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StartseiteHintergrundGrenzenlose Heimat14.01.2006

Grenzenlose Heimat

Die Migration nach Griechenland

Griechenland um 1920. An einem Hafen warten 700 Frauen auf die Ankunft des Ozeandampfers, der sie nach Amerika bringen wird. Nach Amerika, wo unverheiratete Einwanderer auf sie warten.

Von Alkyone Karamanolis

Der Zustrom nach Griechenland soll gesetzlich geregelt werden. (AP)
Der Zustrom nach Griechenland soll gesetzlich geregelt werden. (AP)
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Was die Frauen aus ihrer Heimat forttreibt? Hunger, Naturkatastrophen und eine aussichtslose Zukunft. In seinem jüngsten Film erzählt der griechische Regisseur Pantelis Voulgaris die Geschichte dieser Frauen.

Griechenland heute. Eine Fußgängerzone in Athen; Partymeile. Wie an einer Perlenschnur reihen sich Bars und Cafés aneinander - das einzige, was Griechenland produziert, hatte ein Freund einmal gesagt. In einer dieser Bars also wartet Nikos – der die ersten 13 Jahre seines Lebens Albert hieß. Bis er seine Heimat Albanien verließ und nach Griechenland kam. Anfang der 90er Jahre war das, kurz nach dem Zerfall des Ostblocks. Damals strömten Hunderttausende Ausländer nach Griechenland, das politisch nicht im Mindesten auf ihre Ankunft vorbereitet war. Die Bevölkerung behalf sich also mit Notlösungen, wie etwa der, den Ankommenden griechische Namen zu geben. Allerdings, und das will er klar stellen: Er war nicht einer von denen, die zu Fuß über die Berge gekommen sind, sagt Nikos - Albert:

"Meine Mutter war in Albanien Lehrerin an einem Gymnasium, und wir haben einen Schulausflug hierher gemacht – ganz legal, mit einem Visum. Wir waren also schon in Griechenland, und da hat meine Mutter gesagt: Was sollen wir denn nach Albanien zurückgehen? Das Leben dort war schwer: Ein politisches System von 50 Jahren war zusammen gebrochen, es gab Krawalle – und niemand wusste, ob er am nächsten Tag noch Arbeit hätte. Also haben wir meinen Vater angerufen, dass er nachkommen soll. Ihr seid verrückt, hat er gesagt, kommt sofort nach Hause! Aber dann hat er sich doch überzeugen lassen. "

Heute putzt die Mutter – ehemals Mathematiklehrerin – Wohnungen, und der Vater – ehemals Ingenieur – putzt Treppenhäuser. Nikos hat studiert und arbeitet in einer Bank. Alles wäre perfekt, sagt er, wären da nicht die hohen Kosten für die Aufenthaltserlaubnis und der bürokratische Aufwand, der einen verzweifeln lasse – und Wartezeiten, die oft die Gültigkeitsdauer der beantragten Papiere überschreiten, so dass sie schon abgelaufen sind, wenn man sie ausgehändigt bekommt. In solchen Momenten haderten seine Eltern mit ihrer Entscheidung, ausgerechnet nach Griechenland gekommen zu sein: Er selbst will in Griechenland bleiben, sagt Nikos, er fühle sich wohl hier: Die Mentalität der Menschen, das Essen, die Landschaft, all das erinnere ihn an seine erste Heimat Albanien. Manche Griechen, für die das Land jenseits der Grenze der Inbegriff für Rückständigkeit ist, dürften das wohl nicht besonders gerne hören. Wir lieben Griechenland mehr als Griechenland uns liebt, hatte ein anderer, ein rumänischer Bekannter einmal gesagt. Auch Nikos Bekannte lieben Griechenland. Mit Einbruch der Dunkelheit sind vor den Bars fliegende Händler aufgetaucht - wie aus dem Nichts - und haben ihre Waren ausgebreitet. Markentaschen und Pashmina-Schals für fünf bis 15 Euro. Das mit der Marke darf man nicht so ernst nehmen.

Er sei aus Bangladesch, erzählt einer der Händler, ein Mann Anfang zwanzig. Er ist ausgesucht höflich – und auffallend sorgsam gekleidet. Journalist sei er gewesen, bei einer Tagszeitung, aber die politische Lage sei schwierig in Bangladesch. Also habe er sein Land verlassen. Vor sieben Monaten und 15 Tagen. Wie er nach Griechenland gekommen sei? Im Boot. Aus der Türkei. Legal oder illegal? Na ja, schon eher illegal, antwortet er und lächelt verlegen aber nicht direkt schuldbewusst. Was hätte er denn sonst tun sollen, sagt sein Blick.

Alexandros Zabos würde man durchaus zutrauen, dass er den Mann aus Bangladesch zutiefst versteht. Zabos leitet das Staatliche Griechische Migrations-Institut, doch die Selbstherrlichkeit griechischer Amtsinhaber liegt ihm fern. Vielmehr bemüht er sich zu erklären – auch das Unerklärliche. Und die griechische Migrationspolitik der letzten Jahre war in weiten Teilen unerklärlich. Nun soll ein neues Gesetz Abhilfe leisten, das den Zustrom der Migranten nach Griechenland regeln soll. Schätzungen zufolge sind seit Anfang der 90er Jahre rund 1,2 Millionen Ausländer nach Griechenland gekommen – nur: Genaue Zahlen haben auch die Behörden nicht, gibt Alexandros Zabos zu.

"Unsere Grenzen sind sehr schwer zu bewachen! Wir sind der einzige EU-Staat, der keine gemeinsame Grenze mit einem anderen Staat der EU hat! Also geben wir riesige Summen für die Grenzsicherung aus. Aber: Die Berge, das Meer, wie soll man das effektiv kontrollieren? Wir haben zwar ein sehr modernes, satellitengesteuertes Überwachungssystem, das auch die Italiener und die Spanier interessiert. Und: viele Schiffe können wir zurück schicken, so wie sie unsere Gewässer erreichen. Aber wir können nicht hinter jedem einzelnen Boot her sein! Die Insel Samos ist gerade mal 1.300 Meter von der türkischen Grenze entfernt, bei anderen Inseln sind es zwei, zweieinhalb Kilometer. Das wissen natürlich auch die Schlepper. "

Dennoch sind es nur etwa zehn Prozent der illegalen Einwanderer, die über das Meer kommen. Die übrigen versuchen es über die Berge oder über die türkische Grenze – viele lassen auf den Minenfeldern rund um den Grenzfluss Evros ihr Leben. Die, die es bis nach Griechenland schaffen, schlagen sich durch als Illegale.

"Allein zwischen 1994 und 2001 haben wir über zwei Millionen Rückführungen gehabt. Und viele dieser Leute, die wir ausgewiesen haben, sind sieben, acht mal wieder gekommen. Allein mit Polizeimaßnahmen kommt man hier also nicht weiter. Wir haben daher Abkommen mit unseren Nachbarn geschlossen, um zum Beispiel in diesen Ländern bessere Lebensbedingungen zu schaffen. Denn wenn ein Mensch Hunger hat, kann ihn sowieso niemand aufhalten. "

Ein Drittel bis die Hälfte aller in Griechenland lebenden Ausländer leben Schätzungen zufolge ohne gültige Papiere. Eine Legalisierungsaktion, die derzeit läuft, soll auch darüber Klarheit schaffen. Allerdings sind die Kriterien so streng gefasst, dass die Aktion zu scheitern droht. Das ist das eine Problem, sagt Apostolos Kapsalis vom griechischen Gewerkschaftsbund GSEE. Es gebe aber noch einen weiteren wunden Punkt: die Schwarzarbeit. Migranten in Griechenland rutschen immer wieder in die Illegalität, weil ihre Arbeitgeber sie nicht deklarieren – und sie deshalb ihre einmal ausgestellte Aufenthaltserlaubnis nicht verlängern können.

"Die Arbeitgeber werden nicht kontrolliert. Weshalb, darüber gäbe es viel zu sagen! Denn: es ist ja nicht schwer, die Fabriken aufzuspüren, in denen Migranten oftmals ausgebeutet werden wie moderne Sklaven. Aber offenbar fehlt der politische Wille, gegen diese Arbeitgeber vorzugehen. Die Schwarzarbeit wird von offizieller Seite stillschweigend akzeptiert. Was für die Arbeitgeber einen finanziellen Vorteil bedeutet. Aber nur kurzfristig. Mittelfristig wäre es für die Arbeitgeber, ja, für die gesamte Volkswirtschaft, wesentlich hilfreicher, wenn die ausländischen Arbeiter Rechte hätten wie die Griechen auch. Wenn sie sich zum Beispiel fortbilden könnten! Spanien hat es bei seiner Legalisierungsaktion ja vorgemacht. Da hat es eine Abmachung zwischen Regierung, Arbeitgebern und Illegalen gegeben, um gegen die Schwarzarbeit vorzugehen. Doch davon sind wir leider weit entfernt! "

Sehr weit: Wer sich legalisieren lassen will, muss Sozialversicherungs-Beiträge nachweisen. Schwierig für einen Schwarzarbeiter. Daher gibt es die Möglichkeit, nachträglich in die Sozialversicherung einzuzahlen. Nur: Nach den Beiträgen des Arbeitgebers fragt niemand. Letztlich gehe es darum, die Migranten zur Kasse zu bitten, meint daher Apostolos Kapsalis von der Gewerkschaft GSEE. Schließlich koste die Legalisierung je nach Fall bis zu 2.000 Euro, also mehr als das dreifache des durchschnittlichen Monatseinkommens. Und das sind nur die offiziellen Gebühren. Zahlen müssen die Illegalen nämlich auch in den Krankenhäusern, die die notwendigen Gesundheitszertifikate ausstellen. Und weil die Krankenhäuser überlastet sind, gibt es den Untersuchungs-Termin oft nur gegen einen unauffällig überreichten Umschlag mit Barem, heißt es.

Der Film – die Überfahrt der Bräute nach Amerika...

"In Chicago soll es einen See geben – so groß wie die Ägäis! Das ist gut für mich. Griechen können ohne das Blau des Meers nicht leben. "

"Es gibt im Bewusstsein eines jeden Regisseurs Themen, die ihn beschäftigen, oft über Jahre, und die nicht aufhören, nach einem künstlerischen Ausdruck zu verlangen. Für mich ist die Migration so ein Thema. Die Migration hat Griechenland geprägt; es gibt hier keine Familie, die nicht mindestens einen Verwandten im Ausland hat. Und ich habe mich oft gefragt, wie es wohl sein mag, in der Fremde zu leben. Ehrlich gesagt, ich kann es mir gar nicht vorstellen, denn ich brauche Griechenland wie die Luft zum Leben. "

Pantelis Voulgaris, einer der wichtigsten griechischen Regisseure, hat fast zehn Jahre seines Lebens in dieses Projekt gesteckt – und konnte schließlich Martin Scorsese als Produzenten gewinnen. Der Film "Bräute" erzählt die Geschichte der Auswanderung aus Griechenland – aber letztlich, sagt Pantelis Voulgaris, sei das Thema universell. Heute haben sich nur die Migrationsströme geändert, Griechenland ist nicht mehr Auswanderungsland, sondern Einwanderungsland. Und das erfordere natürlich ein Umdenken.

Die Ukrainerinnen in Athen haben ihren Verein "Land des Storches" genannt – weil der Storch ein Symbol ist für das Fortziehen in die Fremde. Hier in der Fremde also arbeiten die Ukrainerinnen – denn ihre Gemeinde besteht in fast nur aus Frauen – als Haushaltshilfen, Kindermädchen und private Altenpflegerinnen. Nur am Sonntag haben sie frei. Dann treffen sie sich im ukrainischen Haus, und unweigerlich kommt das Gespräch auf ihre Lebenspläne und Lebensträume. Die sind aufgerieben worden, irgendwo auf dem Weg von Amt zu Amt und zwischen Legalität, Semi-Legalität und Illegalität, für die die Schuld oft genug bei den Behörden zu suchen ist:

"Ich habe meine Unterlagen eingereicht für eine einjährige Aufenthaltserlaubnis. Ich habe eine Bestätigung bekommen, die besagt hat, mein Antrag sei in Arbeit. Das Jahr ist vergangen, aber meine Aufenthaltserlaubnis hatte ich immer noch nicht. Dann habe ich Unterlagen eingereicht für eine zweijährige Aufenthaltserlaubnis, und man hat mir wieder diese Bestätigung gegeben. Seitdem warte ich. Sollte ich sie jemals bekommen, würde diese Aufenthaltserlaubnis im kommenden Frühling ablaufen. Aber ich glaube sowieso nicht, dass ich sie jemals sehen werde. Doch mit diesen Bestätigungen können wir nicht verreisen, sie gelten bloß innerhalb Griechenlands. Nur manchmal, zu Weihnachten und zu Ostern gibt es eine Sondergenehmigung, dann können wir damit für einige Tage nach Hause fahren. "

Gezahlt hat Olga xxx allerdings. Stolze 300 Euro kostet eine zweijährige Aufenthaltserlaubnis für Griechenland. Das ist ihr halber Monatslohn. Aber der finanzielle Aspekt ist nur das eine, sagt eine andere Frau in der Runde, Orissa Schtokaliuk. Wie soll der Mensch von einer Zukunft träumen, wenn er illegal ist, hatte sie bei einem früheren Treffen einmal gesagt. Von welcher Zukunft reden wir denn überhaupt, und von welchem Leben - sagt sie heute:

"Wenn wir sagen, o.k., es ist besser einen Tag zu leben und am Ende des Tages zu wissen, dass du deinen Lohn erhältst, dann würde ich sagen, ja, es war richtig zu kommen. Aber wenn du dir vorstellst, dass du deine Karriere aufgegeben hast, deine Träume, deine Zukunft – ja, deine Seele! Als wir gekommen sind, da waren wir um die 40. Jetzt sind wir 50 Jahre alt. Und wir leben alleine. Unsere Familien sind in der Ukraine. Wir haben fremde Kinder groß gezogen, und unsere Kinder sind ohne uns erwachsen geworden. Nein, ich kann nicht sagen, dass wir gefunden haben, was wir gesucht haben. Wir suchen immer noch! "

Katastrofa kommentiert das Olga – und rutscht unversehens in ihre Muttersprache; das griechische Wort reicht ihr wohl nicht, um den Tatbestand in seiner ganzen Tragweite auszudrücken.

Das schlimmste, sagt Orissa Schtokaliuk, sei, dass es ihre eigene Entscheidung war zu kommen. Keiner habe sie gezwungen. Und ihr Alltag sei voller Hürden. Mal gibt es keinen Telefonvertrag – außer ein Grieche würde für sie bürgen – mal gibt es Ärger mit der Sozialversicherung oder den Aufenthaltspapieren. Wir leben ein Leben in der Warteschleife, sagt sie.


Das neue Zuwanderungsgesetz soll nun wenigstens bürokratische Hürden abbauen. Glaubt man Alexandros Zabos vom Staatlichen Migrations-Institut, so wird mittelfristig niemand länger als drei Monate auf seine Aufenthalts-Erlaubnis warten müssen. Dass das in Deutschland, sofern man alle Unterlagen dabei hat, innerhalb von Minuten erledigt wird, ist wohl ein unzulässiger Vergleich. Denn die griechische Bürokratie ist so unergründlich wie die Wege des Herrn. Griechische Migration-Experten bezweifeln die vollmundigen Versprechungen von Regierungsseite ohnehin.

Während sich also die Regierung auf die Schulter klopft, dass sie die elf Grundsätze von Groningen – für die bessere Integration von Migranten – in ihr Gesetzeswerk eingebaut hat, kritisieren Migration-Experten aus allen politischen Lagern, dass dies auf dem kleinstmöglichen Nenner geschehen ist. So ist die neue fünf-jährige Aufenthalts-Erlaubnis mit so strengen Auflagen verbunden, dass sich kaum ein Migrant Hoffnung darauf machen kann. Ganz abgesehen von Paragraphen, die jegliche Integration torpedieren. So dürfen die Präfekturen angeben, wie viele Ausländer sie brauchen – und von welcher Nationalität. Und die zweite und dritte Migranten-Generation genießt keinerlei Schutz. Sobald die Jugendlichen volljährig sind, können sie abgeschoben werden, außer sie weisen innerhalb von sechs Monaten eine Arbeit oder einen Studienplatz vor - etwas, was selbst vielen griechischen Jugendlichen schwer fallen dürfte. Letztlich, sagt Theodoros Papatheodorou, zeige sich am neuen Gesetz nur einmal mehr, dass Griechenland von dem Modell eines modernen Rechts- und Sozialstaats noch weit entfernt sei. Der müsste nämlich auch die schwachen Glieder der Gesellschaft schützen.

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