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StartseiteSonntagsspaziergangLebendige Erinnerung an das Massaker von Kalavrita08.12.2013

GriechenlandLebendige Erinnerung an das Massaker von Kalavrita

Der 13. Dezember 1943 ist ein unvergesslicher Tag für die Menschen in Kalavrita. Alle Männer und alle Jungen über zwölf Jahren des Orts wurden von Soldaten der Wehrmacht ermordet. Bis heute ist die Erinnerung an das Verbrechen lebendig.

Der Tod, vielleicht die größte Form des Unglücks (AP)
Gedenken an ein Massaker der Wehrmacht (AP)

Nachts hört man nicht viel in Kalavrita. Die 2500-Seelen-Gemeinde liegt abgelegen. Nur manche wild lebenden Hunde und das Surren der Nachtfalter stören die Stille dieses Bergdorfs. Umgeben von zwei gewaltigen über 2000 Meter hohen Bergmassiven muss man sich Kalavrita über unzählige Serpentinen und einer aufregenden Fahrt durch dichte Wälder annähern. Bei mittlerer Geschwindigkeit braucht es eine gute Stunde, bis man den Ort von der Küste erreicht hat.

Schon bei den ersten Atemzügen nach dem Ausstieg aus dem Wagen empfindet der Reisende die klare Luft als äußerst angenehm. Vor allem zur Sommerzeit ist der Aufenthalt in Kalavrita eine wahre Erholung. Dann ist der Ort nicht überlaufen, wie zur Winterzeit. Kalavrita gehört bei den Griechen zu den beliebtesten und deshalb gern besuchten Winterurlaubszielen. Das moderne Skizentrum ist im ganzen Land bekannt. Im Sommer hingegen trifft man nur selten auf Touristen. Und das, obwohl Kalavrita sich regelrecht für alternative Unternehmungen anbietet: Fahrradfahren, Rafting und Wanderungen.

Holocaust auf dem Kapi-Hügel

Die junge Katerina Wardakastani lebt zwar die meiste Zeit des Jahres in Athen. Doch im Sommer hilft sie ihren Eltern im alteingesessenen "Kafe-Galaktopolio", was so viel heißt wie: Kaffee- und Milchladen. Zu Essen serviert sie alle bekannten griechischen Süßspeisen. Letzten Sommer da hat sie sogar erstaunlich viele fremde Touristen bedient: Franzosen, Engländer, Italiener und Deutsche. Und diese stellten Fragen. Zum Beispiel, was diese vielen Gemälde an den Wänden des Lokals zu bedeuten hätten.

"Was sie sehen, hat ein lokaler Künstler gemalt und hier ausgestellt. Er hat bei seiner Arbeit Kalavrita aus verschiedenen Perspektiven auf seinen Bildern verewigt. Hier in der Mitte sehen sie allerdings den Kapi-Hügel, dort wo unser Holocaust passierte. Sie können ganz deutlich die toten Männer liegen sehen, während die deutschen Soldaten im Halbkreis davor stehen."

Der 13. Dezember 1943 ist ein unvergesslicher Tag für die Menschen in Kalavrita. In jener Nacht wurden alle Männer des Ortes und alle Jungen über 12 Jahren bei einer Sühne- und Vergeltungsaktion von Soldaten der deutschen Wehrmacht ermordet. Die Region um Kalavrita war Partisanengebiet. Vor dem Einmarsch der Deutschen in Kalavrita waren deutsche Soldaten gefangen genommen und umgebracht worden. Das "Massaker von Kalavrita", wie seitdem die Vergeltungsaktion der Deutschen genannt wird, war wohlgeplant. Die deutschen Soldaten waren ganz allein für diese Aktion zwei Tage zuvor in Kalavrita einmarschiert. Während man die Männer zum Tatort brachte, wurden die Frauen, Kinder und Greise in den Räumen der Schule eingeschlossen. Der Ort wurde komplett in Brand gesetzt. Nur durch ein Wunder gelang es den eingeschlossenen Frauen, zu fliehen. Der heute 80-jährige Andreas Danos erinnert sich.

"Dieses Märchen, dass ein Österreicher uns die Tür aufgemacht hat, um uns aus der Schule, die Feuer gefangen hatte zu befreien, das ist erlogen. Glauben Sie das bloß nicht. Wir Jüngeren blieben bei unseren Müttern zurück. Erst Stunden, nachdem die Männer umgebracht worden waren, konnten wir uns aus den Räumen befreien. Wir wissen bis heute nicht, ob jemand von draußen die Tür geöffnet hatte oder ob wir es selbst geschafft hatten sie aufzubrechen."

Warum besuchen so wenige Deutsche diesen Ort?

So paradox das klingen mag, heute fühlen sich die Menschen in Kalavrita durch dieses Ereignis eng mit den Deutschen verbunden. Und sie wundern sich, warum so wenige Deutsche noch immer den Ort besuchen. Besonders zum jährlichen Gedenktag am 13. Dezember. Dann nämlich findet eine Prozession statt. Alle laufen hinauf zur errichteten Gedenkstätte. Der Priester segnet den Ort, der Bürgermeister liest alle Namen der Opfer. Es sind über 600. Im Hintergrund erschallen Gewehrsalven. Viele in Kalavrita glauben heute, es wäre für die Zukunft Europas so ungemein wichtig, wenn Griechen und Deutsche gemeinsam von den Ereignissen in Kalavrita berichten würden.

So denkt auch Dimitris Katsikopoulos. Er ist ehemaliger Abgeordneter der griechischen Sozialisten und leitet heute die Parteizentrale in der nahe gelegenen Hafenstadt Patras. Das Haus seiner Familie befindet sich im Zentrum Kalavritas. Ganz in der Nähe der ehemaligen Schule, die heute zum Museum umgestaltet worden ist. Denn wo man auch geht und steht. Für Dimitris Katsikopoulos erinnert der ganze Ort an die Ereignisse von 1943. Und an den Schmerz, den alle erfahren mussten.

Auch meine Familie hat großes Leid erlebt. Und 70 Jahre danach will die Erinnerung nicht gehen. Auch wenn sich bei 70 Jahres um einen sehr langen zeitlichen Raum handelt. Die Erinnerung bleibt lebendig. Paradoxerweise ist es so, je mehr Zeit vergeht, um so stärker fühlen wir uns an den 13. Dezember 1943 zurück versetzt.

Was für manche als echte emotionale Herausforderung anmutet, ist für die Menschen in Kalavrita inzwischen zu einer pflichtvollen Notwendigkeit geworden: Die historischen Ereignisse von 1943 müssen für die fremden Gäste neu erzählt werden. Zu lange sei gar nichts unternommen worden, glauben vor allem die jungen Menschen des Bergstädtchens. Eine davon ist Angeliki Birba. Sie ist 15 Jahre alt und besucht in Kalavrita das Gymnasium. Eine bessere Reiseleiterin könnte es im Ort gar nicht geben. Ihren Spaziergang durch Kalavrita beginnt sie immer am Bahnhof, der sich am äußeren Stadtrand befindet.

"An diesem Bahnhof kamen auch die Deutschen auf unserer Schmalspurbahn hier an. Sie kamen von Patras. Die Bahn half ihnen auch dabei, für den notwendigen Nachschub an Kleidung und Lebensmittel zu sorgen. Auch Kriegsgefangene und Tiere wurden darin transportiert."

In den Nachkriegsjahren ein Ort der Frauen

In den ersten Nachkriegsjahren war Kalavrita in Griechenland noch als der Ort bekannt, in dem einzig und alleine Frauen lebten. Frauen, die diesen Ort mit eigenen Händen wieder aufbauen mussten. Ihre Männer lebten ja nicht mehr. Doch ganz von der Außenwelt abgeschnitten blieb Kalavrita nie. Für regen Handels- und Reiseverkehr sorgte die ursprünglich 1885 gegründete Schmalspur- und Zahnradbahn, die Kalavrita bis heute mit dem 40 Kilometer entfernt gelegenen Küstenstädtchen Diakofto verbindet.

Inzwischen ist diese besondere Bahn überholt worden und bietet eine atemberaubende Fahrt durch wildromantische Schluchten bis hinunter zur Küste und zurück. Weiter empfiehlt Angeliki allen fremden Gästen, das gegenüber vom Bahnhof gelegene Museum zu besuchen. Es ist in der alten Schule untergebracht. Dort wo die Frauen des Ortes in der Nacht des Massakers gefangen gehalten wurden.

Wäre für die deutschen Griechenlandfans das Städtchen Kalavrita nicht allein schon deswegen eine Reise wert?, fragt sich Angeliki. Dann könnte man sie mit einem Löffel süß eingelegter Rosenblätter empfangen und ihnen zeigen, dass sie alle gemeinsam der Nachwelt beweisen könnten, dass das Leben weiter geht und man aus den Fehlern der Vergangenheit lernen kann.

"Schauen Sie, die Uhr des Kirchsturms blieb stehen, als sie 1943 Feuer fing. Wir bauten zur anderen Seite der Kirche exakt denselben Turm wieder auf. So lernen wir weiter zu leben, ohne zu vergessen. "

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