Aushängeschild und Fixstern der Fraktion. Er begrüßt die Neulinge und verabschiedet die Aussteiger. Dagmar Enkelmann, die einflussreiche Fraktionsgeschäftsführerin zum Beispiel, die zur parteinahen Rosa-Luxemburg-Stiftung wechselt. Oder Ulrich Maurer, den früheren Sozialdemokraten, der in den Ruhestand geht.

"Da hat er eine Art, um die ich ihn richtig beneiden kann, wie man denn glätten kann und sagt nun reg dich doch nicht auf, hör mal zu, wir machen das dann so und so. Das hat dann auch entsprechende Wirkung bei mir."

64 Abgeordnete umfasst die neue Fraktion, 32 aus dem Westen, und 32 aus dem Osten. Eine ideale Mischung, schwärmt Gregor Gysi. Ob es auch eine harmonische Verbindung wird, muss sich allerdings noch herausstellen.

"Wir brauchen uns alle und wir brauchen auch keine Kämpfe zwischen uns. Wir müssen für die Bürgerinnen und Bürger streiten, die uns gewählt haben und nichts Anderes."

Dieter Dehm, der Parteilinke aus Niedersachsen, steht im Gedränge vor dem Fraktionssaal zwei Schritte neben Gregor Gysi. Er hat tags zuvor per Zeitungsinterview eine kleine Bombe gezündet. An der Spitze der Fraktion muss ein Duo stehen, sagt er.

"Jetzt muss eine Doppelspitze her. Eine Doppelspitze, von der ich übrigens glaube, dass alle anderen Parteien – auch die, die aus dem Bundestag geflogen sind – beneiden: nämlich Sahra Wagenknecht und Gregor Gysi."

Die Zeit der Alleinherrscher sei vorbei, sagt Dehm, und meint natürlich Gregor Gysi. Inzwischen wagen sich auch andere Genossen vor. Sevim Dagdelen zum Beispiel, bislang migrationspolitische Sprecherin der Fraktion. Auch Andre Hunko aus Nordrhein-Westfalen hält inzwischen eine Doppelspitze für die ideale Lösung:

"Ich fände es naheliegend, ja ich fände, es entspricht auch dem realen Einfluss in der Gesellschaft. Wäre eigentlich logisch."

Das Problem an der Sache: Gysi will nicht. Schon vor zwei Jahren hat er einen Vorstoß der Wagenknecht-Truppe auf die Fraktionsspitze abgewehrt. Und er wird auch dieses Mal nicht klein beigeben, sagt Stefan Liebich, der Realo aus Berlin:

"Gregor Gysi ist nicht jemand, der in eine Doppelspitze mit Sahra Wagenknecht gehört, sondern er ist der alleinige Fraktionsvorsitzende."

Erinnerungen werden wach an die zermürbenden Grabenkämpfe nach der Bundestagswahl 2009, als sich Fundis und Realos, Ossis und Wessis unversöhnlich gegenüberstanden. Und die Partei in eine tiefe Krise stürzten.

Am Wahlabend ist die Welt der Linken noch in Ordnung. Fraktionschef Gregor Gysi wird mit stehenden Ovationen empfangen. Er steht auf der Bühne und wirft einen Blumenstrauß in die begeisterte Menge.

"Herr Dr Bartsch wir haben Sie doch schon gesehen in voller Schönheit seien Sie willkommen …"

"Und Klaus, bis du auch fertig mit deinem Interview …"

Die Machtverhältnisse scheinen geklärt. Während Gysi gefeiert wird, wartet Sahra Wagenknecht, seine parteiinterne Rivalin, unschlüssig am Bühnenaufgang und wartet, dass sie aufgerufen wird. Inzwischen steht das gesamte Spitzenteam auf dem Podium, nur die linke Vorzeigefrau fehlt, es fällt niemandem auf.

Zwei Tage später sieht die Welt schon ganz anders aus. Jetzt steht Sahra Wagenknecht wieder im Blickpunkt. Als mögliche Herausforderin von Gregor Gysi.

"Ich denke, wir sollten uns da in der Fraktion verständigen. Ich hoffe nicht, dass das wieder zu Machtkämpfen und Zerrreißproben führt, sondern ich finde, da muss man einfach eine Lösung finden, die auch dem Außenbild, das wir jetzt nicht nur im Wahlkampf, sondern eigentlich schon seit längerer Zeit bieten, entspricht."

Der linke Parteiflügel, der Wagenknecht als gleichberechtigte Vorsitzende an die Seite von Gysi hieven will, beruft sich auf das Fraktionsstatut. Das verlangt schon seit 2010 ein gemischtgeschlechtliches Duo an der Spitze. Für Stefan Liebich, den Abgeordneten aus Berlin, spielt das aber keine Rolle:

"Natürlich müssen wir über den Generationenwechsel reden und da wird auch Sahra Wagenknecht eine entscheidende Rolle spielen. Sie ist eine unserer bekanntesten Politikerinnen aber nicht an der Seite von Gregor Gysi, sondern in einer Zeit, wenn er nicht mehr Fraktionsvorsitzender ist."

Für Klaus Ernst, den linken Gewerkschafter aus Schweinfurt, ist die Sache nicht so klar. Er kann sich eine Doppelspitze gut vorstellen. Das würde dem Kräfteverhältnis in der Fraktion entsprechen, sagt er.

"Ich hätte nichts dagegen, das so zu machen und viele andere in meiner Partei auch nicht. Es gibt andere, die sagen, lass den Gregor das noch mal zwei Jahre oder eine Zeit alleine weitermachen. Ich bin da vollkommen offen. Mir kommt es darauf an, dass wir die ganze Geschichte auf gleicher Augenhöhe hinkriegen aber ich glaube, das gelingt."

Eines will aber auch Ernst unbedingt vermeiden. Einen erneuten internen Machtkampf. Es geht nur gemeinsam, warnt er, sonst erleiden wir das Schicksal der FDP.

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