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StartseitePISAplusAkademikerwahn trotz Jobkrise07.06.2014

Griechische HochschulpolitikAkademikerwahn trotz Jobkrise

Lieber Ingenieur als Schlosser: 70 Prozent der griechischen Schüler entscheiden sich nach ihrem Abschluss für eine Akademikerlaufbahn und gegen eine Berufsausbildung. An Alternativen zum Studium mangelt es, da die berufliche Bildung in Griechenland dringend reformbedürftig ist.

Von Thomas Wagner

Zwei palästinensische Studierende in Talar und Dokturhut während ihrer Graduation an der Uni in Nablus.  (picture alliance / dpa / Alaa Badarneh)
70 Prozent der griechischen Schüler wollen an die Uni: Eine berufliche Ausbildung ist immer die zweite Wahl. (picture alliance / dpa / Alaa Badarneh)
Weiterführende Information

Schwerpunktthema - Griechische Unis im freien Fall (Deutschlandfunk, PISAplus, 07.06.2014)

Hochschulen: Hohe Hürden für deutsch-griechische Studiengänge (Deutschlandfunk, PISAplus, 07.06.2014)

"Europa hat wieder mal nicht geliefert" (Deutschlandradio Kultur, Interview mit Barbara Fabian, 12.11.2013)

Griechische Dozenten im Dauer-Streik (Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 29.10.2012)

Schwitzen, ein wenig Zittern - Prüfungsstress derzeit in Griechenland: Trotz aller Probleme an den Universitäten, über die wir hier in "PISAplus" bisher gehört haben - jeder Schüler, der irgendwie kann, will auf die Uni. Ulrike Driessner, Leiterin der Spracharbeit beim Goethe-Institut in Athen:

"Jetzt im Moment laufen die so genannten 'Pan-helladischen Prüfungen'. Das sind die Aufnahmeprüfungen an die Universität. Und alle Schüler, die es bis zur zwölften Klasse geschafft haben, sitzen jetzt und schreiben diese Prüfungen."

Während im europäischen Durchschnitt 50 Prozent eines Jahrgangs ein Studium beginnen, sind es in Griechenland satte 70 Prozent.

Jeder Schüler will auf die Uni

"Die Bildungstradition ist eher auf Hochschulbildung fokussiert. Sie versuchen, in die Hochschule zu gehen, Ärzte, Ingenieure und Rechtsanwälte zu werden. Die Berufsbildung ist eher mit niedrigerer und dreckigerer Arbeit verbunden. Und deshalb genießen sie ein geringeres Ansehen in der Bevölkerung."

So Alexandra Ioannidou, Mitarbeiterin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Athen. Sie beschäftigt sich in einer Studie mit der beruflichen Bildung in Griechenland. Das Ergebnis ihrer Untersuchung:

"Berufsbildung ist immer eine zweite Wahl, in Griechenland eine Notlösung, sowohl für die Kinder als auch die Eltern. Sie bevorzugen diesen Bildungsweg nicht."

Nach der Studie hat Griechenland Lehrer, Anwälte, Architekten und Ingenieure im Überfluss. Allerdings, so Ulrike Driessner vom Goethe-Institut:

Berufsausbildung ist hoffnungslos veraltet

"An qualifizierten Handwerkern fehlt es hier. Man findet immer mal wieder ein Goldstück. Aber man findet vor allem viel Blech, weil es keine regulierte Berufsausbildung in diesem Sinne gibt."

In ihrer Studie hat sich Alexandra Ioanndiou auch die Art der Berufsausbildung in Griechenland genauer angeschaut - und für hoffnungslos veraltet befunden.

"Also das Berufsbildungssytem ist kaum mit den Anforderungen der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes verbunden. Die Berufsbildung in Griechenland findet vor allem in Berufsschulen statt."

Bei den Lehrgängen für angehende Schlosser, Kfz-Mechaniker, Maler und viele andere Berufe fehlt es nach Ansicht von Alexandra Ioanndiou vor allem an einem: am Bezug zur Praxis.

Lehrgängen fehlt Bezug zur Praxis

"Nur zehn Prozent derjenigen, die eine Berufsausbildung wählen, gehen zu einer dualen Ausbildung. Das ist die griechische Agentur für Arbeit, die solche dualen Ausbildungen anbietet. Aber das ist quantitativ und qualitativ eher eine rudimentäre Erscheinung in Griechenland, diese duale Ausbildung, so wie man sie in Deutschland kennt."

Auch dies sei, glaubt Alexandra Ioannidou, eine wichtige Ursache der hohen Jugendarbeitslosigkeit von derzeit um die 60 Prozent. Gefragt seien in Griechenland viel mehr junge Menschen mit einem qualifizierten beruflichen Bildungsabschluss und weniger Akademiker.

"Es gibt diese so genannten Qualifikationsungleichgewichte oder Missmatch, wie die Forscher sagen, zwischen den Anforderungen der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes und der Qualifaktion der jungen Menschen. Und das hat sich während der Krise verschärft."

Keine Kontinuität in griechischer Bildungspolitik

Zwar gab es von Regierungsseite mehrfach Versuche, beispielsweise das Modell der dualen Ausbildung nach deutschem Vorbild auch in Griechenland voranzutreiben. Daran zeigen allerdings die Unternehmen selbst, die eigentlich die Profiteure wären, wenig Interesse. Daneben zeigt sich bei solchen Reformversuchen auch ein grundsätzliches Problem griechischer Bildungspolitik:

"Die Bildungsminister ändern sich im Schnitt alle zwei Jahre. Das heißt: Eine Reform, die vor zwei Jahren begonnen hat, da weiß niemand, ob sie vom neuen Bildungsminister umgesetzt wird oder wieder eine neue Reform dazu kommt."

Es fehle an Kontinuität in der griechischen Bildungspolitik - und das mache sich auch an den Hochschulen bemerkbar. Zwar sei bereits 2011 eine Hochschulreform beschlossen worden. Umgesetzt habe man aber nur das, was auf internationalen Druck hin geboten war: erhebliche Einsparungen beim Personal und bei den Sachmitteln.

Wie sehr das die Betroffenen schmerzt, zeigt sich bei einem Besuch im Goethe-Institut, die Teilnehmer in den Deutsch-Kursen sind von dem Thema derart angenervt, dass sie schon gar nicht mehr darüber reden wollen und alle Interviews ablehnen. Und deshalb reicht Sparen alleine nach Ansicht von Ulrike Driessner, Leiterin der Spracharbeit dort, längst nicht aus:

"Man spart sich zu Tode"

"Soweit hier nicht wirklich Reform geschieht, spart man sich hier zu Tode. Und das bringt niemandem etwas. Aber die Reformen hinken wahnsinnig hinterher."

Nach Meinung von Bildungsexpertin Ioannidou von der Friedrich-Eber-Stiftung müsste die griechische Regierung vor allem zwei Punkte angehen:

"Das größte Problem würde ich in dem Einfluss der politischen Parteien im Hochschulbetrieb sehen. Das zweite größte Problem würde ich in der fehlenden Internationalisierung der griechischen Hochschulen sehen. Die griechischen Hochschulen haben sehr wenig Studierende aus dem Ausland und noch weniger Professoren aus dem Ausland."

"Unis müssten Budgets selbst verwalten"

Nach Ansicht von Ulrike Driessner vom Goethe-Institut gibt es noch ein drittes strukturelles Problem: Die Universitäten haben bislang keine eigene Budgethoheit; das schwächt die Eigenverantwortung.

"Eigentlich müssten die Unis Budgets bekommen, die sie selbst verwalten. Alles läuft über die Bücher des Staates. Also warum soll ich Anstrengungen machen, irgendwo Einsparungen herbeizuführen, wenn ich selbst nichts davon habe"?

Angesichts all dieser Punkte scheint die Reform des griechischen Bildungssystems buchstäblich eine Sisyphos-Arbeit. Dennoch zeigt sich Alexandra Ioanndou zuversichtlich, dass die Verantwortlichen diese Aufgabe doch noch erfolgreich lösen werden. Denn eine gute Ausbildung nachfolgender Generationen sei der wichtigste Grundstein für die Bewältigung der Krise.

"Ich sehe das optimistisch in der Zukunft, trotz der Tatsache, dass die öffentlichen Ausgaben minimiert wurden. Es führt kein Weg daran vorbei, als dass griechische Bildungssystem zu reformieren und leistungsstärker zu machen."

 

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