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StartseiteHintergrundDeutschland - gelobtes Land für niederländische Jobpendler02.02.2018

GrenzverkehrDeutschland - gelobtes Land für niederländische Jobpendler

150.000 Niederländer leben in Deutschland. Darunter sind auch Grenzpendler, die weiterhin in ihrer Heimat arbeiten - weil es sich finanziell lohnt. Doch einige sind inzwischen in die Niederlande zurückgekehrt - mit oft harten Konsequenzen.

Von Kerstin Schweighöfer

Niederländer kaufen in Kranenburg, Deutschland, ein.  (imago / Hollandse Hoogte)
Sparfüchse nutzen den Grenzverkehr zum Einkauf. Viele Niederländer leben aber auch in Deutschland, weil fast alles günstiger ist als in der alten Heimat. (imago / Hollandse Hoogte)
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Simon ist aufgeregt. Noch ein paar Stunden, dann macht er sein Schwimmdiplom. Vier Jahre ist er alt und Niederländer. Aber er wohnt in Deutschland, direkt an der Grenze, in der 500-Seelen-Gemeinde Zyfflich. Nach Kleve sind es rund 17 Kilometer, nach Nimwegen nur zehn. In Zyfflich geht Simon auch in den Kindergarten. Schwimmunterricht allerdings hat er auf der anderen Seite der Grenze, in den Niederlanden. Denn, so erklärt seine Mutter Jeanne Heesters:

"In den Niederlanden bekommen die Kinder schon mit vier Jahren Schwimmunterricht, in Deutschland erst ab sechs. Wir Niederländer aber wollen, dass unsere Kinder möglichst schnell schwimmen lernen. Viele deutsche Eltern hier im Grenzgebiet finden das inzwischen auch: Bei den Schwimmstunden auf der anderen Seite der Grenze treffe ich viele deutsche Mütter vom Kindergarten in Zyfflich wieder!"

Arbeiten in den Niederlanden, leben in Deutschland

Jeanne Heesters und ihr Mann Jan gehören dem Heer der niederländischen Grenzpendler an. Ihr Lebensmotto: das Beste aus zwei Welten. Oder, wie die Niederländer sagen: van twee walletjes eten - an zwei Ufern naschen. Denn die Heesters arbeiten nach wie vor in den Niederlanden - sie als Personalberaterin, er als Lehrer. Gewohnt aber wird auf deutscher Seite: Weil es hier mehr Luft und Raum zum Leben gibt. Weil Immobilienpreise und Lebenshaltungskosten viel niedriger sind.

Bereits 1999 sind Jeanne und Jan von Nimwegen aus über die Grenze gezogen. Erst in die Nähe von Kleve, dann - 2009 - direkt an die Grenze in Zyfflich. Dort leben sie mit ihren beiden Söhnen nun in ländlicher Umgebung in einem Einfamilienhaus auf einem fast 1.000 Quadratmeter großen Grundstück. 

"Dabei hatte ich nie vor, in Deutschland zu wohnen. Aber ausschlaggebend war in beiden Fällen das Haus, einfach alles stimmte, auch der Preis. In Nimwegen hätten wir für dieses Geld nichts Vergleichbares finden können. Und die Grenze, die stört uns nicht weiter."

Zins- und Steuervorteile von mehreren hundert Euro

200.000 Euro haben die Heesters 2009 für ihr jetziges Haus gezahlt. In den Niederlanden hätten sie für etwas Vergleichbares gut und gerne 70 oder 80.000 Euro drauflegen müssen. Und wer in Deutschland nur wohnt, aber weiterhin in den Niederlanden arbeitet, der kann - wie in den Niederlanden üblich - obendrein die Hypothekenzinsen von der Steuer absetzen. Ein Vorteil, der pro Monat mehrere hundert Euro ausmachen kann.

Auch das Leben ist in Deutschland billiger. Unter anderem wegen der Mehrwertsteuer, die in den Niederlanden 21 Prozent beträgt. Folge: Bis auf Käse und Blumen ist im Polderstaat fast alles teurer als in Deutschland. Tanken, Taxifahren, auswärts essen, alkoholische Getränke. 

Das hat auch Wietske Verweijen festgestellt, eine niederländische Freundin von Jeanne, die mit ihrer Familie ebenfalls auf die deutsche Seite der Grenze gezogen und gerade auf eine Tasse Kaffee hereingeschneit ist:

"Deshalb kommen viele Niederländer zum Einkaufen zu uns nach Deutschland rüber."

Deutschland - gelobtes Land für viele Niederländer

Für viele Niederländer ist Deutschland zum gelobten Land geworden. 150.000 leben in Deutschland, gut 70.000 in Nordrhein-Westfalen - und von diesen 70.000 die meisten in Grenznähe. Dort sind regelrechte niederländische Kolonien entstanden. Zum Beispiel in Kranenburg, einer knapp 11.000-Einwohner-Gemeinde, zu der auch Zyfflich gehört.

Wohnhäuser in Kranenburg bilden teilweise auch die ehemalige Außenmauer der Stadt.  (imago / Rach)Wohnhäuser in Kranenburg bilden teilweise auch die ehemalige Außenmauer der Stadt. Die 11.000-Einwohner-Gemeinde ist fast so etwas wie eine niederländische Kolonie. (imago / Rach)

"In Kranenburg gibt es einen niederländischen Zahnarzt und einen niederländischen Physiotherapeuten", weiß Carola Schroer vom Grenzinfopunkt der Euregio Rhein-Waal:

"Hier in Kranenburg ist ungefähr ein Drittel von den Einwohnern niederländisch. Der Höhepunkt war eigentlich so um 2014. Da war der Hype der Niederländer: Wir ziehen jetzt nach Deutschland, weil hier ist ja alles günstiger."

Als Erstberaterin beim Grenzinfopunkt Rhein-Waal in Kleve kümmert sich Carola Schroer sowohl um Deutsche als auch um Niederländer, die auf der jeweils anderen Seite der Grenze arbeiten und/oder leben wollen. Ihr Arbeitsgebiet erstreckt sich über Arnheim und Nimwegen bis hin nach Düsseldorf.

Folgen von grenzüberschreitendem Leben und Arbeiten

Was für Folgen hat grenzüberschreitendes Leben und Arbeiten für Steuern, Rente, Kindergeld? Wie regle ich das mit der Krankenversicherung? Mit Fragen wie diesen können sich Jobpendler an einen von insgesamt fünf Grenzinfopunkten wenden.

Vererben zum Beispiel, so  erfahren sie dort, kann man besser in Deutschland, denn der Freibetrag für Kinder und Enkelkinder bei der Erbschaftssteuer liegt dort bei 400.000 Euro - in den Niederlanden hingegen nur bei 20.000 Euro, also 20 mal niedriger. Große Unterschiede auch beim Kindergeld: In Deutschland ist es doppelt so hoch. Niederländischen Familien, die in Deutschland leben und in den Niederlanden arbeiten, zahlt die deutsche Familienkasse deshalb einen Ausgleich.  

"Unsere Beratung ist kostenlos", erklärt Carola Schroer:

"Wir haben verschiedene Partner in dem Projekt. Die sociale verzekeringsbank, die Agentur für Arbeit in Wesel, die deutsche Rentenversicherung und die Gewerkschaften."

Die Grenzinfopunkte sind eine Initiative der deutsch-niederländischen Euregio. Dieser Zweckverband wurde 1958 als erste Europaregion gegründet.  Ziel der Euregio ist es, die periphären Grenzgebiete wirtschaftlich und sozial zu stärken, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu fördern und das Miteinander durch den Abbau von Barrieren zu erleichtern. Zum Beispiel durch die Grenzinfopunkte. Oder Grenzpendlersprechstunden.

Niederlande: Grenzschild an der Grenze zur Bundesrepublik Deutschland  (imago / Jürgen Ritter)Niederlande: Grenzschild an der Grenze zur Bundesrepublik Deutschland (imago / Jürgen Ritter)

Darüber hinaus gibt es Info-Abende. Zum Steuer- und Erbrecht. Oder zum Immobilienmarkt. Ein solcher Infoabend sollte vor kurzem in Kranenburg stattfinden, wurde aber kurzfristig nach Rücksprache mit dem Bürgermeister wieder abgeblasen, so Carola Schroer:

"Da hat er mir gesagt: ‘Das lassen wir lieber. Ich habe keine Grundstücke mehr. Kranenburg ist im Moment voll.’"

Die meisten Niederländer bleiben unter sich

Carola Schroer ist selbst Niederländerin und lebt in Kranenburg. 46 Jahre ist sie alt und seit 23 Jahren mit einem Deutschen verheiratet. Vor elf Jahren haben die beiden gebaut. Für einen Quadratmeter voll erschlossenes Grundstück zahlten sie damals 140 Euro:

"Das ist ja nix. In Nimwegen liegt der Quadratmeterpreis um 400, 450 Euro."

Kein Wunder also eigentlich, dass es ihre Landsleute in Scharen über die Grenze zog. Wo einige sofort ihren sprichwörtlichen Handelsgeist unter Beweis stellten:

"Es war damals so schlimm, dass die Niederländer Grundstücke gekauft haben für 140 Euro pro Quadratmeter, aber dann wieder für viel Geld verkauft haben. Wir haben damals zum Beispiel die Auflage bekommen, wir müssen die ersten fünf Jahre hier selbst wohnen und dürfen es auch nicht irgendwie vermieten oder veräußern."

Die meisten der nach Deutschland emigrierten Niederländer, so hat Carola Schroer festgestellt, bleiben unter sich. Die integrierten sich nicht:

"Nee. Nee. Leider."

...die lebten ihr Leben einfach auf der deutschen Seite der Grenze weiter: Sie schauen nach wie vor niederländisches Fernsehen, lesen niederländische Zeitungen. Morgens fahren sie zum Arbeiten über die Grenze, abends wieder zurück. Und ihre Kinder schicken sie weiterhin auf niederländische Schulen. 

"Auch Sport- und Musikschulen, das passiert über die Grenze, und nicht hier in Deutschland."

Die Vorteile der Zweisprachigkeit

Dabei haben sich viele Schulen längst auf die niederländischen Immigrantenkinder eingestellt und bieten zweisprachigen Unterricht an. An der Realschule in Kranenburg können sogar seit kurzem sowohl niederländische als auch deutsche Schulabschlüsse gemacht werden. Sodass die Schüler problemlos weiterführende Berufs- oder Fachhochschulen auf beiden Seiten der Grenze besuchen können. 
Jeanne Heesters und ihre Freundin Wietske schicken ihre Kinder im Gegensatz zu vielen ihrer Landsleute ganz bewusst auf deutsche Schulen und Kindergärten.  Weil sie dadurch zweisprachig aufwachsen können:     

"Das ist der vielleicht größte Vorteil, den es hat, im Grenzgebiet zu leben!"

"Meine Kinder sprechen inzwischen viel besser deutsch als ich, das werde ich nie mehr aufholen. Sie verbessern mich sogar und sagen: ‘Mama, nein - so sagt man das nicht!’  Aber das macht nichts: Ich bin unglaublich stolz auf sie und dass sie so gut deutsch sprechen."

Dass es an deutschen Schulen hierarchischer und formeller zugeht als in den Niederlanden, nehmen die beiden Mütter in Kauf:    
 
 "Ich finde es sehr schön, wie sie das auf der Grundschule in Kranenburg geregelt haben: Zu den niederländischen Lehrern dürfen die Kinder 'Du' sagen, aber die deutschen werden gesiezt. Das kennen wir in den Niederlanden nicht. Ich finde es aber gut, dass meine Kinder lernen, ältere Menschen zu siezen!"

Jeanne und Wietske haben gute Kontakte zu ihren deutschen Mitbürgern. Beide Frauen versuchen, aktiv am Dorfleben teilzunehmen, sie engagieren sich im Kindergarten, im Fußballclub und im Schützenverein: 

"Man muss schon selbst etwas tun und in seine Umgebung investieren!"

Grenzgänger für die Arbeit

Das gilt auch für jene Grenzgänger, die nicht zum Wohnen über die Grenze ziehen, sondern - andersherum - zum Arbeiten. Ein Klassenzimmer in der Volkshochschule von Zevenaar, einem niederländischen Grenzort, so ziemlich genau zwischen Arnheim und Emmerich. An U-förmig angeordneten Pulten sitzen ein gutes Dutzend niederländische Männer und Frauen und warten auf den Beginn der Deutschstunde:

"Mijn naam is Roland. Ich bin 55. Ich habe gearbeitet im ICT Bereich als Systemadministrator und möchte wieder eine Stelle haben in diesem Bereich. In Deutschland oder in Nederland. Ich brauch’ ne Stelle."

"Ich bin René Wiegels. Ich komme aus der Nähe von Arnheim, und ich suche etwas im Verkauf, im technischen Verkauf. Ich habe keine Angst in Deutschland zu arbeiten. Es ist eine Herausforderung."

Roland und René sind Teilnehmer des Projekts "Grenzen bewegen" - eine Euregio-Initiative, die seit 2015 versucht, Arbeitslosen im gesamten Grenzgebiet wieder eine feste Stelle zu verschaffen - egal, ob auf deutscher oder niederländischer Seite, so Projektkoordinator Bart Colsen:

"Wer arbeitslos wird, sucht normalerweise in einem Radius  von 70 Kilometern nach Arbeit. Nur im Grenzgebiet nicht – da wird aus diesem Kreis auf einmal ein Halbkreis. ‘Warum eigentlich?’, haben wir uns gefragt. Die Chancen, wieder Arbeit zu finden, sind bei einem ganzen Kreis doch viel grösser! Und genau das machen wir – wir suchen auch auf der jeweils anderen Seite der Grenze."

Vorbereitung auf die Erfordernisse beider Arbeitsmärkte

Drei Monate lang werden die Teilnehmer auf beide Arbeitsmärkte vorbereitet, bekommen Einsicht in die Sozialversicherungssysteme der beiden Länder und Sprachunterricht, vertiefen sich in die Kultur des Nachbarlandes, lernen, einen Lebenslauf und ein Bewerbungsschreiben zu verfassen. Das Projekt läuft noch bis Ende 2018. Das Budget für diese ersten drei Jahre betrug 800.000 Euro. Die Hälfte kam aus Brüssel, der Rest von den Sozial- und Arbeitsämtern auf beiden Seiten der Grenze.

Colsen hofft auf eine Verlängerung, denn schon die Zwischenbilanz kann sich sehen lassen: Von den bisher rund 200 Teilnehmern haben 40 Prozent bezahlte Arbeit gefunden, und von diesen 40 Prozent haben 20 Prozent den Sprung über die Grenze gewagt - sie arbeiten dort auf dem Bau, als kaufmännische Angestellte, im Einzelhandel oder auf dem Markt.  Sprach- und Verständigungsprobleme, so Colsen, seien eine Ausnahme. Eigentlich hat er nur zwei Wünsche: dass die Anerkennung von Berufsabschlüssen wie im Handwerk oder der Pflege einfacher wird. Dafür setzt sich die Euregio schon seit Jahren ein, da müsse noch viel geschehen:  

"Das gilt auch für die öffentlichen Verkehrsverbindungen im Grenzgebiet. Die sind noch nicht optimal. Wir haben zwar jetzt eine neue Verbindung von Arnheim über Zevenaar und Emmerich nach Düsseldorf. Darüber sind wir sehr froh. Aber zwischen Nimwegen und Kleve fahren immer noch keine Züge! Das muss anders werden!"

Landschaft bei Kranenburg an der Grenze zu den Niederlanden.  (imago)Landschaft bei Kranenburg an der Grenze zu den Niederlanden. (imago)

Zwei Länder - zwei Sozialversicherungssysteme

Und was ist mit den unterschiedlichen Sozialversicherungssystemen, mit Steuer, Rente, Arbeitslosigkeit? Führt das nicht zu einem fürchterlichen Papierkrieg? 

"Es geht um zwei Länder, also auch um zwei Systeme. Da gibt es natürlich mehr zu regeln. Aber es ist erträglich geworden. Ganz ohne diesen Mehraufwand wäre es angenehmer, klar. Das kann man sich auch wünschen, aber es ist unrealistisch. Zu einer vollständigen Harmonisierung wird es nie kommen. Wichtig ist, dass wir die Leute gut über die Unterschiede informieren."

Immerhin sorgt das deutsch-niederländische Doppelbesteuerungsabkommen schon seit Jahrzehnten dafür, dass niemand mehr oder gar doppelt Steuern zahlen muss, nur weil er auf der anderen Seite der Grenze arbeitet.

Auch bei der Rente entstehen keine Nachteile. Die Rentensystem sind zwar sehr unterschiedlich. Aber die Rente, die man in seinem Heimatland aufgebaut hat, geht nicht verloren, betont Carola Schroer vom Grenzinfopunkt:  

"Und dann bekommt man später, wenn man im Rentenalter ist, von zwei Ländern Rente."

Vorteile der niederländischen Bürgerversicherung 

Große Unterschiede auch bei der Krankenversicherung: Die Niederländer haben das Zweiklassensystem von Kassen- und Privatpatienten schon 2006 abgeschafft, sie kennen nur noch eine Bürgerversicherung. Diese Basisversicherung deckt zwar nur das Notwendigste ab - Krankenhaus, Hausarzt; für alles andere wie Zahnarzt oder Physiotherapie müssen die Niederländer Zusatzversicherungen abschließen. Unterm Strich bleibt es für sie trotzdem billiger als in Deutschland. Wobei sie als Grenzgänger erneut von zwei Ufern naschen können. Denn, so Carola Schroer:  

"Wenn zum Beispiel ein Niederländer hier in Deutschland wohnt, aber in Holland arbeitet, dann ist er in beiden Ländern krankenversichert. Das ist natürlich ein Vorteil … Die bleiben dann bei der niederländischen Krankenkasse und zahlen da ihre Beiträge, gehen dann hin und fragen ein S1-Formular an. Und dann geben die das Formular einer deutschen Krankenkasse ihrer Wahl, wir haben ja genug. Und dann sind die in beiden Ländern krankenversichert."

Dann können sie auch in beiden Ländern nach einem Arzt ihrer Wahl suchen. Oder Wartezeiten umgehen und schauen, wo sie am schnellsten an die Reihe kommen:  Wieder ein großer Vorteil, den Wohnen im Grenzgebiet mit sich bringt, findet Jeanne Heesters. Und ihre Freundin Wietske Verweijen erzählt: 

"Ich musste einen Arzttermin für einen Hörtest machen, für meine Älteste. Aber da hätte ich hier in Deutschland ein Dreivierteljahr warten müssen, das dauerte mir zu lange. Ich habe dann auf niederländischer Seite einen HNO-Arzt gefunden, und da dauerte es nur drei Wochen!"

Arbeitslose in den Niederlanden bekommen mehr Geld

Für Arbeitslose allerdings ist Deutschland alles andere als das gelobte Land: Wer in Deutschland wohnt und in den Niederlanden arbeitet, bekommt zwar zunächst niederländisches Arbeitslosengeld. Zwei Jahre lang, also ein Jahr länger als in Deutschland. Dann aber fällt er unter das deutsche Sozialversicherungssystem. Was heißt: Er wird zum Hartz-IV-Empfänger. Und dann geht es ihm finanziell weitaus schlechter als einem niederländischen Sozialhilfeempfänger: Der bekommt - als Alleinstehender - pro Monat rund 992 Euro netto, also mehr als doppelt so viel wie ein HartzIV-Empfänger.

Viele niederländische Grenzpendler haben deshalb bereits zum Rückzug aus dem gelobten Land geblasen. Denn die Niederlande haben gerade eine schwere Rezession hinter sich, die viele den Job gekostet hat, auch unter den Grenzgängern. Das Haus, in dem sie wohnen, können sie sich nun nicht mehr leisten. Carola Schroer vom Grenzinfopunkt:

"Deshalb stehen auch hier in Kranenburg ganz viele "te koop"-Schilder in den Gärten vor den Häusern. Weil die Leute es nicht mehr aufbringen können. "

Böses Erwachen bei der Rückkehr

Und wer sein Haus dann verkaufen will, erlebt ein zweites böses Erwachen: Er muss feststellen, dass er es zu teuer erworben hat. Folge: Er bleibt darauf sitzen - oder muss es unter Wert verkaufen, so Diplom-Ökonomin José de Baan von der Rechtsanwalts- und Steuerberatungskanzlei Strick in Kleve, die sich - wie viele im Grenzgebiet - auf den deutsch-niederländischen Grenzverkehr spezialisiert hat. Denn auch die Deutschen hätten angesichts der großen Nachfrage beim Verkauf ihrer Immobilien Handelsgeist bewiesen, so José de Baan:

"Die haben sich gedacht: Ach, den Niederländern können wir die Häuser teurer verkaufen. Die haben das Geld dafür. Oder die Finanzierungsmöglichkeiten. Und das wird natürlich ein Problem, wenn die Niederländer wieder ihre Häuser verkaufen wollen."

Und nicht nur aufgrund von Arbeitslosigkeit sind viele Niederländer in die Heimat zurückgekehrt oder versuchen es. Weitere Gründe sind Scheidung und, so José de Baan: 

"Der eine oder andere kriegt natürlich auch Heimweh."

Weil es dann doch anders ist als gedacht. Weil es zu umständlich wird, die Kinder jeden Tag über die Grenze zur Schule zu fahren. Weil man isoliert gelebt, keine Wurzeln geschlagen und keine Freunde gewonnen hat.

Wietkse Verweijen hingegen und ihre Freundin Jeanne, die kennen kein Heimweh. 

"Heb ik niet. Nee."

Sie würden Heimweh bekommen, wenn sie zurück in die Niederlande gingen. 
Ihr Zuhause ist hier, auf der deutschen Seite der Grenze:

"Ik wil hier niet meer weg. Het is helemaal ok!" 

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