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StartseiteEuropa heuteReformen machen das Leben noch härter18.10.2016

GriechenlandReformen machen das Leben noch härter

In Griechenland müssen die Menschen seit dem Sommer auf die meisten Lebensmittel 24 Prozent Mehrwertsteuer zahlen. Für manche eine Riesenlast. Für die internationalen Geldgeber Grund zum Lob. Viele Griechen können darüber nur verbittert grinsen. Licht am Horizont sehen sie nicht.

Von Michael Lehmann

Eine Frau schaut sich die Titelseiten der Zeitungen an einem Kiosk in Athen an. (Imago/ Wassilis Aswestopolous)
Griechenland verzeichnet ein leichtes Wachstum. (Imago/ Wassilis Aswestopolous)
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Jeans, Herbstjacken, Gürtel, Schuhe. Im Laden von Haris haben viele Jahre lang Durchschnittsverdiener alles gefunden, was sie zum Anziehen brauchten. Die Krise aber hat dem kleinen Traditionsgeschäft am Ende der Panepistimiou-Straße ein wenig den Chic aus den Schaufenstern geweht. Grund sind die Kapitalverkehrskontrollen seit letztem Jahr. Haris redet gar nicht lange drum rum - es sei schwierig, meint er, als Grieche bei deutschen oder italienischen Zwischenhändlern rechtzeitig die neueste Kollektion zu bekommen. Seit die Geldströme langsamer und vor allem streng reguliert wurden, sei sein Sortiment stark ausgedünnt:

"Wir sind zum Glück ein traditioneller Laden. Unsere Kunden wechseln da nicht einfach, nur weil die allerneueste Mode fehlt. Die haben eh auch deutlich weniger Geld in der Tasche im Moment und dann kaufen sie lieber weniger Kleider, so wie es zu ihrem Geldbeutel passt und dann kaufen sie gute Qualität zu leicht gesenkten Preisen bei uns."

Wenn die Saison auf Ägina vorbei ist, gibt es kaum mehr Arbeit

Über das jüngste Lob der Geldgeber-Länder für Griechenland und seine Reformdisziplin können viele Griechen nur verbittert grinsen. Ein leichtes 1,5 Prozent-Wachstum, Licht am Horizont spüren und sehen sie nicht. Giorgos, Fahrrad- und Roller-Verleiher auf der Insel Ägina, zählt auf, was da aus vielen Durchschnittsverdienern Schlechtverdiener gemacht hat:

"24 Prozent Mehrwertsteuer haben wir jetzt auf viele Produkte - auch bei unserem Geschäft. Davor waren es 23 Prozent - und es ist noch gar nicht so lange her, da waren es nur 13 Prozent Steuern, ermäßigter Satz auf den Inseln."

Er sagt nicht, daran sei die Tsipras-Regierung schuld. Aber auf jeden Fall ist es seit letztem Jahr nochmal deutlich härter geworden, das Leben für fast alle. Immer noch strömen Athener Stadtbewohner an Wochenenden in Scharen über den Hauptort der  Insel Ägina. Aber, so erzählt es Giorgos, die Hauptsaison ist vorbei. Das Hauptgeschäft damit auch und seine Saisonkräfte haben keine Arbeit mehr:

"35 bis 40 Euro pro Tag haben die in den Sommermonaten verdient alles in allem. Dafür mussten sie kräftig ran."

Jetzt bleibt für sie nur Fischerei, Landwirtschaft oder ein anderer Nebenjob im Tourismus. Oder eben  abhauen von der Insel, sagt Giorgos.

"Von nur 600 oder gar 500 Euro im Monat zu leben, weil du nur einen Job hast, das ist wirklich unmöglich."

Krise hin oder her, wenn du einen Kaffee oder einen Drink haben möchtest, dann leistest Du dir trotzdem was, sagt der Schüler in der Strandbar. Sie ist gut besucht , gegessen wird aber fast nur Mitgebrachtes.

Unternehmergeist in Athens wohlhabendem Stadtteil Kolonaki

Optimismus, sich von der Krise nicht wegdrücken lassen: Das ist die Lebenseinstellung von Giannis Siganos. Vor zwei Jahren, zur Hochzeit der Krise, hat er im wohlhabenden Stadtteil Kolonaki an zentraler Stelle einen nagelneuen Weinhandel aufgemacht. Mit Flaschen für sieben, acht, aber auch für 30, 40 Euro:

"Die Krise war eine gute Möglichkeit gerade für junge, neue Leute dort zu investieren, wo es früher unmöglich gewesen wäre, einen Fuß reinzubekommen. Wenn sie nur all die Korruption, die ganze zusammengemogelte Wirtschaft nehmen, all das hat unser Leben beherrscht. Jetzt ist es viel einfacher geworden. Du musst nur an Dich selbst glauben. Also das Wort Krise bedeutet für mich Möglichkeit."

Eine Euphorie, von der sich das junge Team in der Weinhandlung täglich immer wieder anstecken lässt. Der Laden am zentralen Platz von Kolonaki brummt. Samstags mit Musik und Verkostung. Ganz so euphorisch geht's in Haris' Klamottenladen nicht zu. Aber der 52-jährige Besitzer lächelt auch, als er dem deutschen Besucher noch einen Wunsch mit auf den Weg gibt:

"Die deutschen Investoren, alle Menschen, die in Griechenland etwas mit aufbauen wollen, sollten uns vertrauen. Denn Griechenland war und wird immer ein guter europäischer Partner sein. Wir brauchen Zeit. Wir brauchen einfach Zeit. Wegen der 'capital controls' und der Marktschwierigkeiten. Wir brauchen die Hilfe der Banken, frisches Blut, Geld für die Wirtschaft. Dann werden wir die Probleme schon schnell meistern."

 

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