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StartseiteEuropa heuteAufschwung mit Abstrichen15.12.2017

GriechenlandAufschwung mit Abstrichen

Die Arbeitslosenquote in Griechenland ist 2017 um acht Prozentpunkte gesunken. Die griechische Regierung feiert das als Erfolg. Schaut man aber genauer hin, stellt man fest, dass trotz Reformen noch vieles im Argen liegt. Und auch die Arbeitslosenstatistik ist nicht so positiv, wie es zunächst scheint.

Von Rodothea Seralidou

Gewerkschaftsstreik in Athen aus Protest gegen die Sparpolitik der Regierung (AFP / Sakis Mitrolidis )
Giorgos Argeitis vom Arbeitsinstitut des griechischen Gewerkschaftsdachverbands GSEE sagt: "Da sehen wir, dass es bei Teilzeitjobs und Kurzarbeit einen großen Anstieg gibt, während die Vollzeitjobs weniger werden [..]" (AFP / Sakis Mitrolidis )
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Die 35-jährige Panajiota Karageorgou sitzt in einem Straßencafé in der Athener Innenstadt und liest ein Buch. Panajiota hat Physik studiert. Der einzige Job aber, den sie finden konnte, ist in einem Call-Center. Sie arbeitet sechs Stunden am Tag und bekommt am Ende des Monats 380 Euro netto:

"Eigentlich wollte ich Physik-Lehrerin werden, aber es werden ja kaum mehr Lehrer eingestellt. Nun habe ich diesen Job gefunden und so wie ich, arbeiten viele junge Leute in Griechenland in Call-Centern. Doch von dem Geld, was wir verdienen, können wir nicht leben. Ich wohne mit meinem Freund zusammen, deshalb kommen wir einigermaßen über die Runden. Wir können zwar nie pünktlich die Miete zahlen, aber zumindest teilen wir uns alle Ausgaben."

Mindestlohn gesunken, die Moral auch

Die junge Frau ist kein Einzelfall. Die Löhne sind seit Beginn der Krise in der griechischen Privatwirtschaft um durchschnittlich 18 Prozent gesunken, der Mindestlohn beträgt nur noch 590 Euro brutto - 160 Euro weniger als noch vor fünf Jahren. Hinzu kommt: Jeder Dritte arbeitet mittlerweile Teilzeit und verdient im Durchschnitt weniger als 400 Euro.

Genau diese Merkmale zeichneten auch die neu entstandenen Jobs aus, sagt Giorgos Argeitis vom Arbeitsinstitut des griechischen Gewerkschaftsdachverbands GSEE: "Da sehen wir, dass es bei Teilzeitjobs und Kurzarbeit einen großen Anstieg gibt, während die Vollzeitjobs weniger werden. Die Menschen finden also Arbeit, bekommen aber meist nur die Hälfte des Mindestlohns, weil sie als Teilzeitkräfte eingestellt werden. Oft müssen sie aber länger arbeiten, ohne für die Überstunden bezahlt zu werden. Die Arbeitgeber senken dadurch ihre Personalkosten, die Arbeitnehmer aber werden gleichzeitig in ihrer Lebensqualität eingeschränkt."

Die gesunkene Arbeitslosenquote mag einerseits an den schlecht bezahlten Teilzeitjobs liegen, es gebe aber auch weitere Faktoren, die die Zahlen besser aussehen ließen, als die Situation tatsächlich sei, sagt Argeitis.

Zahlen sind nicht alles

"Alle stürzen sich auf die Arbeitslosenquote. Diese berücksichtigt aber nicht die Langzeitarbeitslosen, die die Arbeitssuche schon längst aufgegeben haben und sich nicht mehr beim Arbeitsamt melden. Vor der Krise waren das rund 30.000 Menschen, heute sind es 110.000. Und es werden auch diejenigen nicht erfasst, die ausgewandert sind. Das sind nach Angaben der Bank of Greece innerhalb weniger Jahre 450.000 Griechinnen und Griechen gewesen."

Ausschlaggebender als die Zahl der Arbeitslosen sei die Beschäftigungsquote, sagt Argeitis. Diese zeige, wie viele Menschen von denen, die arbeiten könnten, tatsächlich auch beschäftigt sind:

"Wir kommen in Griechenland auf eine Beschäftigungsquote von 54 Prozent, während diese in den meisten anderen europäischen Ländern bei über 70 Prozent liegt. In Deutschland zum Beispiel. Die EU hatte sich mit der Agenda für Europa 2020 unter anderem zum Ziel gesetzt, dass drei von vier Personen beschäftigt sein sollen. Davon sind wir weit entfernt."

Und doch feiert die griechische Regierung die neuen Zahlen als Erfolg, freut sich über den erzielten Haushaltsüberschuss, über die gesunkene Arbeitslosigkeit.

Optimismus hilft

Die Diplomphysikerin Panajiota Karageorgou schüttelt nur den Kopf. Ihre Lebensrealität sei überhaupt nicht so, wie sie die Regierung gerade präsentiert, sagt sie. Aber sie sei dankbar, zumindest nicht arbeitslos zu sein. Und sie bleibt optimistisch.

"Ich wünsche mir eine Arbeit, die mir Spaß macht und von der ich leben kann. Und nicht nur für mich, für uns alle! Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es besser werden kann!"

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