Kommentare und Themen der Woche 23.12.2019

Griechische AufnahmelagerRettet die Kinder!Von Panajotis Gavrilis

Beitrag hören Flüchtlingskinder an einem mit Stacheldraht ausgestatteten Zaun an der griechisch-mazedonischen Grenze im Lager Idomeni. (picture alliance / dpa / Kostas Tsironis)Flüchtlingskinder an einem mit Stacheldraht ausgestatteten Zaun an der griechisch-mazedonischen Grenze im Lager Idomeni. (picture alliance / dpa / Kostas Tsironis)

Die Situation in den Aufnahmelagern griechischer Inseln ist vor allem für unbegleitete Kinder katastrophal. Sie müssen von dort weggeholt werden, kommentiert Panajotis Gavrilis anlässlich der Forderung von Grünen-Chef Robert Habeck. Alles andere ist eine Schande und die Kapitulation vor den Werten der EU.

Unbegleitete Minderjährige müssen aus den griechischen Flüchtlingslagern herausgeholt werden. Oder kurz gesagt: Die Kinder müssen gerettet werden. Sie spielen im Schlamm, im Dreck, schlafen dicht gedrängt in Zelten, bei Minusgraden, müssen sich zu Hunderten eine Toilette teilen. Altersgerechtes Aufwachsen – in Schutz und Würde mit Zugang zu Bildung, das Mindeste – unmöglich.

Immerhin erkennen fast alle an, darunter auch die Bundesregierung, in welchen Zuständen die Menschen leben müssen. Aber: Wer versucht, diese Zustände zu beschreiben, kommt häufig an die Grenze der eigenen Sprache. Die Wirkung der Worte "elendig, nicht tragbar, katastrophal" – sie stumpft mit jeder Wiederholung ab. Die Zustände sind zum Alltag geworden, es überrascht niemanden mehr, dass das alles mitten unter uns, mitten in der EU stattfindet. Um genau zu sein: Diese Situation gibt es seit der Einführung des sogenannten Hotspot-Konzepts der EU, die 2016 einen Deal mit der Türkei eingegangen ist, dessen Folgen seither sichtbar werden.

Bundesregierung will kein Herz zeigen

Zuletzt stiegen die Ankunftszahlen drastisch, die Aufnahmelager sind überfüllt. Fast 42.000 Migranten und Migrantinnen leben auf fünf ostägäischen Inseln – Platz gibt es aber gerade einmal für ein Fünftel. Laut UNHCR leben etwa 4.000 unbegleitete Minderjährige in ganz Griechenland, auf den Inseln sind es weniger als die Hälfte. Einige Bundesländer hatten sich schon vor einiger Zeit dazu bereit erklärt, Kinder aus den Lagern aufzunehmen.

Da kann man auch mal Herz zeigen, sagte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius, indem man Kinder aus dem Elend raushole. Die Möglichkeit besteht, die Kapazitäten sind da – allein der politische Wille fehlt und gerade der ist hier am nötigsten. Doch die Bundesregierung drückt sich vor der Verantwortung, sucht nach einer europäischen Lösung. Deutschland könne das nicht im Alleingang machen, heißt es. Warum nicht?

Aus dem Innenministerium heißt es dazu, eine Aufnahme wäre kein gutes Signal, nur Symbolpolitik. Wie bitte? Offensichtlich hat man Angst, dass Kinder über die Familienzusammenführung ihre Eltern nachholen könnten. Selbst wenn, wäre das ihr gutes Recht. Innenpolitisch will das aktuell aber wohl niemand verantworten. Die Bundesregierung will also kein Herz zeigen, stattdessen abwarten, bis eine EU-Lösung kommt. Das kann funktionieren, hilft den Menschen und vor allem den Kindern in ihrer akuten Situation aber nicht weiter.

Zustände als Abschreckung instrumentalisiert

Es ist ein Trauerspiel, eine Schande. Und die Kapitulation – vor den eigenen Werten wie Menschenwürde und Solidarität, die man sich als EU fast heuchlerisch vorgaukelt. Sie existieren schlicht nicht. Wäre es so, wären diese Lager längst geschlossen, die Menschen umverteilt, die Inseln entlastet. Die Zustände werden anscheinend als Abschreckung instrumentalisiert.

Fragt sich nur, wie viele Menschen auf den Inseln noch sterben müssen, bis es wirklich heißt: Es reicht. Spätestens im nächsten Jahr kommt die Forderung erneut auf, denn dass sich irgendetwas wirklich verbessert auf den griechischen Inseln. Dazu gibt es momentan keine Hoffnung.

Panajotis Gavrilis, Deutschlandradio Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Panajotis Gavrilis (Deutschlandradio / Anja Schäfer) Panajotis Gavrilis, Jahrgang 1987, hat Journalistik mit dem Schwerpunkt Wirtschaft/Politik in Bremen und Istanbul studiert. Er volontierte 2014 beim Deutschlandradio, war danach als freier Korrespondent in Griechenland, ehe er als Redakteur in der Hintergrundabteilung beim Deutschlandfunk Kultur tätig war. Seit 2018 arbeitet er als freier Korrespondent im Hauptstadtstudio von Deutschlandradio.

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