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StartseiteKommentare und Themen der WocheNicht verrückt machen lassen11.10.2018

Griechenland will ReparationszahlungenNicht verrückt machen lassen

Griechenland behält sich weiter Reparationsforderungen an Deutschland für Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg vor. Die Frage werde allerdings in Griechenland innenpolitisch instrumentalisiert, kommentiert Frank Capellan. Tsipras möchte im kommenden Jahr wiedergewählt werden, markige Worte kämen da immer ganz gut.

Von Frank Capellan

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Greek Prime Minister Alexis Tsipras, left, welcomes German President Frank-Walter Steinmeier, before their meeting in Athens, on Wednesday, Oct. 11, 2018. Steinmeier is in Greece on a two-day official visit . (AP Photo/Petros Giannakouris) (AP)
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beim griechischen Regierungschef Alexis Tsipras (l). Tsipras sei sichtlich darum bemüht gewesen, die Wiederannäherung beider Länder nicht zu belasten, so unser Kommentator (AP)
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Neustart! Ein neues Kapital in den deutsch-griechischen Beziehungen aufschlagen. Davon war in Athen oft die Rede. Bundespräsident Steinmeier und sein griechischer Kollege Pavlopoulos haben sich einiges vorgenommen, um das angeschlagene Verhältnis zwischen Deutschland und Griechenland zu normalisieren. Vor fünf Jahren war das Klima völlig vergiftet. Auf dem Höhepunkt der Griechenland-Krise wurden Finanzminister Schäuble und Kanzlerin Merkel als Nazis beschimpft, weil sie im Zuge der Euro-Rettungspakete Reformen verlangten, die an die Grenzen gingen. Auf deutscher Seite wurde das Bild von den faulen Griechen gepflegt. Es war auch die Zeit, als die Rechtspopulisten von der AfD mit ihrer Kritik an den milliardenschweren Programmen punkten konnten.

Athens Forderung droht die Annäherung zu stören

Die Zeit gegenseitiger Ressentiments wollen beide Seiten hinter sich lassen. Dass da nun ausgerechnet in Athen wieder über Reparationen gesprochen wird, droht die Annäherung allerdings zu stören. Bis zu 370 Milliarden Euro als Wiedergutmachung für die Verbrechen der Deutschen Wehrmacht werden in einem Bericht gefordert, über den das Parlament in Athen bald beraten wird. Eine unvorstellbare hohe Summe – und schon ist in Deutschland ein lautes Seufzen zu vernehmen: "Die Griechen wollen schon wieder Geld!" Die AfD dürfte diese Karte schnell wieder spielen.

Doch lassen wir uns nicht verrückt machen! Die Reparationsfrage wird in Griechenland innenpolitisch instrumentalisiert, Alexis Tsipras möchte im kommenden Jahr wiedergewählt werden, markige Worte kommen da immer ganz gut. In der Sache heißt das noch nichts. Der griechische Ministerpräsident zeigte sich heute äußerst moderat, verweist auf die Grundlagen des internationalen Rechtes. Deutschland – auch Bundespräsident Steinmeier – betont, dass völkerrechtlich alle Ansprüche Athens abgegolten sind, dagegen zu klagen, behält sich Tispras zwar vor, andererseits war er sichtlich darum bemüht, die Wiederannäherung beider Länder nicht zu belasten. Hoffnung macht da auch das Agieren der Präsidenten, Steinmeier und Pavlopoulos, die demonstrativ in die Zukunft blickten. "Wir vergessen nicht, was Ihr für Griechenland getan habt", meinte der griechische Präsident mit Blick auf die Euro-Rettung. "Aber Ihr habt es auch für Europa getan!" Jetzt müssen wir zusammenstehen, wir müssen Europa verteidigen, wir dürfen unsere Wertegemeinschaft nicht den Populisten überlassen, diese Haltung eint Steinmeier und Pavlopoulos, die mittlerweile auch eine persönliche Freundschaft verbindet.

Berechtigte Hoffnung auf einen Neustart

Das deutsch-griechische Jugendwerk, das heute gegründet wurde, kann dabei helfen. Wie, wenn nicht durch den Austausch junger Menschen ließe sich das gegenseitige Verständnis zwischen Deutschen und Griechen besser fördern? Es gilt, junge Leute zusammenzuführen, die weiter an die Zukunft Europas glauben. Das Erinnern an die dunkle Zeit der gemeinsamen Vergangenheit wird sie darin bestärken, sich dem dumpfen Nationalismus überall in Europa entgegenzustellen. Und ein aus politisch-taktischen Motiven geführter Streit über Reparationen wird sie davon nicht abhalten. Insofern ist die Hoffnung, berechtigt, dass der Neustart in den deutsch-griechischen Beziehungen nun wirklich gelingen kann.

Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub  )Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub )Frank Capellan, geboren 1965 im Rheinland, studierte Publizistik, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften, Promotion an der Universität Münster. Nach einer Ausbildung bei der Westdeutschen Zeitung folgte ein Volontariat beim Deutschlandfunk, dem er bis heute treu geblieben ist. Zunächst Moderator der Zeitfunk-Sendungen, unter anderem der Informationen am Morgen; seit vielen Jahren als Korrespondent im Hauptstadtstudio tätig, dort u. a. zuständig für die SPD, die Familienpolitik und Entwicklungszusammenarbeit.

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