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StartseiteSonntagsspaziergangKreta für Genießer29.07.2018

GriechenlandKreta für Genießer

Abseits der großen Touristenzentren an der kretischen Nordküste gibt es eine Reihe von Erzeugern, die sich neuen kulinarischen Konzepten und Geschäftsideen verschrieben haben - etwa mit Aloe, einfacher Ernährung und einem exotischen Botanischen Garten.

Von Marianthi Milona

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Ein Bergdorf in Kreta (imago stock&people)
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Strandleben stand dieses Mal auf Kreta nicht für mich an. Ich wollte lieber auf Entdeckungsreise gehen. Menschen finden, die andere Geschichten über Kreta erzählen. Und, wie könnte es im Fall der größten griechischen Insel auch anders sein: Ich wollte Menschen treffen, die mir neue kulinarische Gebiete erschließen. 

Meine erste Station: die Hellenic Aloe Gesellschaft. Mitarbeiter Charalambos Giakoumakis hält gerade ein Seminar über die griechische Aloe. Seit fünf Jahren experimentiert der junge Produzent mit dem Anbau von Aloe auf Kreta. Und seit zwei Jahren bietet er gemeinsam mit seinem engagierten Forschungsteam in der Nähe von Heraklion zwölf Kosmetik- und zwei Ernährungsprodukte an. Alle sind 100 Prozent biologisch und enthalten zwischen 50 und 93 Prozent reine Aloe. 

600 Tonnen Aloe geerntet

Auf einem langen Tisch zeigt Aloe-Fachmann Giakoumakis wie ein Laubblatt der Wüstenlilie, wie Kenner dieses Kaktusgewächs bezeichnen, für die Weiterverarbeitung per Hand aufgeschnitten wird. 

"Das ist ein relativ kleines Blatt, um ihnen zu demonstrieren, wie wir das Gel der Aloe herausnehmen. Dieses wiegt zwischen 600 bis 700 Gramm. Die Aloe wird wie ein Fisch filetiert. Sie schneiden zunächst die Ränder weg. Dann fahren sie mit dem Messer quer durch die Mitte des Blattes, so als würden sie einen Schwertfisch in zwei Stücke teilen. Dafür ist viel Handarbeit erforderlich. Maschinen können das so noch nicht leisten. Schauen Sie, da ist das Gel, das wir anschließend von der Außenschale abziehen." 

Im letzten Jahr konnte dieser Betrieb 600 Tonnen Aloe ernten. Die kretischen Hersteller sind von der heilenden Wirkung dieser Pflanze absolut überzeugt. Und erzählen das auch den Gästen, die bei ihnen anklopfen. Denn dieses Naturprodukt und Wundermittel ist von Jahr zu Jahr auch in Europa immer mehr gefragt. Das Erfrischungsgetränk aus Aloe besteht zu 95 Prozent reinem Aloe Gel. Dem werden nur noch etwas Stevia und ein Schuss Zitrone beigemischt, damit es frischer schmeckt. Darüber hinaus beinhaltet die Aloe 21 Aminosäuren. Sieben davon können wir nicht so leicht in anderen Nahrungsmitteln finden. Und wie die Aloe heilend auf die menschliche Haut wirken kann, das hat Charalambos Giakoumakis vor Ort selbst erleben können.

"Im vergangenen Herbst ist eine junge Frau zu uns gekommen, die uns bei der Ernte helfen wollte. Sie hatte den Sommer über für andere Bauern auf Feldern gearbeitet. Ihre Hände sahen unglaublich rau aus, eher wie alternde Männerhände. Nach einer Woche in Kontakt mit unserer Aloe, waren das nicht mehr dieselben Hände. Sie wirkten frisch und glatt, wie die einer jungen Frau. Sie hatte sich dabei nicht einmal mit Aloe eingecremt. Es war allein der Kontakt mit der Pflanze, der diesen Effekt verursacht hat." 

Olivenöl und Co unweit der berühmten Samaria Schlucht

"Wenn ich etwas braten muss, verwende ich Olivenöl, darüber diskutiere ich einfach nicht," das sagt auf meiner zweiten Kreta-Station Dimitris Batsakis. Der Biologe hat zehn Jahre am Robert-Koch-Institut gearbeitet und an Gemeinschaftsprojekten mit der FU-Berlin geforscht. Als seine Eltern Hilfe brauchten, hat er den Job hingeschmissen und ist in seine Heimat zurückgekehrt. Jetzt arbeitet er im Botanischen Garten unterhalb von Chania, unweit der berühmten Samaria Schlucht. Als Ernährungsexperte und Reiseleiter.

"Stimmt das, dass sie drei Flaschen Olivenöl brauchen?", fragt ihn einer der Restaurantgäste im Botanischen Garten. Dimitris Batsakis Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: "Drei Flaschen die Woche! Ja!"

"Und wie schaffen sie das?", wird er weiter befragt. 

Er erklärt: 

"Mit Brot, so wie sie das heute auch gesehen haben. Sie müssen wissen, meine Ernährung basiert auf Biobrot, Tomaten und Olivenöl und ein bisschen Salz darüber. Dann gibt es bei mir jeden Tag Salat, ebenfalls mit sehr viel Olivenöl darin. Fleisch esse ich ungefähr alle zehn Tage einmal und nur ganz wenig. Sie haben gesehen, dass ich heute, weil wir hier zusammen sind, zwei kleine Stücke Fleisch genommen hab'. Das gibt’s bei mir dann erst wieder nächste Woche." 

Das und vieles mehr erfährt man nur, wenn man abseits der großen Touristenzentren der kretischen Nordküste privat unterwegs ist. Dimitris Batsakis gibt Seminare zur kretischen Ernährung im kleinen Amphitheater des Botanischen Gartens. Später kann kretische Küche im Gartenrestaurant gekostet werden. Dieser Botanische Garten ist in Europa nicht nur einmalig, sondern auch für jeden frei zugänglich. Wie es zu seiner Entstehung kam, das ist wieder eine ganz andere kretische Geschichte, von der Petros Manousakis berichtet. 

"Die Geschichte des Gartens beginnt 2003, als ein riesiges Feuer durch Kabelbrand an den Stromleitungen entstand, bei einem Südwind Stärke 11. Das Feuer breitete sich 24 Stunden lang aus und zerstörte ein riesiges Gebiet mit uralten Olivenbäumen. Unter anderem zerstörte es unseren gesamten Besitz und unsere Olivenpresse. Wir waren total ruiniert. Wir mussten als traditionelle Olivenölproduzenten auf einmal fremdes Olivenöl kaufen." 

Ein Garten mit Mangos, Litschis, Papayas und Guaven

So fand bei Petros Manousakis ein Umdenken statt. Nach der Vernichtung des Familienbesitzes dachte er viel über den Sinn des Lebens nach. Und er entschied sich auf einem 20 Hektar großen Land, etwas für alle Menschen zu gestalten. Petros Manousakis: 

"So kam die Idee einen Botanischen Garten aufzubauen. Denn selbst die Griechen kennen ihre eigene Natur nicht mehr so gut. Ich kannte das Mikroklima der Region. An dieser Stelle herrscht ein tropisches, mediterranes und gleichzeitig alpines Klima. Der Nordwind wird von den Bergen abgeblockt, dann sind wir in einer Höhe von 165 m über dem Meeresspiegel. Und es herrscht auch noch viel Feuchtigkeit, weil unterirdisch das Wasser der Weißen Berge fließt. Hier wachsen Mangos, Litschis, Papayas, Guaven harmonisch neben Apfelbäumen und Kastanien."   

Der Wanderweg durch den Garten ist 2,5 km lang. Entlang des Weges duftet es nach Blumen und Kräutern. Viele einheimische und Zugvögel fühlen sich im botanischen Garten ebenso zu Hause wie kleine Insekten und Bienen. Weil es viele Auf- und Abstiege gibt, ist der Garten leider nicht gut für Menschen mit Behinderung geeignet. Als ich Petros Manousakis nach der Profitabilität seines Unternehmens frage, winkt er nur ab. Inzwischen gäbe es genügend Gäste, sagt Petros Manousakis. Und: 

"Vielleicht sollte ich etwas noch zum Geld sagen. Geld ist nicht gleich Glück, Geld hat nichts mit Liebe, nichts mit Ehre, nichts mit Arbeitsamkeit zu tun. Geld steht ganz wo anders. Es hilft dir manchmal, aber wir Menschen haben da etwas durcheinander geworfen, was Geld ist und was den Nutzen des Geldes anbetrifft. Für mich ist es wichtig geworden, dieser Region zu helfen, ihr nach dem Brand Entfaltung zu ermöglichen, denn sie war total zerstört. Die Freude und das Glück, dass ich dadurch erhalte, ist viel mehr wert, als alles Geld, dass heute reinkommt." 

Im Zentrum für kretische Gastronomie

Letzte und dritte Station meiner Kreta-Etappe findet in Argyroupolis statt, einem nördlichen Küstenort zwischen Rethymnon und Chania. Dort besuche ich das Zentrum für kretische Gastronomie, gegründet vom Verein der Agro-Ernährung, eines Verbands, der sich um mehr Zusammenarbeit unter den kretischen Agrarbetrieben bemüht, um sich zukünftig auch auf europäischen Märkten besser positionieren zu können. Und um auch der jungen Generation eine Zukunft auf Kreta zu ermöglichen. Wie im Fall der Geschwister Marianna und Nikos Halkiadakis. Marianna Halkiadaki über die Gründung der Firma Minoan Gaia:

"Ich habe Architektur und Ingenieurwesen studiert, mein Bruder ist Wirtschaftsingenieur. Wir standen vor fünf Jahren vor der Entscheidung, was wir in der Krise machen sollten. Wir sagten uns, wir wollen nicht weg. Schließlich ist Kreta eine fruchtbare Insel. Im Agrarbereich einerseits, aber auch als Entdeckungstopos und Ort für Abenteuer. So entstand die Idee, das, was unsere Väter und Großväter uns durch ihre Lebensart vorgelebt haben, zu übernehmen und es durch neue Methoden zu vermarkten." 

Die beiden Geschwister Marianna und Nikos arbeiten mit einem eigenen Label von Heraklion aus. Ihr Konzept verknüpft Kultur und Kulinarisches. Sie kaufen hochwertige Produkte wie Olivenöl und Honig von Bauern auf und versehen es mit Abbildungen aus der minoischen Kultur. Die Olivenölflaschen zeigen die Darstellung der Göttin Erde. Auf ihren Honiggläsern ist der Bienentanz abgebildet. Entnommen haben sie es aus dem archäologischen Museum in Heraklion, wo die Motive auf antiken Tongefäßen oder Ringen zu finden sind. Dieses Konzept kommt an, sagt Marianna Halkiadaki.

"Wenn ein Tourist aus einem Museum mit einem bestimmten Bild im Kopf hinauskommt, soll er diese Erfahrung als Erinnerung auf unseren Produkten wiederfinden."

Die Botschaft lautet also: "Ernährung ist eine Erfahrung, die man auf Kreta erleben und auch mit nach Hause nehmen kann."

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